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Der Norden So erwischt die Autobahnpolizei Raser auf der A 7 bei Göttingen
Nachrichten Der Norden So erwischt die Autobahnpolizei Raser auf der A 7 bei Göttingen
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00:16 14.05.2019
Die Straße im Blick: Andreas Teune (links) und Markus Ludolph von der Autobahnpolizei Göttingen. Quelle: Clemens Heidrich
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Göttingen

Andreas Teune drückt den Fuß aufs Gaspedal. Die Tachonadel zieht immer weiter nach rechts, mittlerweile ist sie bei 200 angekommen. Ein Schild an der Autobahn zeigt an: noch zwei Kilometer bis zur Baustelle. Beifahrer Markus Ludolph sagt die geltende Geschwindigkeitsbegrenzung an – erst 100 Stundenkilometer, dann 80, an der Baustelle schließlich 60. Trotzdem hetzt Teune noch immer mit Tempo 140 über die verengte linke Spur. Erst als der weiße Mini vor ihm wiederum durch seinen Vordermann ausgebremst wird, wird auch Teune langsamer.

Teune und Ludolph sind keine lebensmüden Raser. Sie sind Beamte der Göttinger Autobahnpolizei, gerade verfolgen sie einen Temposünder auf der A 7. In ihrem zivilen Fahrzeug – einem silberfarbenen BMW mit stolzen 250 PS – sind sie erst mal nicht als Polizisten zu erkennen. Ausgestattet ist das Auto mit einem sogenannten Police-Pilot-System, einem Messgerät, das während der Fahrt die Durchschnittsgeschwindigkeit des Vordermanns ermitteln kann – in diesem Fall das Tempo des weißen Minis. Mit Kameras zeichnen die Beamten das Vergehen gleich auf. Doch: „Die Messung war leider zu kurz, weil wir eben die Durchschnittsgeschwindigkeit messen“, sagt Teune. Weil er ausgebremst wurde, hat der Fahrer also noch mal Glück gehabt – zumindest vorerst.

Zahl der Verkehrstoten steigt deutlich

Auf den Autobahnen in Niedersachsen ist die Zahl der Unfälle 2018 im zweiten Jahr in Folge leicht gestiegen: Die Polizei registrierte 16.062 Verkehrsunfälle, wie aus der Verkehrsunfallstatistik des niedersächsischen Innenministeriums hervorgeht. Einen deutlichen Anstieg gab es bei den Verkehrstoten. Auf den niedersächsischen Autobahnen starben im vergangenen Jahr 59 Menschen bei Unfällen – und damit 21 mehr als noch im Jahr 2017. Die Hauptursache: überhöhte Geschwindigkeit.

Angesichts der Unfallzahlen, aber auch als Idee für den Klimaschutz flammt die Debatte um ein generelles Tempolimit in Deutschland immer wieder auf. Erst in dieser Woche starteten die Grünen einen neuen Anlauf mit einem Antrag im Bundestag. Darin fordert die Partei die Bundesregierung auf, ab 2020 eine entsprechende generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen einzuführen. Union, FDP und AfD kritisierten den Vorstoß der Grünen, auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bleibt bei seiner strikten Ablehnung eines flächendeckenden Tempolimits.

Hauptunfallursache: Geschwindigkeit

Dabei kann auch Polizeihauptkommissar Teune aus Göttingen bestätigen: „Die Hauptursachen für Unfälle sind hohe Geschwindigkeit, zu wenig Abstand und falsches Überholen.“ Ein Überholverbot wird schließlich auch dem Fahrer des weißen Minis auf der A 7 zum Verhängnis. Denn in der Baustelle ist das Überholen nicht erlaubt. Auf der linken Spur zieht der Mini trotzdem an mehreren Lastwagen und Autos vorbei, die Polizisten können das mit der Frontkamera im Videowagen aufzeichnen. Plötzlich geht alles ganz schnell. Während Ludolph noch das Kennzeichen des Minis für die Videoaufnahme diktiert, entdeckt Teune schon weitere Vergehen im Rückspiegel: Zwei weitere Autos missachten das Überholverbot, die Heckkamera zeichnet alles auf. Der Polizist drückt auf einen Knopf, und aus der Heckarmatur fährt eine Anzeige nach oben, auf der sich in großer, rot leuchtender Schrift die Worte Polizei und folgen abwechseln. Überholen bei unklarer Verkehrslage: Das macht 40 Euro für jeden der drei Autofahrer.

Gemeinsam mit seinen Kollegen hat Teune die A 7 von Lutterberg bis Seesen und die A 38 von Drammetal bis Arenshausen im Blick, der 53-Jährige ist seit 17 Jahren bei der Autobahnpolizei. Regelmäßig fährt er mit dem Videowagen durch das Einsatzgebiet, er erwischt dann bis zu fünf Raser in einer Schicht. Mit dem speziell ausgerüsteten Fahrzeug suchen die Polizisten nämlich nicht nach den „typischen 20-km/h-zu-schnell-Fahrern“, wie Ludolph sie nennt. Stattdessen wollen sie bei den Ausreißern Präventionsarbeit leisten.

Mit 200 in der 120er-Zone

An einer Stelle der Autobahn zeigt Teune auf die Fahrbahn und erzählt: „Hier haben wir mal einen Motorradfahrer mit 200 in der 120er-Zone gehabt.“ Auf der Straße sei sogar der Gummiabrieb deutlich zu sehen gewesen. „Als wir dem im Video gezeigt haben, wie er fährt, wurde der auch erst mal nachdenklich.“

factbox

Tempolimit auf Autobahnen: So ist die Lage bei Göttingen.

Richtige Verfolgungsjagden wie im Action-Film gehören aber nicht gerade zum Alltag der Polizisten – auch weil sie auf ihre eigene Sicherheit achten. „Wir fahren auch nicht jedem hinterher, wenn wir merken, das artet aus“, sagt Ludolph. „Mit Tempo 200 bei Regen ist es mir einfach zu riskant“, sagt der 32-Jährige.

Einsicht bei Autofahrern

Auch diese Schicht auf der A 7 bleibt vergleichsweise ruhig. Die beiden Männer erwischen noch einen Autofahrer, der mit 114 in der Tempo-80-Zone unterwegs ist. Er sieht seinen Fehler ein, will nicht mal das Beweisvideo sehen. Ansonsten helfen die Polizisten Autofahrern, die liegen geblieben sind, kontrollieren eine Notrufsäule und informieren Lkw-Fahrer bei einem monatlichen Trucker-Stammtisch über das Thema Gesundheit.

Zum hitzig diskutierten Tempolimit hat Polizeihauptkommissar Teune seine eigene Meinung. „Es gibt kaum Strecken, wo man ohne Limit sicher fahren kann“, sagt er. Doch dort, wo es sicher ist, sei er gegen eine Begrenzung. „Also, ich bin gegen ein generelles Tempolimit“, sagt Teune. Wenn es doch nur überall so ruhig wäre wie an diesem Tag auf diesem Abschnitt der A 7.

Die Geschichte der Radarmessung

Von 1953 bis 1957: Es gibt keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Die Straßenverkehrsordnung schreibt lediglich vor, dass der Fahrzeugführer die Fahrgeschwindigkeit so einzurichten habe, dass er jederzeit in der Lage ist, seinen Verpflichtungen im Verkehr Genüge zu leisten.

1956: Telefunken stellt auf der Polizeiausstellung in Essen das erste Verkehrsradargerät VRG1 vor.

1957: Ab dem 1. September gilt Tempo 50 innerhalb geschlossener Ortschaften.

1958: Die Phsyikalisch Technische Bundesanstalt (PTB) erteilt die Freigabe für den Nachfolger VRG2.

1959: Am 15. Februar findet die erste offizielle Radarmessung in Deutschland statt – an einer Straße zwischen Düsseldorf und Ratingen.

1961: Das Land Niedersachsen und die Stadt Hannover beginnen damit, Polizisten für die Radarmessung zu schulen.

1972: Tempo 100 wird auf Bundes- und Landesstraßen eingeführt.

1991: Der dänische Hersteller Hersteller ProVida division of Jai A/S entwickelt das Police-Pilot-System.

2017: Das Innenministerium Niedersachsen beschließt, dass die Autobahnpolizei keine neuen Videowagen erhält. Für eine Ersatzbeschaffung der 16 Fahrzeuge wird kein Geld mehr reserviert.

2019: Aktuell gibt es 4.666 fest installiere Blitzer in Deutschland, davon 508 in Niedersachsen.

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