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Der Norden Wehe, es war eine Falte im Laken – Eine frühere Praktikantin berichtet aus dem Kinderkurheim Waldhaus
Nachrichten Der Norden Wehe, es war eine Falte im Laken – Eine frühere Praktikantin berichtet aus dem Kinderkurheim Waldhaus
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08:02 30.11.2019
„Es war nicht alles rau“: Gudula Ronnenberg, ehemalige Mitarbeiterin im Kinderkurheim Bad Salzdetfurth. Quelle: Katrin Kutter
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Bad Salzdetfurth/Hannover

„Die Seelen wurden nicht bedacht.“ Der Satz hängt noch ein paar Sekunden in der Luft, nachdem Gudula Ronnenberg ihn ausgesprochen hat. Er fasst alles zusammen, was sie vorher beschrieben hat, den Drill, die Kälte, das Mitleidlose. Aber es gab Ausnahmen. Gudula Ronnenberg selbst war eine solche Ausnahme.

Gudula Ronnenberg hat im Sommer 1967, als 24-Jährige, ein Praktikum in der Kinderheilanstalt Bad Salzdetfurth absolviert. Sie war in zweien der drei Heime eingesetzt, die zu der Institution gehörten, dem Haus Sonnenblick und dem Waldhaus. Dorthin wurden Kinder von vier bis 14 Jahren zur Kur geschickt, dort herrschten auch von den Börden mehrfach bemängelte Zustände, dort kamen schließlich, wie berichtet, im Jahr 1969 drei Kinder ums Leben, wonach die Häuser geschlossen wurden.

Hauptsache Disziplin

Gudula Ronnenberg, Jahrgang 1943, aufgewachsen am Steinhuder Meer, hatte schon eine Ausbildung zur Gymnastiklehrerin und ein paar Monate Arbeit in einem Kinderheim im Allgäu hinter sich, als sie sich entschloss, noch ein Grundschullehrerinnenstudium anzuhängen, an der damaligen Pädagogischen Hochschule in der hannoverschen Bismarckstraße. Zu dem dafür nötigen Praktikum kam Gudula Ronnenberg (damals hieß sie noch Gudula Grenacher) nach Bad Salzdetfurth. Und eckte ziemlich bald bei ihren Vorgesetzten an.

Das Waldhaus in Bad Salzdetfurth auf einer alten Postkarte. Der Bau existiert nicht mehr. Quelle: privat

Die Hausregeln waren auf Disziplin ausgerichtet. „Die Nazizeit war noch zu nah“, sagt Gudula Ronnenberg. Zum Beispiel gab es, bei größeren Mädchen, die Auflage, dass sie ihre Betten selbst machen mussten, und wehe, es war eine Falte im Laken. Nach dem Bettenmachen sollten sie sich still verhalten, durften aber auch für eine halbe Stunde den Raum nicht verlassen. Stühle gab es nicht, die Mädchen mussten praktisch 30 Minuten in den Gängen zwischen den Betten stehen. Gudula Ronnenberg erlaubte ihnen, sich auf ein Bett zu setzen, sie machten Spiele dort – und wenn die Heimleiterin reinkam, „wurde sie fuchsteufelswild“.

Dorn im Auge

Diese „tyrannische“ Frau war höchstwahrscheinlich die damalige Kinderheilanstaltsleiterin Helga Rehmet. Sie machte auch Ärger, als die Praktikantin Ronnenberg ihren Plattenspieler auf den Hof trug und mit den Kindern Volkstänze übte: So was gehe nicht. Als Gudula Ronnenberg eine Tageswanderung veranstalten wollte, log die Leiterin, die Köchin wäre mit den Futterpaketen überfordert. Gudula Ronnenberg fragte die Köchin – alles bestens. „Ich war der Leiterin ein Dorn im Auge.“

In Gudula Ronnenbergs erster Gruppe waren siebenjährige Zwillinge. Sie weinten viel, eines der Mädchen war eines Abends nicht zu beruhigen. Da nahm Gudula Ronnenberg es mit in ihr Zimmer und ließ es dort einschlafen. „Das dürfen Sie nicht“, sagte man ihr am nächsten Tag. Sie blieb trotzdem zugewandt, sprach abends mit den Kindern, erzählte Märchen, beantwortete Fragen. Einmal wollten die Zwillinge über den Tod reden, und als das Gespräch zu Ende ging, sagte eines der Mädchen: „Das habe ich alles schon mal gewusst.“

Auch andere engagiert

Gudula Ronnenberg erzählt, dieser Satz sei ihr damals durch und durch gegangen. Was sie seinerzeit nicht wusste: Die Zwillinge hatten kurz zuvor ihre Mutter verloren. Sie hingen deshalb um so mehr an Gudula Ronnenberg – aber nach einem Wechsel der Gruppenleitung wurde der Praktikantin sogar verboten, die Mädchen zu sehen. Sie müssten sich an die neue Leiterin gewöhnen, hieß es. Später schrieben ihr die Kinder, besuchten sie. Der Kontakt hielt, bis Gudula Ronnenberg selbst drei Töchter hatte und die Zwillinge die Schule beendeten.

Gudula Ronnenberg hat nach dem Praktikum ihr Studium abgeschlossen, war Lehrerin in Hannover, Uslar, Stadthagen und wieder Hannover. Manchmal hat sie dort Dinge erlebt wie in Bad Salzdetfurth: „Drill.“ Das mochte sie nicht. „Ich habe alles so gemacht, wie ich erzogen worden bin, von meiner Mutter“, sagt Gudula Ronnenberg. Ihre Mutter war eine Anhängerin der Anthroposophen.

Es ist Gudula Ronnenberg wichtig zu sagen, dass nicht alles in der Kinderheilanstalt schlimm war, dass auch andere Praktikantinnen sich sehr engagierten. „Es war nicht alles rau. “ Aber bei der Leitung des Heims hätten die Kinder eher nicht im Vordergrund gestanden. Bei ihr und ihren Kolleginnen schon. „Ich habe die Kinder geliebt.“

Die Geschichte der Kinderkurheime in Bad Salzdetfurth

Die Geschichte der Kinderheilanstalt Bad Salzdetfurth reicht bis 1881 zurück. Damals entschieden hannoversche Honoratioren, darunter Johannes Samuel Büttner, Pastor am Henriettenstift, eine Institution für tuberkulosekranke Kinder aus „minderbemittelten Volksschichten“ zu gründen. Salzdetfurth wählten sie als Standort wegen der gesunden Solequellen.

Die Heime dienten in der Nazi-Zeit als Erziehungsanstalten nach dem Führerprinzip. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Gebäude als Lazarette und auch als Flüchtlingsheime genutzt. Danach begann wieder der Betrieb als Solekurheime.

Für eine Ausstellung in einem Museum in Bad Salzdetfurth hat Mario Müller, Dozent an der Uni Hildesheim, zusammen mit Studenten zehn Männer und Frauen befragt, die zwischen 1948 und 1950 eine der drei Kinderheilanstalten besucht haben. Acht der Befragten verbinden mit ihren Aufenthalten schöne Erinnerungen, zum Zeitpunkt des Besuches waren sie zwischen zehn und zwölf Jahre alt. Zwei der Befragten, die vier und fünf Jahre alt waren, als sie zur Kur kamen, fanden die Anstalten furchtbar.

Nach dem Tod von drei Kurkindern und der Schließung der Häuser suchten die Träger nach Nachfolgern aus dem evangelisch-sozialen Bereich – auch, damit die vielen öffentlichen und kirchlichen Zuschüsse für Umbauten und Sanierungen nicht zurückgezahlt werden mussten. Allein bis 1967 waren von der Inneren Mission 268.000 D-Mark gezahlt worden, bis 1969 steuerte das Land Niedersachsen 800.000 D-Mark bei. Das ergibt sich aus Unterlagen aus dem Landeskirchlichen Archiv Hannover.

Im Kirchenumfeld fand sich niemand. 1971 gingen Grundstück und Gebäude für den Betrag von 300.000 D-Mark an die Bezirksverbände Hannover und Weser-Ems der Arbeiterwohlfahrt. Das Waldhaus wurde abgerissen, die anderen Häuser neu errichtet. Die AWO betreibt dort heute ein Sprachheilzentrum.

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