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Digital Google dichtet
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19:35 26.05.2013
Von Hannah Suppa
Sie an, eine Suchmaschine, die dichtet: Oben zu sehen sind Google-Vorschläge zur automatischen Vervollständigung eines Satzes, der mit „wir sind alle“ beginnt. Quelle: Screenshot
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Hannover

Mathematiker haben es wahrscheinlich schon immer gewusst: Ein Algorithmus hat durchaus etwas Poetisches. Und selbst Gedichte lassen sich damit schreiben.
So gesehen beim Suchmaschinenriesen Google: Wer dort einen Satz in die Suchmaske eingibt, bekommt Vervollständigungsvorschläge. Und die führen nicht immer zum nächsten Restaurant oder zur gewünschten Information, sie können sogar wahrliche Weisheiten produzieren.Tippt man in das Suchfeld „Ich glaube“ ein, schlägt Google vor:

Ich glaube ich glaube es zu wagen
Ich glaube an Gott
Ich glaube ich bin jetzt mit Nils zusammen

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Die Eingabe „Es ist“ führt dabei nicht zu Erich Fried, sondern zu Existenziellem:

Es ist was es ist
Es ist noch Suppe da
Es ist alles eitel
Es ist so weit

Der lyrische Algorithmus erzeugt auf Deutsch wahrliche Kleinstkunstwerke: Drei-, Vier- oder Fünfzeiler über die Liebe, das Leben, den Kapitalismus oder die Selbstfindung. Es sind kleine Lebensweisheiten, nahezu Dadaistisches und Rührendes. Und die technisch erzeugten Verse sind nah am wirklichen Leben, auch wenn mathematische Programme sie errechnet haben: Denn angezeigt werden Begriffe oder Begriffskombinationen, die Google-Nutzer zuvor wirklich gesucht haben. Dabei bekommt jeder Suchende veränderte Treffer, denn es spielen auch Ort und Zeitpunkt der Suche eine Rolle.

Die Verse offenbaren aber auch, dass die Nutzer der Suchmaschine sehr Persönliches anvertrauen. So schlägt der Algorithmus für „Warum kann ich...“ als erstes vor: „Warum kann ich nicht weinen?“ und „Warum kann ich nicht glücklich sein?“
Google kann die neu entdeckte Lyrik-Ader nur recht sein: Denn mit der Autocomplete-Funktion hat der Internetkonzern derzeit eigentlich vor allem Ärger. Jüngst hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass Suchvorschläge, die Persönlichkeitsrechte verletzen, auf Aufforderung unterbunden werden müssen. Geklagt hatte ein Unternehmer, der bei der Eingabe seines Namens die Stichworte „Betrug“ und „Scientology“ vorgeschlagen bekam. Auch Bettina Wulff, Noch-Ehefrau des ehemaligen Bundespräsidenten, geht derzeit gerichtlich gegen den Konzern Google vor, weil die Vervollständigungsfunktion bei ihrem Namen „Rotlicht“ und „Prostituierte“ ergänzt.

Die Poesie der Suchmaschine ist als Erstes englischsprachigen Nutzern aufgefallen, in dem finnischen Blog "Google Poetics" sind die besten Drei- und Vierzeiler dokumentiert. Auch in Deutschland sammelt der Blog die besten Google-Gedichte. Nutzer schicken dafür einen Screenshot ihrer romantischen Verse ein. Unter dem von Spiegel Online“ initiierten Hashtag #googlegedichte dichten derzeit auch zahlreiche Twitter-Nutzer.

Suchschlager ist seit Sonntag natürlich der frisch gekürte Champions-
League-Sieger. Mit der Suche nach „Bayern“ erhält man folgende Treffer:

Die Bayern sind lieber Maschinen als Menschen
Die Bayern sind richtig lustig
Die Bayern sind arrogant

Auch Hannover ist Google ein kleines Gedicht wert. Auf die Suchanfrage „Hannover ist“ erscheint:

Hannover istanbul
Hannover ist putzmunter
Hannover ist langweilig
Hannover ist cool

Doch lange hat die Poesie nicht Bestand: Google passt seine Suchvorschläge ständig an, kein Vers ist länger als ein paar Tage nachvollziehbar. Was bleibt, ist ein Screenshot. Oder wie Google dichten würde: „Was bleibt ist die Erinnerung / Was bleibt ist die Veränderung was sich verändert bleibt“.

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