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08:00 15.12.2018
Die KI-Box mit dem israelischen Meisterredner Dan Zafrir. Quelle: IBM Research/dpa
San Francisco/Berlin

Nachdem Weltmeister Garri Kasparow 1997 das Match gegen den Schachcomputer „Deep Blue“ verloren hatte, haderte er mit seinem Spiel zutiefst: „Ich schäme mich für das, was ich am Ende des Matches getan habe. Aber dies ist erst der Anfang. Ich habe keinen Zweifel, dass ich die Mschine beim nächsten Mal wieder schlagen kann. Noch ist nichts bewiesen.“ Doch das zweite Kräftemessen blieb aus. „Deep Blue“, eine Schöpfung des Computerunternehmens IBM, wurde zum Museumsstück. Aber andere Schachprogramme schlugen weitere Großmeister.

Und die Entwicklung von Computern schritt voran. 2016 besiegte eine Google-Software einen der weltbesten Spieler in dem asiatischen Brettspiel Go. Nicht nur, dass das Spiel lange als zu komplex für Computer galt. Die Software überraschte zudem mit einem Zug, den kein Kenner des Spiels erwartet oder zunächst verstanden hätte. Und auch beim Pokern hatten Profis inzwischen das Nachsehen gegen Computer. „AlphaZero“, das neuste Projekt aus der Google-Schmiede, beherrscht Go, Schach und Shogi.

Nun steht der nächste Schritt bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenzen (KI) bevor. Im Mittelpunkt diesmal: die Sprache.

Die Maschine überzeugt mit Argumenten

San Francisco, Juni 2018. Auf einer Bühne steht eine schwarze Box. Sie ist etwa so hoch wie ein Mensch, nur etwas schmaler. Auf Höhe des Mundes gibt es ein meerblau fluoreszierendes Feld, in dem sich Linien wie Wellen wölben, wenn das Gerät spricht. Die Box, sechs Jahre lang von IBM entwickelt im „Project Debater“, hat eine weibliche Stimme. Sie soll im rhetorischen Wettkampf gegen zwei israelische Meisterredner argumentieren, einen Mann und eine Frau.

Zwar wird nach dem Duell kein klarer Sieger gekürt. Doch die Maschine überzeugt mit Argumenten, die so auch von Politikern kommen könnten. Etwa beim Thema Weltraumforschung: „Ein Weltraumforschungsprogramm ist mitentscheidend, um eine Großmacht zu sein“, sagt sie. Und die KI redet nicht nur, sondern sie hört auch zu und geht auf die Argumente ihrer Kontrahenten ein. Ohne mit dem Internet verbunden zu sein. Chefentwickler Noam Slonim glaubt an weitere bedeutsame Fortschritte in den kommenden Jahren: „Das Potenzial ist sehr groß.“

Menschen haben einen kreativen Vorteil

„Irgendwann wissen wir wahrscheinlich gar nicht mehr, ob das ein Mensch ist oder eine Maschine“, sagt Dietmar Till, Rhetorikprofessor an der Universität Tübingen. Die Maschine spreche zwar etwas monoton, aber fehlerfrei. Das sei schon eine riesige Leistung. Und: „Es ist etwas ganz anderes als Schach.“

Den größten Vorteil der Box sieht Till in der Rechenleistung. „Das Programm wälzt in einer Riesengeschwindigkeit Datenbanken und sucht historische Fälle heraus.“ Und wo sieht er den Vorteil des Menschen? „Ich glaube, der Mensch wird immer die Nase vorn haben, wenn Kreativität gefragt ist, wenn es um überraschende Momente geht oder darum, Konventionen und Erwartungshaltungen zu brechen.“

Vorteil für denjenigen mit der besten rhetorischen KI

IBM knüpft mit dem Projekt an zwei Traditionen an. Zum einen setzt sich das Unternehmen immer neue Ziele, sogenannte „Grand Challenges“, um die Fähigkeiten von Maschinen auszubauen. Außerdem setzt das Projekt eine 2500-jährige Rhetorikgeschichte fort.

Auf der Projektseite heißt es: „Kulturell liegt der Ursprung der Debatte nicht im Konflikt und Wettbewerb, sondern in der Demokratie und Diskussion.“ Das verweist offensichtlich auf das antike Athen, in dem freie Bürger an Entscheidungen mitwirken durften und andere durch ihre sprachliche Gewandtheit überzeugen konnten.

Einem Ursprungsmythos zufolge entstand die Redekunst im 5. Jahrhundert v. Chr. in der griechischen Kolonie Syrakus auf Sizilien. Dort herrschte nach der Entmachtung eines Tyrannen reichlich Streit. „Das waren juristische Fälle“, sagt Till. „Da war die Frage: Wem gehört nun das Land, das der Tyrann vorher für sich reklamiert hatte?“ Redelehrer traten auf, um die Beteiligten rhetorisch zu coachen.

In Zukunft könnte bei solchen Streitthemen derjenige die Nase vorn haben, der über das beste rhetorische KI-System verfügt. Oder der, der sich rhetorisch gegen die Maschinen behaupten kann.

Noch macht die KI keine Wortspiele à la Caesar

Einen Vorteil für den Menschen sieht Winfried Menninghaus, Direktor am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main, wenn es um die reine Formulierung geht. „Markant und merkbar“ werden Sätze demnach, wenn sie unwahrscheinliche Merkmale enthalten, wenn sie das, was die Zuhörer erwarten, brechen – also wenn sie überraschen.

Als Beispiel führt Menninghaus einen Satz an, der einer Maschine wohl nicht so leicht einfallen würde. Von Gaius Julius Caesar, der nicht nur ein gewiefter Feldherr war, sondern auch ein begnadeter Redner. „“Veni, vidi, vici“ (Anm.: „ich kam, ich sah, ich siegte“) hat sich in das allgemeine Gedächtnis eingebrannt, weil diese Wortfolge absolut unwahrscheinlich ist“, sagt Menninghaus.

So etwas zu kreieren entspricht nicht der Logik der „Debater“-KI. Sie nutzt für ihre Formulierungen Übergangswahrscheinlichkeiten, die sich an einer riesigen Textsammlung orientieren. Auf ein Wort folgt das, welches als wahrscheinlich nächstes berechnet wird. So klingt ihr Vortrag dann zwar fehlerfrei, aber auch etwas zu glatt. Mit Wortspielen à la Caesar kann sie (noch) nicht beeindrucken. Auch erreicht sie nicht die sprachliche Gewandtheit eines Malcolm X, Martin Luther King oder Barack Obama.

„Debater-KI“ hat Humor

Wenn nicht sprachlich, dann bricht die „Debater“-KI die Erwartungen des Publikums aber inhaltlich. Mit Humor. Als eine Rednerin auf der Bühne sehr schnell spricht, reagiert die schwarze Box cool: „Du sprichst mit einer extremen Geschwindigkeit von 218 Worten pro Minute. Es gibt keinen Grund, sich zu beeilen.“ Das menschliche Publikum lacht.

„Wir wollen, dass die Leute die Debatte genießen», sagt die «Debater»-Projekmanagerin Ranit Aharonov. Das System habe einen Fundus an Witzen. „Wir lassen es lernen, den richtigen Scherz zur richtigen Zeit zu sagen.“

„Das System versucht nicht, sich als Mensch darzustellen», ergänzt ihr Kollege Slonim. Die Witze drückten explizit oder implizit aus, dass es sich um eine Maschine handelt. Menschen, so Slonim, könnten die Wörter der Kontrahenten nicht zählen. Das sei offensichtlich. Auch mit dem Design, das jegliche Ansätze menschlicher Gestik und Mimik vermissen lässt, sind die Entwickler zufrieden.

Anwendungsmöglichkeit: Schnell Pro- und Kontra-Argumente finden

Nichtsdestotrotz könnte die Technologie, die hinter dem „Debater Project“ steht, irgendwann die Arbeit von Menschen verrichten oder für diese Entscheidungen treffen. Auch die weitreichenden Folgen der Industrialisierung hatte etwa nach der Erfindung leistungsfähiger Nähmaschinen im 19. Jahrhundert oder der Etablierung der Fließbandfertigung Anfang des 20. Jahrhunderts nicht jeder vor Augen. „Es sind riesige gesellschaftliche Umwälzungen, die durch so eine Technologie auf uns zukommen können“, sagt der Rhetoriker Till.

Projekmanagerin Aharonov sieht das Projekt zuerst als technologische Herausforderung. Sie prognostiziert für die „Debater“-Technologie aber auch Vermarktungsmöglichkeiten – in Anwaltskanzleien, Vorstandsetagen und bei Entscheidungsträgern in der Politik. „Diese Leute brauchen etwas, das die riesigen Berge an Textdaten sichten kann und schnell und effizient Pro- oder Kontra-Argumente finden kann.“ In Schulen könnten solche Maschinen als Trainingspartner in Debattierrunden dienen.

Auch wenn Weltmeister Kasparow im Schach gegen „Deep Blue“ verlor, die Fähigkeiten von Maschinen bewertete er generell skeptisch: „Die Nuancen menschlichen Lebens und Geistes werden Computer nie begreifen.“

Von RND/dpa

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