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Digital Screenreader: Wie Menschen mit Sehbehinderung barrierefrei surfen
Nachrichten Digital Screenreader: Wie Menschen mit Sehbehinderung barrierefrei surfen
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14:29 25.02.2019
Die USA sind bei der Inklusion Vorreiter. Quelle: iStock/RND-Montage
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Hannover

Sobald Hans Günter Funke sein Smartphone entriegelt, beginnt es unentwegt zu sprechen. Erhält der 66-Jährige eine Nachricht, wird sie sofort vorgelesen. Fährt er mit dem Finger über den Startbildschirm, erklingen die Namen der Apps. Wählt er Twitter an, trägt ihm eine hektische Computerstimme die Inhalte der Tweets vor. Eine Pause legt die mechanische Sprachassistentin nur selten ein.

Seit seinem 22. Lebensjahr ist Hans Günter Funke blind. Er ging auf die 60 zu, als er erstmals ein Smartphone in den Händen hielt. Es war ein iPhone 5. Schon damals war ein sogenannter Screenreader, auch Vorleseanwendung genannt, vorinstalliert. „Die Digitalisierung hat uns Blinden eine ganz neue Welt eröffnet“, sagt Funke. Speziell Smartphones hätten die Orientierung im Freien, den Zugang zu Informationen und die Kommunikation mit anderen Menschen erheblich erleichtert. „Als die ersten Geräte erschienen, herrschte unter den Blinden eine wahre Euphorie.“

Teilhabe an sozialen Netzwerken

Wie viele blinde und sehbehinderte Menschen es in Deutschland gibt, wird nicht statistisch erfasst. Eine gängige Hochrechnung geht von etwa 650 000 aus, eine andere gar von 1,2 Millionen. So oder so: Sie sind ein großer Teil der Gesellschaft, der nach Teilhabe strebt. Nicht erst seit 2009, als Deutschland die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen unterzeichnete, die die Inklusion behinderter Personen zum Menschenrecht machte.

Inklusion bedeutet im digitalen Zeitalter auch die Teilhabe an den dominierenden Kommunikationskanälen unserer Zeit: den sozialen Netzwerken. Um die Barrierefreiheit sei es dort im Großen und Ganzen gut bestellt, sagt Robbie Sandberg vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. „Bei oberflächlicher Nutzung stoßen wir kaum auf Barrieren.“ Zumindest was die Bedienung betrifft. „Gelegentlich kommen Updates heraus, die dann wieder eine Barriere schaffen, weil etwa der Screenreader den Absender einer Nachricht nicht mehr erfassen kann“, moniert Sandberg. „Diese Lücken werden nach Protest der blinden Nutzer aber meist schnell behoben.“

Instagram hinkt hinterher

Bei den Inhalten hingegen sind die Probleme gravierender. Netzwerke wie Twitter und Whatsapp, die im Wesentlichen textbasiert sind, können von Screenreadern pro­blemlos erfasst und ausgelesen werden. Bei Instagram – einem der am schnellsten wachsenden sozialen Netzwerke mit allein 15 Millionen Nutzern in Deutschland – stoßen Sehbehinderte aufgrund des Fokus auf Bildinhalte, wenig überraschend, auf größere Barrieren.

Die Betreiber versprachen Ende vergangenen Jahres Abhilfe: „Automatische Alternativtexte“ heißt die Funktion, die Instagram seit Kurzem anbietet. Alternativtexte sind Bildbeschreibungen, welche die Nutzer ihren Inhalten optional hinzufügen können und die im regulären Betrieb nicht sichtbar sind, jedoch von Screenreadern erfasst werden. Die automatischen Alternativtexte sollen nun die Inhalte von Fotos auch ohne diese zusätzlichen Beschreibungen selbstständig erkennen.

Das funktioniert jedoch nur unzureichend, wie Sandberg meint. Mit wenigen Klicks in den Smartphone-Einstellungen kann jeder selbst ausprobieren, wie rudimentär diese automatisierten Beschreibungen sind. Eine malerische Stadtkulisse im Abendrot wird von der Computerstimme auf ein „Bild könnte enthalten: Stadt, im Freien, Bild“ reduziert. Das Porträt eines Models: „Bild könnte enthalten: eins Person, Nahaufnahme, Bild.“ Das Foto vom Stubentiger der Nachbarn: „Bild könnte enthalten: eins oder mehrere Personen, Katze, Bild.“

Es ist überaus wahrscheinlich, dass die automatische Bilderkennung in einigen Jahren deutlich besser und präziser operieren wird. „Vor zehn Jahren hätte sich auch niemand vorstellen können, dass wir irgendwann diese Zauberkästen haben würden“, sagt Hans Günter Funke und meint sein Smartphone. Bis dahin aber sind Sehbehinderte auf die manuellen Alternativtexte der Nutzer angewiesen – und hier herrscht noch enormer Nachholbedarf. „Vielen ist noch gar nicht bekannt, dass es diese Funktion überhaupt gibt“, sagt Sandberg und wünscht sich deshalb von den Betreibern der sozialen Netzwerke, die Möglichkeit zur Erstellung von Alternativtexten sichtbarer, wenn nicht gar zum Standard zu machen. Die Nutzer wiederum können ihren Teil beitragen, indem sie die Funktion öfter oder überhaupt nutzen. Auch staatlichen Stellen und öffentlich-rechtlichen Medien fehle hier bislang die Sensibilität, so Sandberg. In den Instagram-Beiträgen der „Tagesschau“ beispielsweise erkennt die automatische Bilderkennung nur „eins Person, im Freien“.

Die USA sind Vorreiter

In gewisser Weise haben Sehbehinderte hierzulande jedoch Glück, dass sämtliche großen Netzwerke von US-Anbietern stammen. Denn auf der anderen Seite des Atlantiks – das können Funke und Sandberg aus jahrelanger Erfahrung bestätigen – seien sowohl das öffentliche Bewusstsein als auch die rechtliche Lage für das Thema besser als in Deutschland. Dort wurde beispielsweise erst kürzlich Sammelklage gegen die Sängerin Beyoncé eingereicht, weil ihre Website nicht sehbehindertengerecht war. „Es ist ärgerlich, dass es immer als guter Wille ausgelegt wird, wenn im Nachhinein Barrieren abgebaut werden“, sagt Sandberg. „Bei der Einführung neuer Dienste heißt es dann immer: ‚Eines unserer Ziele ist Barrierefreiheit.’“ Dabei sollte die Verbalisierung digitaler Dienste seiner Ansicht nach der Normalfall sein. Auch Funke meint: „Selbstverständliches wird viel zu oft als Besonderheit dargestellt. In Deutschland wird die Frage des Blindseins oft als Kostenfrage gesehen.“

Dann aber fügt er hinzu: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Ein weiterer Grund, weshalb Blinde verstärkt in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Youtube aktiv sind: Sie wollen für Sehende sichtbarer werden. Und damit möglicherweise ebenjenes Bewusstsein schaffen, das in den USA und vielen weiteren Ländern bereits existiert. „Es wäre schön, wenn die Öffentlichkeit eine größere Bereitschaft dafür entwickeln würde, sich dem internationalen Trend anzuschließen“, meint Hans Günter Funke. Dann meldet sich wieder die Stimme aus seinem Smartphone zu Wort.

Von Christian Neffe/RND

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