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Digital Spielzeug, das mithört: Wie sicher sind Smart Toys?
Nachrichten Digital Spielzeug, das mithört: Wie sicher sind Smart Toys?
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12:47 12.06.2019
Große Augen, große Ohren: Smart Toys können viel mehr mithören, als einem lieb ist. Quelle: Wonder Workshop
Hannover

Kleine Roboter bahnen sich dank Sensoren ihren Weg durch das Kinderzimmer. Die Holzeisenbahn lässt sich per App steuern, Kinderbücher per smarten Stift vorlesen. Selbst die Puppe oder der Teddy antwortet plötzlich den kindlichen Monologen.

Sogenannte Smart Toys – also Spielzeug ausgestattet mit Lautsprechern, Mikrofonen und anderen Sensoren, oft mit dem Internet verbunden – sind auch in deutschen Kinderzimmern auf dem Vormarsch. Aus durchaus verständlichen Gründen, wie Axel Dammler, Spielzeugexperte beim Marktforschungsinstitut iconkids & youth, erklärt. „Die Spielzeughersteller haben schon immer nach Möglichkeiten gesucht, die Spielwelt der Kinder zu erweitern.“

Früher konnte ein Teddy brummen, eine Puppe weinen. Heute ist es eben möglich, Roboter zu programmieren oder mit den Puppen zu interagieren. Begünstigt wird diese Entwicklung durch eine immer billigere und gleichzeitig leistungsfähige Technik. Außerdem ist der Umgang mit Smartphone und Tablet für viele Kinder inzwischen eine Selbstverständlichkeit. So wundert es kaum, dass Sensorik, Programmieren für Kinder und Sprachsteuerung wichtige Trendthemen auf der jüngsten Spielemesse in Nürnberg waren. Aus gutem Grund glaubt Dammler: „Kinder finden interaktive Spielzeuge gut. Ihr Spielerlebnis wird noch realitätsnäher und individueller.“

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Lauschangriff aufs Kinderzimmer

Puppe „Cayla“ als Spionagewerkezug eingestuft

Doch das vernetzte Spielzeug stößt auch auf Kritik. Seit einigen Jahren warnen Verbraucherschützer vor „Spionen im Kinderzimmer“. „Besonders unzureichend gesicherte Funkverbindungen eröffnen die Gefahr unberechtigter Zugriffe von außen“, sagt Lisa Scheibel vom Marktwächter Team der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Hacker könnten im schlimmsten Fall von außen auf die Geräte zugreifen, mit Kindern kommunizieren oder sie über eine Kamera beobachten.

Ein übertriebenes Horrorszenario? Keinesfalls, wie der Fall der „smarten“ Puppe „My friend Cayla“ zeigt. Die Puppe konnte sich per Bluetooth mit einem Smartphone verbinden und alles mithören, was im Kinderzimmer gesprochen wurde. Die Daten wurden auf Servern im Ausland verarbeitet und daraus passende Antworten für die Kinder generiert. Bei diesen Verbindungen gab es so große Sicherheitsmängel, dass die Bundesnetzagentur 2017 die Puppe als Spionagewerkzeug einstufte und vom Markt nahm.

Dass Cayla kein Einzelfall war, zeigte ein Test der Stiftung Warentest. Bei drei von sieben getesteten Spielzeugen waren die Verbindungen weder mit Passwort noch mit PIN-Code gesichert. Sie nachträglich sicher zu machen sei kaum möglich, wie Scheibel erklärt. Viele Spielzeuge ließen sich nicht ausreichend konfigurieren. Auch an Bluetooth-Verbindungen können Laien wenig verändern. Für sichere Rahmenbedingungen müssten also die Hersteller selbst sorgen.

Spielen mit Smart Toys ohne Risiko

Wer die Gefahren von vernetztem Spielzeug minimieren möchte, sollte sich einige Tipps der Verbraucherzentrale zu Herzen nehmen:

• Überprüfen Sie, welche Funktionen das Spielzeug genau hat.

• Stellen Sie sicher, dass keine ständige Verbindung zum Netz besteht und die Mikrofone nicht alles aufzeichnen, was in der Nähe des Spielzeugs gesprochen wird.

• Geben Sie nie leichtfertig persönliche Daten oder Daten des Kindes preis.

• Probleme mit digitalen Produkten können Sie dem Projekt Marktwächter Digitale Welt der Verbraucherzentralen melden.

Kinder müssen geschützt werden

Benjamin Wockenfuß, Projektleiter DigiKids bei der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen, sieht große Verantwortung auch bei den Eltern. Kinder seien sich des Ausmaßes der Medienwirkung noch nicht bewusst und müssten besser geschützt werden, mahnt er. Sie wüssten auch nicht, welche Geheimnisse sie bewusst oder unbewusst verraten. Deshalb sollten Eltern genau prüfen, welche Spielzeuge sie in die Kinderzimmer lassen und wann. „Wir würden einem Kind niemals ein Bier in die Hand drücken. Ähnlich fahrlässig ist es, ohne Prüfung vernetztes Spielzeug für Kleinkinder zu kaufen“, sagt Wockenfuß.

Das Lesen der Datenschutzerklärung und eine Recherche zum Hersteller sei deshalb Pflicht. Wie geht der Hersteller mit den Daten um? Wo stehen die Server – in Deutschland, in Europa oder doch Asien? Wie und wofür werden die Sprachaufnahmen ausgewertet? Haben Dritte Zugriff auf die Daten? Natürlich sollte auch der pädagogische Mehrwert stimmen. Braucht es wirklich eine Puppe oder einen Teddy, der mit einem Kleinkind redet und permanent zuhört? Oder reicht für diesen Dialog nicht die kindliche Fantasie? Vor allem im Kindergartenalter sieht der Medienpädagoge Smart Toys als völlig überflüssig.

Es geht auch anders – nämlich pädagogisch wertvoll

Deutlich größer ist die Begeisterung vieler Eltern und Pädagogen bei vernetztem Spielzeug für ältere Kinder. Vor allem Programmieren für Kinder ist ein wichtiges Thema für viele Spielehersteller. So bietet Lego unter den Labels Boost und WeDo eine ganze Reihe von programmierbaren Robotern an. Kinder können sie nicht nur zusammenbauen, sondern sie auch mithilfe einer sehr bildlichen Programmiersprache in Bewegung setzen und mit ihnen interagieren. Zur Kommunikation und Steuerung besitzen sie allerlei Infrarotsensoren, Räder und Lämpchen. Programmieren lassen sie sich via Bluetooth übers Tablet oder Smartphone. Eine dauerhafte Verbindung mit dem Internet ist dagegen nicht nötig. Sogar in vielen Schulen und Zukunftswerkstätten werden Lego-Roboter inzwischen genutzt.

Gleiches gilt für den kleinen, blauen Roboter Dash. Mit ein paar Befehlen kann er tanzen, sich durch das Kinderzimmer bewegen oder sogar Xylofon spielen. Auch er wird über eine Bluetooth-Verbindung und eine App programmiert und gesteuert.

Nintendo hat 2018 eine pädagogisch wertvolle Erweiterung für seine Switch-Konsole vorgestellt: Labo verbindet die analoge mit der digitalen Welt und soll Kindern Technik beibringen – und zwar mit Pappe. Es lassen sich genauso Klaviere wie Virtual-Reality-Brillen bauen. „Diese Art von Spielzeug hat ein sehr konstruktives Element. Das kommt bei den Kindern und Eltern sehr gut an“, bestätigt Marktforscher Axel Dammler. Darin liege sicher mehr Potenzial als in Cayla und Co. Doch der pädagogische Mehrwert kostet auch: Eltern müssen bei Preisen von 150 Euro und mehr oftmals tief in die Tasche greifen.

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Von Birk Grüling/RND

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