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Hannover Ärger übers „Limmern“: Die Party auf der Limmerstraße geht weiter
Nachrichten Hannover Ärger übers „Limmern“: Die Party auf der Limmerstraße geht weiter
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20:17 28.09.2019
Hauptsache, es macht Spaß: Limmern im Einkaufswagen auf der Limmerstraße. Quelle: Nina Hoffmann
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Hannover

Die Sommernächte sind vorbei. Die Nächte, in den das Straßenpflaster so warm blieb, dass das Feiervolk bis in die Morgenstunden auf der Limmerstraße und auf den Treppen der Hauseingänge sitzen konnte, ohne einen kalten Hintern zu bekommen. Für Anwohner bedeutet das: Sie haben endlich wieder Nachtruhe. Denn wo im Sommer Hunderte feierten, sind nun nur noch ein paar Versprengte anzutreffen.

Judith (30) und Silvia (29) genehmigen sich ihr Feierabendbier auf den Eingangsstufen einer Buchhandlung. Etwas kalt und nicht wirklich bequem ist der Platz, den sich die beiden Freundinnen ausgesucht haben. In eine Bar gehen wollen sie trotzdem nicht. „Hier bekommt man viel mehr vom Leben mit“, meint Judith. „Die ,Limmer‘ ist einfach ein unglaublich authentischer Ort.“ Dem stimmt auch Freundin Silvia zu. „Einfach draußen zu sitzen und entspannt zu quatschen – das verschafft richtig Urlaubsflair.“

Silvia (29) und Judith (30) aus der Nordstadt Quelle: Nina Hoffmann

Schon vor Jahren hat sich diese Art des Nachtschwärmens unter dem Begriff Limmern etabliert; die Straße heißt bei deren Fans nur kurz: die „Limmer“. Und ebenso lange kämpfen Anwohner dagegen – und für ihre Nachtruhe. Aus lauter Verzweiflung über die nächtlichen Feierorgien gründete sich 2011 die Nachbarschaftsinitiative Linden-Nord (NIL). Lange schien ihr Streiten gegen die Massen von Feierwilligen, die aus allen Stadtteilen in die Limmerstraße strömten, aussichtslos. In diesem Sommer allerdings scheint der Lärm zumindest nicht schlimmer geworden zu sein.

Die Stadt greift härter durch

Vielleicht liegt das daran, dass Stadt und Region inzwischen härter durchgreifen. Nach anhaltenden Beschwerden hat die Region in Abstimmung mit der Stadt zwei Kiosken die Lizenz entzogen, nach 22 Uhr Alkohol zu verkaufen, sagt Stadtsprecher Udo Möller. Gegen zwei weitere Trinkhallen seien gleichlautende Verfügungen vorgesehen. „Ein Kiosk hat mittlerweile von sich aus den Betrieb nach 22 Uhr eingestellt.“

Zudem wurde der städtische Ordnungsdienst personell verstärkt, der seit dem vergangenen Jahr bis Mitternacht auch auf der Limmerstraße kontrolliert. Ein zusätzlich beauftragter privater Ordnungsdienst patrouilliert an Wochenenden und Feiertagen sogar bis 4 Uhr früh (ab 20 Uhr). „Aus Sicht des Ordnungsdienstes war es tatsächlich relativ ruhig“, sagt Stadt-Sprecher Udo Möller. Zusätzlich fungieren noch Straßensozialarbeiter des Karl-Lemmermann-Hauses als Ansprechpartner für Bürger, die sich gestört fühlen.

Draußen spielt das Leben: Ein Kiosktisch mit Bierflaschen darauf. Quelle: Nina Hoffmann

 

„Da mussten wir reagieren“

Doch trotz aller Bemühungen bleibt das Limmern ein Problem. Das Café Henri, dessen Außenbestuhlung im vergangenen Jahr nachts ein willkommener Treff der Feiernden war, hatte deshalb in diesem Sommer seine Stühle und Tische unbenutzbar angekettet. „Die Sitzgruppen waren morgens völlig vermüllt“, sagt Michael Vesper, Betriebsleiter der Gastronomiekette. Zunächst habe man Mülleimer aufgestellt. „Aber der Abfall lag jeden Morgen daneben. Da mussten wir reagieren.“

In der Hand ein Herri-to-go

Mit einem Plastik-Bierbecher in der Hand schlendert Matthias Abeln (27), die Straße entlang. Er geht regelmäßig mit Freunden limmern, sagt er – ob gemütlich den Abend ausklingen lassen oder als Zwischenstopp, bevor die Clubs öffnen. „In Hamburg gibt es das Cornern, hier gibt es das Limmern – so hat eben jede Stadt sein eigenes, kleines Stück Straßenkultur“, sagt der 27-Jährige. „Frisch gezapftes Herri-to-go am Kiosk ist etwas Besonderes, das gibt es nicht überall. Gerade diese kleinen Dinge verleihen der Kioskkultur auf der ,Limmer  einfach ihren Charakter.“

Mit frisch gezapftem Kioskbier: Matthias Abeln (27) geht regelmäßig limmern. Quelle: Nina Hoffmann

Zu diesem Charakter gehört allerdings auch, dass die Kioske und der Rewe-Markt in der Straße zwar Bier verkaufen, aber keine Toiletten vorhalten. Was dazu führt, dass Limmernde entweder in irgendwelche Ecken urinieren, oder die Gastronomie aufsuchen – ohne allerdings hier etwas zu verzehren. Aliki M., Mitbetreiberin des Salons Waschweiber, ein Waschsalon mit Gastronomie, ärgert sich schon lange darüber. Dutzende besuchten an warmen Tagen täglich den Salon zum Urinieren – und viele weigerten sich anschließend sogar, 50 Cent für den Toilettenbesuch zu zahlen. „Wir hören hier wüste Beschimpfungen“, sagt sie. Am liebsten würde sie Limmernde ganz raushalten aus ihrem Laden. „Die Leute beschmutzen unsere Toiletten so, dass sich unsere Gäste ekeln müssen.“ Deshalb haben sich die Waschweiber auch vor Jahren der Aktion „Nette Toilette“ verweigert. Dabei sollten Gastronomen, die ihre Toilette für Nicht-Gäste öffnen, mit 100 Euro im Monat unterstützt werden. „Das Geld reicht nicht aus, um den Schaden zu kompensieren“, sagt M.

Politiker fordern mehr Toiletten

Dass es mehr Toiletten auf der Limmerstraße geben muss, hat auch der Bezirksrat Linden-Limmer erkannt. Der gegenwärtige Zustand ist untragbar – da sind sich alle Fraktionen einig. In seltener Eintracht hat das Gremium jetzt von der Stadt gefordert, mehr öffentliche Toiletten aufzustellen. Zudem drängen die Politiker auf eine Ausweitung der Öffnungszeiten der bestehenden WC-Anlagen. Vor allem am Wochenende und in den Sommermonaten sollen sie bis Mitternacht zugänglich sein.

Mit dem Ende des Sommers ist die Limmer-Saison aber nicht automatisch vorbei, warnt Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube. „Im Oktober strömen wieder die Erstsemester-Gruppen der Hochschulen auf die Limmerstraße“, sagt er. Deswegen sei der Bezirksrat auch mit den Fachschaften der Hochschulen im Gespräch. „Kann sein, dass das Lärmproblem im Herbst nur deshalb als kleiner gefunden wird, weil die Anlieger bei geschlossenem Fenster schlafen.“

Wohnt direkt an der Limmer: Mascha Haußner (26) und ihr Besuch aus Braunschweig, Jakob Gaumer (23), lassen mit einem Bier den Abend ausklingen. Quelle: Nina Hoffmann

„Dass es laut wird, wusste ich vorher“

Allerdings sind nicht alle Anwohner genervt von den Partygängern. Manche sind gerade wegen der Lebendigkeit des Stadtteils hierher gekommen. Wie Mascha Haußner. Die 26-Jährige kann von ihrer Wohnung aus das rege Treiben auf der „Limmer“ hören. Und es stört sie nicht. „Ich bin vor fünf Monaten an die ,Limmer‘ gezogen. Dass es hier laut werden kann, wusste ich vorher“, sagt sie. „Vorher habe ich in der List gewohnt – nachts ist auf der Lister Meile nichts mehr los, das ist eine ziemlich langweilige Alternative.“ Auf der Limmerstraße lässt Haußner gerne ihre Abende ausklingen, so wie heute mit ihrem Besuch aus Braunschweig. „Den Abend bei einem günstigen Kioskbier ausklingen lassen und dabei Menschen von einer Bank aus beobachten – das ist einfach super entspannt.“

Was ist also zu tun, damit sowohl das Feiervolk auf seine Kosten kommt, als auch die Anwohner zu ihrem Schlaf? Michael Vesper, Betriebsleiter des Café Henri, hat da einen Vorschlag: Selbstkontrolle. Wer limmert, sollte nicht nur selbst Rücksicht auf die Anlieger nehmen, sondern auch ein Auge auf andere haben. „Wenn ich sehe, dass jemand Mist macht, dann muss ich ihn ansprechen. Denn am Ende handeln diese Menschen auch gegen die Interessen der Feiernden.“

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Von Rüdiger Meise und Nina Hoffmann

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