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Hannover Missbrauch von Notaufnahmen
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17:05 18.09.2018
Die Nummer für den Notfall: Unter Telefon 116117 erreichen Patienten den ärztlichen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

In den Notfallambulanzen der hannoverschen Kliniken wird es immer enger – vor allem weil Patienten mit Bagatellproblemen diese nutzen. Und das nicht mehr nur, wenn die eigene Hausarztpraxis geschlossen hat, sondern immer öfter auch zu Zeiten regulärer Sprechzeiten. „Es sind Zehntausende, die sich in Hannover pro Quartal auf diese Weise vermeintlich eine Maximalversorgung sichern wollen“, sagt Jörg Berling, Allgemeinmediziner und im Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN).

Das ignorante Verhalten vieler Menschen mit vermeintlichen Notfällen ist der KVN ein Dorn im Auge. „Es kann nicht sein, dass diese Patienten die Notfallambulanzen blockieren, die definitiv schweren Fällen vorbehalten sein sollen“, betont der hannoversche Bezirksstellenvorsitzende der KVN, Eckart Lummert. Die KVN, die bereits vier Bereitschaftsdienstpraxen an Kliniken vorhält, ist daher derzeit in Verhandlung mit weiteren Krankenhäusern, um das Angebot auszuweiten. „Die Kliniken wünschen sich das, vor allem in Hannover“, so Berling. Zusätzlich ist der ärztliche Bereitschaftsdienst in Hannover mit zwei Medizinern unterwegs. „Die Rufnummer 116117 ist bundesweit aus allen Netzen ohne Vorwahl zu erreichen“, erklärt KVN-Sprecher Detlef Haffke. Nur jeder zweite allerdings nutze dieses Angebot bisher, die andere Hälfte gehe in die Notaufnahme. In Niedersachsen suchten jährlich rund eine Million Patienten Rat beim kassenärztlichen Bereitschaftsdienst – jedes Jahr steigt die Zahl um rund zwei Prozent –, „dagegen gehen zwei Millionen in die Klinik“, so Haffeke.

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Berling kann sich das Verhalten der Patienten nicht erklären und spricht von offensichtlichem Missbrauch. „Der Anspruch an High-Tech-Medizin ist offenbar stark gestiegen und viele junge Menschen haben gar keinen Hausarzt.“ Dabei würden die Patienten in den Notaufnahmen der Kliniken nicht immer unbedingt gleich passend versorgt. „In den Bereitschaftspraxen versehen stets Internisten oder Allgemeinmediziner Dienst, in der Klinikambulanz treffen die Patienten zunächst meist auf einen Arzt in der Ausbildung, der sich absichern muss und erstmal die Diagnostik anschiebt.“ Manchmal würde es auch helfen, einfach eine Nacht über eine Beschwerde zu schlafen, „die sich dann morgens vielleicht von selbst erledigt hat,“ sagt der Mediziner. Männerschnupfen, Schürfwunden, leichtes Fieber oder auch Harnwegsinfekte gehörten eindeutig in die ambulante Versorgung niedergelassener Kollegen, ergänzt Lummert.

KVN-Geschäftsführer Bernhard Specker wünscht sich neben mehr Patienteneinsicht auch, dass die Bereitschaftsdienstpraxen noch stärker angenommen werden. „Derzeit bitten noch rund 30 Prozent der Anrufer um einen Hausbesuch.“ Specker kann sich auch an weiteren Kliniken ein Modell vorstellen, bei dem Hausärzte an einzelnen Stunden die Schweregrade der Erkrankungen von Patienten in der Notaufnahme filtern. Die Medizinische Hochschule hat dies bereits eingeführt, „anders konnte der Patientenandrang in der Notfallambulanz nicht mehr bewältigt werden.“

Die KVN-Vertreter sehen in dem missbräuchlichen Umgang und der damit einhergehenden Überlastung der Notfallambulanzen auch eine Gefahr für Patienten mit akuten Problemen. „Die Menschen suchen die Maximalversorgung einer Klinik und behindern damit den Arbeitsablauf“, betont Lummert. Sein Kollege Bergling spricht von „Fußgängern“, denen am Wochenende einfällt mal die Leberwerte kontrollieren zu lassen und die Klinik um die Ecke aufsuchen. Er plädiert daher nach wie vor dafür, dass Patienten, deren Beschwerden sich als Bagatellfälle erweisen, einen Geldbetrag entrichten müssen. „Die Politik sollte helfen, das zu steuern – meist geht das leider nur über den Geldbeutel.“ Lange werde man sich den Anspruch an die Luxusmedizin nicht leisten können, „vor allem in einer Großstadt wie Hannover können wir nicht vorhalten, was eine steigende Anzahl der Patienten fordert.“

Von Susanna Bauch

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