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Hannover Amber ist weg – Wenn ein Hund verschwindet
Nachrichten Hannover Amber ist weg – Wenn ein Hund verschwindet
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00:21 21.12.2018
Golden Retriever Amber ist verschwunden. Quelle: privat
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Hannover

Irgendwas war da im Gebüsch. Amber hat es gewittert, dann ist sie losgelaufen. Es war ziemlich dunkel, sieben Uhr morgens, aber noch einen Moment lang war das rote Licht an Ambers Halsband zu sehen, und anschließend schimmerte es noch ein paarmal durch die Sträucher hindurch. Dann nicht mehr.

Milleke Bernstein streicht sich die Haare aus der Stirn. Sie weiß nicht, was da im Gebüsch war, ein Kaninchen, eine Katze, irgendwas. Sie weiß, dass sie gerufen hat, gepfiffen. Amber kam nicht. Der Hund bellte auch nicht, wie er es manchmal gemacht hat, als wollte er sagen: Komme gleich.

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Es war Freitag früh, als die zweieinhalb Jahre alte Golden Retriever-Hündin Amber in der Ricklinger Masch verschwand, ungefähr an der Stelle, an der der Lorenbahnweg auf den Wasserfehdeweg trifft. Milleke Bernstein, 47 Jahre alt, ist immer früh morgens mit Amber ihre Runde gelaufen oder mit dem Rad gefahren, bevor sie sich ins Büro aufmachte, sie arbeitet bei der Messe. Der Hund habe schon mal ein bisschen „gestöbert“, sagt Milleke Bernstein, der man manchmal einen liebenswerten Hauch ihrer niederländischen Muttersprache anhört. Stöbern heißt, dass Amber irgendwelchem Kleingetier hinterherging. Gefangen hat sie nie was.

Am Freitag hatte Milleke Bernstein es eilig, deswegen entschloss sie sich, rasch mit dem Rad nach Hause zu fahren und etwas Futter zu holen, um Amber zu locken. „Da habe ich wohl einen Fehler gemacht“, sagt sie. Es hat nur zehn Minuten gedauert, dann war sie zurück. Aber der Hund war nicht da. Kein Geräusch. Kein Ton. „Nichts“, sagt Milleke Bernstein, und das Wort selbst klingt hohl und leer. Um das zu verstehen, muss man vielleicht tatsächlich Hundebesitzer sein. Ziemlich viele Hundehalter spüren die Anwesenheit ihres Hundes auch dann, wenn sie ihn nicht sehen können. Milleke Bernsteins „Nichts“ heißt: Da war keine Amber mehr. Auch nicht hundert oder 500 Meter weiter.

80000 Tiere gehen nach Angaben des Tierregistervereins Tasso jedes Jahr in Deutschland verloren. Und dass sind nur die Tiere, die eine Tasso-Nummer bekommen haben, damit man sie im Notfall wiederfinden kann. Die Dunkelziffer der verschwundenen Tiere liegt bei mehreren Hunderttausend. 61 Prozent sind Katzen, 39 Prozent Hunde, der Rest Vögel, Frettchen, Schildkröten. 70000 Tiere konnte der Verein 2017 nach Hause zurückbringen. 45 Prozent davon waren Hunde.

Keine Spur

Milleke Bernstein ist am Freitag nicht ins Büro gefahren. Sie hat acht Stunden lang alles abgesucht. Büsche. Gestrüpp. Weiden. Die Gleise der Güterumgehungsbahn. Sie hat Leute gefragt, Spaziergänger, andere Hundebesitzer. Sie hat gedacht, der Hund liegt irgendwo, verletzt, sie hat ihn tot gesehen, sie hat weitergesucht. Sie ist mit dem Fahrrad alle Wege abgefahren, die sie jemals mit Amber gelaufen ist. Sie hat die Polizei angerufen, das Tierheim. Keine Spur.

Die beiden Söhne haben mitgeholfen, und Milleke Bernsteins Mann, der in Zürich arbeitet und eigentlich am Wochenende dort bleiben musste, hat gesagt, er kommt mit dem Nachtzug. „Das war meine große Hoffnung“, sagt Milleke Bernstein. „Amber hängt so an ihm. Ich habe gedacht: Wenn sie merkt, dass er da ist, kommt sie.“

Sie kam nicht. Als ihr Mann am Sonnabend den Satz „Jetzt ist Amber schon 24 Stunden weg“ in seinen Facebook-Account tippte, musste Milleke Bernstein furchtbar weinen. Plötzlich stand es da Schwarz auf Weiß. Plötzlich war es draußen, ausgesprochen, viel realer als noch eine Minute zuvor.

Im Bereich des Tierheims Hannover, wo mehr als 16000 Hunde leben, werden jährlich im Schnitt 130 Hunde vermisst gemeldet, die Zahl der Katzen liegt ungefähr dreimal so hoch. Manche Hunde liefen aus Angst vor etwas weg, erzählt Tierheim-Chefin Doris Peterek, andere würden überfahren, manche auch geklaut: Es gebe Menschen, die Hunde vorm Supermarkt losbänden. Peterek weiß von Fällen, die gut ausgegangen sind, weil die Hunde Identifizierungschips trugen, und von anderen Fällen, in denen die Familien auch nach einem Jahr noch suchen. Dass Hunde von Häschern eingefangen und in Tierversuchslabore verfrachtet werden, hält Peterek aber für einen Mythos: Ihr sei nicht ein einziger belegter Fall bekannt.

Am Sonnabend, am Sonntag ging es weiter mit der Suche nach Amber. Überall in der Gegend hängen inzwischen die Flugblätter „Entlaufen – gesucht“. Manche Leute meinten, sie hätten den Hund auf dem Kronsberg oder in der Eilenriede gesehen, aber es war nicht Amber. Über den Sportverein eines Sohnes kam die Familie in Kontakt mit Leuten, die Spürhunde haben, drei waren im Einsatz, es gab sogar eine Spur, aber sie verlor sich beim Bahndamm. Andere Hundebesitzer suchten aus lauter Solidarität Kleingärten ab. Oder kamen einfach und nahmen Milleke Bernstein in die Arme.

Eine Seele von Hund

„Vielleicht“, überlegt sie, „ist Amber durch irgendwas verschreckt worden und dann irrtümlich mit einem anderen Fahrradfahrer mitgelaufen und weiß jetzt nicht mehr, wo sie ist.“ Obwohl sie das nicht macht, mit jedem mitzugehen. Sie haben sie mal abends draußen vergessen, jeder dachte, der andere hätte sich um den Hund gekümmert. Amber hat sich derweil mit einer Nachbarin angefreundet, und als die dann ratloserweise die Polizei rief und die Beamten Amber ins Auto locken wollten, ist der Hund ausgebüxt und hat sich bei den Bernsteins vor die Tür gelegt. An dieser Stelle, vor der Tür, liegt jetzt eine Decke. Samt gefülltem Fressnapf. Falls sie Hunger hat, wenn sie zurückkommt, und gerade niemand zu Hause ist, weil alle sie suchen.

Milleke Bernstein denkt an all die verrückten Dinge, die der Hund gemacht hat, einmal kam er obenrum weiß und untenrum schwarz aus einem Teich. Wenn er an der Leine laufen sollte, hat er sich hingelegt und sich auch mit Zureden nicht mehr bewegt, die Leute haben schief geguckt. „Und wenn man traurig ist, ist sie sofort da.“ Amber ist freundlich und verschmust und lustig und kinderlieb. Eine Seele von einem Hund. In Milleke Bernsteins Augen flackert es, als sie davon spricht.

Freitag früh hatte Milleke Bernstein ein Stück Käse beiseitegelegt, das sollte Amber nach dem Spaziergang bekommen. Am Montag lag es immer noch auf dem Küchenschrank. Sie hat es inzwischen weggeworfen. Am Freitag hat Milleke Bernstein sich gesagt: „Ich finde sie.“ Jetzt sagt sie: „Ich verstehe nicht, wie sie so komplett verschwinden kann.“ Früher fand sie es manchmal furchtbar, dass sie so früh raus musste wegen des Hundes. Jetzt fehlt ihr das.

Sie fixiert kurz irgendetwas in der kalten Abendluft, das nur sie sehen kann. Dann sagt sie: „Ich denke immer noch, dass Amber im nächsten Moment um die Ecke kommt.“ Ihre Stimme klingt nach Tiefluftholen und nach Tapferkeit. Und nach Hoffnung. Nach wie vor.

Wer Amber gesehen hat, kann sich bei der Polizei oder beim Tierheim unter (0511) 973398-0 oder beim Tierregister Tasso unter (0 61 90) 937300 melden.

Von Bert Strebe