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Hannover Radfahrer tödlich verunglückt: „Der Lkw-Fahrer hat unser Leben zerstört“
Nachrichten Hannover Radfahrer tödlich verunglückt: „Der Lkw-Fahrer hat unser Leben zerstört“
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13:39 30.04.2019
Norbert K. (l.) wird von Anwalt Wolfgang Schoefer verteidigt. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

 Bislang hat sich Sabine John (Name von der Redaktion geändert) nicht getraut, in den großen Beutel zu schauen, der seit zwei Jahren in ihrem Gartenhäuschen steht. In dem Sack befinden sich die Kleidungsstücke, die ihr Mann am Tag seines Todes trug. An jenem 22. März 2017, an dem der 48-jährige Rechtspfleger um 12.26 Uhr von einem Kipplaster überfahren wurde. Als er von seinem Rad gehebelt wurde und mit Kopf und Oberkörper unter die Zwillingsreifen des tonnenschweren Gefährts geriet, als dies von der Hamburger Allee nach rechts in die Lister Meile Richtung Hauptbahnhof abbog.

An diesem Mittwoch, im Saal 2173 des hannoverschen Amtsgerichts, sieht die 46-Jährige erstmals die Fotos, die ihren am Unfallort verstorbenen Mann in eben diesen Kleidungsstücken zeigen. Richterin Sabine Mzee weist darauf hin, dass sich die als Nebenklägerin auftretende Witwe – auch sie ist Rechtspflegerin – die Bilder vielleicht besser nicht anschauen sollte. Doch Sabine John hat zwei albtraumartige Jahre hinter sich. Und weil sie noch viele Fragen hat, mag sie auch vor diesen schrecklichen Fotos die Augen nicht verschließen.

Hannover - Unfall - VU - Hamburger Allee / Lister Meile - Radfahrer wird von Lkw überrollt und stirbt am Unfallort - Foto: Christian Elsner HAZ / NP Quelle: HAZ, NP

Auf der Anklagebank sitzt Norbert K. Der 65-Jährige aus Wolfsburg hat den Volvo-Sattelzug gesteuert, der Sabine Johns Ehemann zum Verhängnis wurde. Jetzt muss er sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Hätte er ordnungsgemäß in seine Außenspiegel geschaut, sagt die Staatsanwaltschaft, wäre der Unfall vermeidbar gewesen. Einen Monat musste K. noch arbeiten, damals im März 2017, dann wäre er in Rente gegangen, mit 63 Jahren und ganz entspannt. Doch dann überfuhr er einen Menschen.

So viel scheint klar in diesem Prozess, der Ende April fortgesetzt wird: Der Lkw stand zunächst vor einer roten Ampel. Er war auf dem Weg zu der Großbaustelle am Raschplatz, wo damals die neue Zentrale der Deutschen Bahn und die neue Stadtbahn-Endstation gebaut wurden. Der Verkehrsraum in diesem Bereich war in weiten Teilen ein Provisorium, für den motorisierten Verkehr wie für Radler und Fußgänger.

Abgelenkt von einem Auto?

„Ich habe den Radfahrer wirklich nicht gesehen“, wiederholt der Rentner gebetsmühlenartig. „Keine Ahnung, wo der hergekommen ist.“ Er sei doch langsam abgebogen, sagt Norbert K., habe doch geguckt. Aber wohin? Auf dem Straßenstück der Lister Meile, auf das er abbog, stand in der Gegenrichtung vor einer roten Ampel ein Pkw, ein Zivilfahrzeug der Polizei, dessen Insassen dem Opfer Augenblicke später – vergeblich – Erste Hilfe leisteten. „Ich habe mich darauf konzentriert, dieses Auto nicht zu rammen“, sagt der Kraftfahrer. Auch hätten Fußgänger, die wartend am Fahrbahnrand gestanden hätten, zuvor seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen; beim starken Einschlagen des Lenkrads habe er im Rückspiegel nichts mehr erkennen können. „Ich habe meinen Führerschein seit 1971, hatte noch nie einen Unfall“, erzählt er mit bebender Stimme. Und: „Es tut mir unendlich leid, dass das passiert ist.“

Rechtsanwältin Alexandra Klar-Lützel vertritt die Ehefrau des Opfers, Anwalt Matthias Doehring den elfjährigen Sohn des Verstorbenen. Doehring geht hart mit dem Lkw-Fahrer ins Gericht: „Er hat sich nie bei der Familie gemeldet, hat sich nicht um eine Schadensregulierung bemüht und ein halbes Jahr nach dem Unfall einen Zeugen für ein angeblich schuldhaftes Verhalten des Opfers präsentiert, der das Unglück überhaupt nicht beobachtet hat“, poltert der Straf- und Verkehrsrechtler. „Ich hatte doch die ganze Zeit mit mir selbst zu tun“, verteidigt sich der Rentner, weist darauf hin, dass er sich immer noch in psychotherapeutischer Behandlung befinde.

Der 48-Jährige - hier ein Foto aus 2015 mit seinem damals sieben Jahre alten Sohn - lebte mit der Familie in Misburg. Quelle: privat

 

Dass dem Kraftfahrer nach eigenen Angaben keine Adresse der Familie bekannt gewesen sei, macht Sabine John wütend: „Es hätte so viele Möglichkeiten gegeben, diese herauszufinden.“ Die Tiefbaufirma, für die K. gearbeitet hat, schickte ihr zur Beerdigung ihres Mannes eine Beileidskarte mit zwei dürren Zeilen. „Aber Schmerzensgeld hat mir keiner gezahlt, weder der Fahrer, sein Arbeitgeber oder deren Versicherung“, sagt die 46-Jährige.

Nach Abschluss des Strafverfahrens will Anwalt Doehring das Bauunternehmen auf Zahlung von Unterhalt für den Sohn verklagen: „Wenn das Gericht feststellt, dass der Tod des Vaters schuldhaft verursacht wurde, hat der Junge während der gesamten Zeit seiner Ausbildung einen Unterhaltsanspruch.“ Beim nächsten Verhandlungstermin soll ein Zeuge gehört werden, der dem Lkw-Fahrer schon auf der Vahrenwalder Straße eine „zackige Fahrweise“ attestiert hat. Der Fahrtenschreiber des Volvo weist einige Minuten vor dem Unfall eine Geschwindigkeit von 61 aus, beim Abbiegen soll der Kipplaster zwischen 14 und 17 Kilometer pro Stunde schnell gewesen sein – alles mit einer Toleranz von sechs Stundenkilometern nach oben wie unten. Und es gab an der Unfallstelle ein Warnschild, das extra auf Radfahrer aufmerksam machte.

Sohn hat Verlustängste

Sehr eng war das Verhältnis des elfjährigen Felix (Name von der Redaktion geändert) zu seinem Vater. Dieser habe sich ein Jahr Elternzeit genommen und viel Zeit mit seinem Sohn verbracht, erzählt die Witwe. Dass 2017 innerhalb von zwei Monaten erst seine krebskranke Oma und dann der Vater gestorben sei, habe Felix bis heute nicht verkraftet. Ebenso wie seine Mutter befindet er sich immer noch in psychologischer Behandlung. „Der Junge hat wahnsinnige Verlustängste, selbst wenn ich meine Hunderunde drehe, ruft er mich dreimal an“, erzählt die halbtags arbeitende Rechtspflegerin. Sie hat dem Sechstklässler einen Boxsack gekauft, damit er seine Verzweiflung aus sich herausprügeln kann, und sie hat „Seelsorger auf vier Beinen“ ins Haus geholt: „Wir haben jetzt zwei Katzen und einen Hund.“

An jenem verhängnisvollen Mittwoch im März, erzählt Sabine John, habe sie noch nicht einmal gewusst, dass ihr Mann mit dem Rad vom heimatlichen Misburg zu seinem Arbeitsplatz gefahren war, ins Insolvenzgericht an der Hamburger Allee. Dass der 48-Jährige mittags starb, erfuhr sie erst am Abend. „Die vergangenen zwei Jahre dreht sich alles nur noch um dieses Unglück, ich bin völlig ausgelaugt“, sagt die Frau, die vor Gericht so gefasst auftritt. „Der Lkw-Fahrer“, fügt sie hinzu, „hat unser Leben zerstört.“ Und die Witwe fragt sich, warum Abbiege-Assistenzsysteme für Lastwagen nicht schon längst verpflichtend sind: „Was sind 1000 Euro pro Fahrzeug gegen ein Menschenleben?“

Von Michael Zgoll

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