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Hannover Mutter erschleicht Zuschüsse für Klassenfahrten – doch Kinder bleiben zuhause
Nachrichten Hannover Mutter erschleicht Zuschüsse für Klassenfahrten – doch Kinder bleiben zuhause
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16:30 27.05.2019
Liana R. hielt sich im Gerichtssaal optisch wie akustisch bedeckt und überließ es ihrem Verteidiger Timo Rahn, nähere Erklärungen zu ihren Taten abzugeben. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

Eine fünffache Mutter hat jahrelang Zuschüsse vom Jobcenter für Klassenfahrten kassiert – obwohl ihre Kinder gar nicht an den Ausflügen teilnahmen. Das Amtsgericht Hannover hat die Frau, die wegen Betrugs- und Diebstahlsdelikten vorbestraft ist, am Montag wegen gewerbsmäßigen Betrugs in 18 Fällen zu einer Bewährungsstrafe von anderthalb Jahren verurteilt.

Die Hartz-IV-Empfängerin aus dem Stadtteil Sahlkamp hatte für vier ihrer fünf Kinder zwischen August 2013 und März 2017 vom Jobcenter Hannover Zuschüsse für Klassenfahrten beantragt und großteils auch bekommen. Schlussendlich ging es um eine Summe von 5172 Euro, die die arbeitslose Frau zurückzahlen muss.

Kinder an drei Schulen

Leidtragende der Betrügereien von Liana R. waren neben dem Jobcenter zwei Jungen und zwei Mädchen der Angeklagten, heute zwischen zwölf und 21 Jahre alt. Sie besuchten die Grundschule Grimsehlweg (Bothfeld), die IGS Vahrenheide/Sahlkamp und die IGS Kronsberg. Doch die Kinder der 42-Jährigen hatten entweder nicht an den Klassenfahrten teilnehmen dürfen, ihre Mutter hatte höhere Beträge als veranschlagt kassiert – oder bestimmte Reisen waren vonseiten den Schulen nie anberaumt worden.

Schuld soll angeblicher „Wirtschaftsberater“ haben

Die 42-Jährige – sehr korpulent mit wasserstoffblond gefärbten Haaren – mochte Amtsrichter Michael Siegfried auf kaum eine Frage antworten, sprach mit kaum vernehmbarer Flüsterstimme und überließ das Reden großteils ihrem Verteidiger Timo Rahn. Dieser verlas namens seiner Mandantin ein Geständnis der Frau, schob aber einen Teil der Schuld auf einen angeblichen „Wirtschaftsberater“, der R. bei den Betrugstaten unterstützt und 80 Prozent des erschlichenen Geldes kassiert habe. Beweise für diese Behauptung blieb die Angeklagte schuldig.

Die Summen, die die Mutter kassiert hatte, bewegten sich zwischen 200 und 570 Euro. Teilweise fälschte sie Schulbescheinigungen. Ihre Kinder, die jeweils vier oder fünf Vornamen tragen – oft an Popstars oder Adelstitel angelehnt –, durften nicht an Ausflügen nach Schloss Dankern (Emsland), Holzminden, Berlin oder London teilnehmen. Für Ausflüge nach Hameln und Weimar setzte die Mutter höhere Beträge ein, als tatsächlich verlangt wurden. Angebliche Fahrten nach Hamburg, Amsterdam oder Kopenhagen waren von Lehrern nie geplant worden.

„Erhebliche Dreistigkeit“

Gelegentlich drückte die Mutter gegenüber dem Jobcenter auf die Tränendrüse, um einen Zuschuss zu kassieren. Da war in einem Anschreiben die Rede vom „Töchterchen“, dem man eine Klassenfahrt doch nicht verwehren dürfe. An anderer Stelle bat sie, der Sohn sei sehr traurig, wenn er nicht mitfahren könne – was er aufgrund des Verbots der Mutter dann tatsächlich nicht durfte. Staatsanwalt Laurin Osterwold bescheinigte der Angeklagten „erhebliche Dreistigkeit“ und eine „besondere Rücksichtslosigkeit“ ihren Kindern gegenüber.

Bei der Urteilsverkündung wies der Richter darauf hin, dass es das Jobcenter der Mutter sehr leicht gemacht habe. Dass vermeintliche Schulbescheinigungen – mit gefälschten Unterschriften und Stempeln – nicht echt waren, hätte schon früher auffallen können. Auch bemerkte niemand, dass die Empfängerkonten für die Zuschüsse keineswegs – wie behauptet – Schulkonten waren, sondern tatsächlich auf die Namen der Kinder liefen. Doch unabhängig davon ging Michael Siegfried auch mit der 42-Jährigen hart ins Gericht. „Sie haben nicht nur das Arbeitsamt betrogen“, warf er ihr vor, „sondern auch Ihre Kinder – um das Gemeinschaftserlebnis einer Klassenfahrt.“

Von Michael Zgoll

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