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Hannover Bedürftige lernen gesund und günstig zu kochen
Nachrichten Hannover Bedürftige lernen gesund und günstig zu kochen
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17:20 22.11.2018
Das erste Mal in ihrem Leben kocht Asphalt-Verkäuferin Inge-Lore auf einem Induktionsherd. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Inge-Lore, 68 Jahre alt, runde Brille, kleiner Ohrring, die grauen Haare heute hochgesteckt, und bis vor ein paar Minuten damit beschäftigt, einen selbst hergestellten Brotaufstrich aus Tomaten und Schafskäse abzumischen, weiß es ja selbst. „Ich esse total ungesund“, erzählt sie munter. Morgens, bevor es raus geht in die Kälte, ein bisschen Frühstück, „dann den ganzen Tag nichts und abends Schokolade“. In den vielen Stunden dazwischen verkauft sie in Hannover das Straßenmagazin „Asphalt“. Sie steht auf Märkten und vor Discountern und da, wo viele Menschen sind. Der Gewinn bessert ihr Taschengeld auf, das eigentlich ein Überlebensgeld ist. Ohne Zuverdienst müsste sie, falls das möglich ist, noch strenger kalkulieren. Aus schmaler Rente und Grundsicherung vom Staat blieben ihr zum Leben ohne Asphalt sonst pro Tag: fünf Euro. Dafür würde Peer Steinbrück keine Flasche Weißwein kaufen.

Weil das Leben in Bedürftigkeit hart ist und weniges Selbstverständlich, helfen die Herausgeber des Straßenmagazins ihren in Hannover rund 100 Verkäufern im Alltag. Am Donnerstag begann in der Volkshochschule ein Kochkurs, es ging darum, wie man für wenig Geld gesundes Essen zubereiten kann. Also wurden keine Raviolidosen in Wasserbetten erhitzt oder Fertigpizzen in Ofen geschoben, stattdessen produzierten die Asphalt-Verkäufer Lebensmittel für ein gemeinsames Mittagessen. Linsensalat, Kürbissuppe und Broccoli-Paprika-Apfel-Salat ergänzten unter anderem den Brotaufstrich. Es sind solche Lebensmittel, die Diätassistentin Erika Franz empfahl: „Gemüse der Saison und aus der Region deckt vieles ab, was man braucht, und es ist nicht so teuer. Je mehr ich selber herstelle, desto gesünder ist es für meinen Körper.“

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Inge-Lore, die sich in diesen Tagen nicht wie 68 „sondern wie 30“ fühlt und die aus einem scheinbar gesicherten bürgerlichen Leben in die Grundsicherung gefallen ist, lernte in der VHS zum ersten Mal, wie man mit einem Induktionsherd kocht. So etwas hat sie nicht in ihrer kleinen Wohnung. Dafür legte sie sich Strategien für kalte Tage draußen zurecht. Sie besitzt für unterschiedliche Minusgrade unterschiedliche Kleidung, abgestuft im Sortiment von Handschuhen bis langer Ski-Unterhose. „Und dann habe ich was ganz Tolles erfunden“, Inge-Lore beschreibt mit den Händen eine Art Rucksack mit Wärmflasche drin, die im Herbst und Winter den Bauch wärmt.

Bei Asphalt gibt es inzwischen Anleitungen zum Sport und bald Seminare, um Stress zu bewältigen. Geschäftsführer Georg Rinke kennt schon den abschätzigen Spruch dazu: „Was haben Straßenverkäufer denn für Stress? Aber die kriegen draußen auch Sprüche zu hören, sie sollten mal lieber arbeiten gehen und so. Aber stundenlang auf der Straße stehen, um manchmal nur wenig Hefte zu verkaufen, das ist Arbeit.“ Die Kochkurse sind ein Teil der Hilfe, sich im Leben zurecht zu finden.

Vielleicht nutzt Inge-Lore die Rezepte später in ihrem Alltag. Wenn sie abends durchgefroren nach Hause kommt und, langsam auftauend, eine warme Suppe nicht schaden kann, wenn sie sich an Geschichten erinnert, die ihr passiert sind. Da war diese Frau, die ihr 20 Euro geschenkt hat, weil überraschend eine Nachzahlung von den Stadtwerken kam und die niemanden hatte, mit dem sie sich darüber freuen konnte. Oder das Unglück der alten Dame, die früher regelmäßig vorbei kam und plötzlich nicht mehr. Inge-Lore forschte nach und fand heraus, dass die Frau mit einem Oberschenkelhalsbruch im Pflegeheim liegt. Ein schönes Heim, fand sie. Und keins, das Inge-Lore sich leisten könnte.

Von Gunnar Menkens