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Hannover Traumjob Dachdecker: Wie Sören und Wiktor ihre Lehre starten
Nachrichten Hannover Traumjob Dachdecker: Wie Sören und Wiktor ihre Lehre starten
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12:13 02.08.2019
Dachdeckermeister Mario Dammann hatte sich mit 25 Jahren selbstständig gemacht. Betriebe, die Nachwuchs finden wollen, müssen auf die jungen Menschen zugehen, sagt er. Sören Burkhardt (17, Mitte) und Wiktor Kowalski (18) sind seine neuen Auszubildenden. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover/Neustadt

Der erste Tag im Betrieb ist für die Dachdecker-Lehrlinge Sören und Wiktor aus Neustadt-Eivelse nicht so ganz aufregend – und vielleicht auch nicht so angstbeladen – wie für viele andere Auszubildende in der Region. Es muss sich für sie eher wie ankommen anfühlen.

Ihre Chefs Petra und Mario Dammann duzen sie, ihre neuen Kollegen kennen sie schon längst. Beide haben ein mehrwöchiges Schulpraktikum in der Firma absolviert, Sören Burkhardt sogar gleich zweimal, in der 9. und in der 10. Klasse, weil es ihm so gut gefiel.

Die HAZ bleibt dran

Wie sieht der Alltag von Azubis aus? Was verändert sich, wenn man nicht mehr zur Schule geht? Was bewegt die Lehrlinge? Die HAZ begleitet Sören und Wiktor durch ihre Ausbildung – und wird in regelmäßigen Abständen über die beiden berichten.

Sören und Wiktor haben beide einen sogenannten Tandempartner, einen Art Paten, der sie bei den ersten Schritten ins Arbeitsleben begleitet. „Das sind junge Mitarbeiter, ältere Azubis oder Gesellen, die selbst noch wissen, wie sich der Berufsstart anfühlt“, sagt die 46-jährige Petra Dammann. Schon kurz nach Ostern haben sich die angehenden Azubis und ihre Paten zum ersten Mal getroffen, waren gemeinsam Kart fahren und Burger essen.

Handwerk und soziale Medien? Natürlich!

Zum Ausbildungsstart hat Petra Dammann bei Instagram und Facebook ein Bild der Dienstkleidung für die neuen Lehrlinge gepostet mit dem Zusatz: „Immer wieder eine große Freude, die jungen Leute im Team zu begrüßen.“ Soziale Medien und Handwerk? „Natürlich“, sagt Petra Dammann, „wir müssen doch mit der Zeit gehen.“ Und ihr Mann Mario Dammann (47) betont: „Betriebe, die Nachwuchs finden wollen, müssen auf die jungen Menschen zugehen.“ Der Markt sei leer gefegt. Betriebe müssten ihren eigenen Nachwuchs ausbilden.

Malermeister sucht Lehrling

Siegfried Rautenberg (58) hat noch einen Ausbildungsplatz zu vergeben – trotz seiner Teilnahme am Speeddating der Handwerkskammer, Werbung im Internet, Engagement bei der Ausbildungsinitiative der Malerbranche „Deine Zukunft ist bunt“. „Bei mir ist nur eine einzige Bewerbung eingegangen, aber der Kandidat war leider nicht geeignet, weitere Interessenten gab es nicht“, sagt der Malermeister aus Garbsen.

Körperliche Arbeit sei vielleicht nicht mehr gefragt, glaubt er. Seit 13 Jahren führt er den Betrieb Reckewerth. Acht Gesellen, zwei Auszubildende und eine Sekretärin gehören zum Team, wegen der guten Auftragslage („Wir sind ausgebucht bis November“) muss er auch noch Leiharbeiter hinzunehmen. Das Mädchen, das er im vergangenen Sommer als Auszubildende eingestellt hat, musste im Frühjahr aufhören. Die Jugendliche konnte den Job körperlich nicht mehr bewältigen.

Wer Maler und Lackierer werden will, braucht laut Rautenberg einen guten Hauptschulabschluss, besser noch einen Realschulabschluss, sollte Kenntnisse in Mathematik, Physik und Chemie vorweisen, technisches Verständnis haben und höhentauglich sein, da man auch mal Gerüste und Leitern besteigen müsste. Genauso wichtig seien Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit.

Ob Türen lackieren, Tapete kleben, Teppich oder PVC verlegen oder Fensterbänke erneuern, die Tätigkeit sei anspruchsvoll und vielseitig. „Das ist nicht nur streichen und spachteln.“ Der Beruf habe Zukunft. Wer seinen Meister mache, könne studieren oder einen Betrieb übernehmen, denn viele Firmeninhaber suchten Nachfolger.

Betriebe bilden die Fachkräfte von morgen aus

Eine Erkenntnis, die sich mittlerweile quer durch viele Branchen herumgesprochen hat. Auch IT-Firmen, die Programmierer und Entwickler suchen, haben gemerkt, dass es sich lohnt, selbst auszubilden. Wer eine Lehrstelle sucht, sollte sich am besten schon ein Jahr vorher – also zu Beginn des letzten Schuljahres – bewerben, rät Thomas Bellok (52), Niederlassungsleiter in Döhren für den Farbenhersteller Brillux. „Die Verträge werden spätestens im Januar geschlossen.“

Bei ihm startet in diesem Jahr ein angehender Groß- und Außenhandelskaufmann, im nächsten Sommer soll auch erstmals noch eine Fachkraft für Lagerlogistik ausgebildet werden. Ein Azubi, der Groß- und Einzelhandelskaufmann bei Brillux werden möchte, müsse nicht nur mit Zahlen umgehen können, sondern auch kommunikativ sein: „Verschlossene Typen können wir nicht gebrauchen.“ Dazu sei sein Team mit zehn Beschäftigten auch zu klein.

Masood Mohamadi sucht eine Stelle als Bürokaufmann

Masood Mohamadi (24) möchte Bürokaufmann werden. 2016 ist der im Iran geborene Afghane nach Hannover gekommen. Nach zwei Praktika im Einzelhandel weiß er, dass er gern mit Menschen umgeht. Durch Weiterbildungskurse verfüge er auch über gute PC-Kenntnisse, sagt er.

Vor seiner Flucht aus dem Iran hatte er dort zweieinhalb Jahre Jura studiert. Deutsch spricht er fließend, er hat einen Kurs belegt, der ein gehobenes Sprachniveau bescheinigt. Zudem spricht Mohamadi Englisch, Persisch und Dari. Bei bisherigen Vorstellungsgesprächen sei er vielleicht ein wenig zu schüchtern aufgetreten, meint er. Nun hofft er auf neue Angebote potenzieller Ausbildungsbetriebe.

Werbung im Internet, an Schulen und bei Messen

Heute müssten Firmen zusätzlich zu Annoncen in der Zeitung auch auf digitalen Ausbildungsportalen aktiv sein, berichtet Bellok. Wichtig seien auch die Teilnahme an Ausbildungsmessen und Kooperationen mit Schulen – neben den Berufsschulen wie etwa der BBS Handel in Hannover und der BBS Burgdorf öffneten sich zunehmend auch die allgemeinbildenden Schulen, berichtet der Niederlassungsleiter. „Der Ausbildungsmarkt ist unübersichtlicher geworden, man muss die Kinder dort abholen, wo sie sind.“ Ausbildung sei für die Firmen in Zeiten des Fachkräftemangels Überlebenssicherung.

Die Unternehmen müssten auf die Nachwuchskräfte zugehen, sagt Thomas Bellok, Brillux-Niederlassungsleiter. Quelle: Tim Schaarschmidt

Viele Schulabgänger müssten Sekundärtugenden wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit erst mal lernen, berichtet Stefan Eßmann, Ausbilder bei DB Schenker, wo Fachkräfte für Lagerlogistik und Lageristen ausgebildet werden: „Die denken, man muss sich nicht abmelden, es sei ja klar, dass man nicht da sei.“ Die Ausbilder berichten auch, dass die Lebensläufe der Bewerber brüchiger geworden seien. Wiederholt seien auch Studienabbrecher darunter.

„Elternsprechtage machen wir auch“

Für das Dachdecker-Ehepaar Dammann gehört auch der gute Kontakt mit den Eltern ihrer Azubis zur Ausbildung dazu. „Klar machen wir so etwas wie Elternsprechtage“, sagt Petra Dammann. Sie hat es auch schon erlebt, dass sich besorgte Eltern bei ihr erkundigt haben, ob denn der Nachwuchs an heißen Tagen genügend trinke und seine Pausenbrote esse.

Diese Sorgen sind durchaus verständlich, denn Dachdecker ist ein körperlich anstrengender Beruf. „Andere gehen ins Fitnessstudio, ihr habt das bei der Arbeit nebenbei“, sagt Mario Dammann – Sören und Wiktor schmunzeln. Aufs Dach geht es bei Sonne wie bei Regen. „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung“, kommentiert Mario Dammann, der in Neustadt auch Oberinnungsmeister ist. Von den 24 Mitarbeitern seiner Firma sind vier Auszubildende.

Veranstaltungstechniker: Etwas für Florian Gade

Florian Gade (24) hat die Bühne für Pink und Rammstein mit aufgebaut. „Früher habe ich einfach ein Konzert besucht, jetzt ist mir klar, was für eine Arbeit dahinter steckt, ich nehme Konzerte ganz anders wahr.“ Seit zwei Jahren hilft er beim Aufbau von Konzerten und Messen mit, und jetzt ist für den 24-Jährigen klar: „Ich möchte eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker machen.“ Noch ist er auf der Suche nach einem Ausbildungsbetrieb.

Nach dem Realschulabschluss 2012 hat der junge Mann aus Vahrenheide zwei Ausbildungen begonnen, eine zum Sozialassistenten, die er dann „aus persönlichen Gründen“, wie er sagt, abbrechen musste. In der Ausbildung zum Verkäufer wurde ihm, wie seinen Mit-Azubis auch, am letzten Tag der Probezeit gekündigt. Jetzt hofft Florian Gade auf einen Neustart als Veranstaltungstechniker. Er wäre auch bereit, in andere Großstädte wie München oder Berlin zu gehen, wenn sich dort ein Ausbildungsbetrieb fände.

Auch der Thrill auf dem Dach reizt

Sören Burkhardt hat an der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Neustadt in diesem Jahr seinen Realschulabschluss gemacht, schon an der Grundschule hätten die Lehrer zu ihm gesagt, dass er unbedingt etwas Handwerkliches machen sollte, erinnert er sich. Während der beiden Schulpraktika habe er gemerkt, dass ihm der Job liege: „Dachdecker macht gute Laune“.

Den 17-Jährigen reizt der Thrill, aber auch das Gefühl, dass man über Land fahren und sagen kann: „Dieses Dach habe ich gebaut.“

Wiktor Kowalski (18) ist vor dreieinhalb Jahren aus Polen nach Neustadt gekommen, nach seinem Hauptschulabschluss hat er an der Berufsfachschule Bautechnik den erweiterten Hauptschulabschluss gemacht. Am Dachdeckerberuf mag er, dass er mit ganz unterschiedlichen Werkstoffen zu tun hat. Die Arbeit sei abwechslungsreich: „Man ist mal auf einem Flachdach, dann wieder auf einem Satteldach.“

Bei einem Vorbereitungsworkshop in der Handwerkskammer sind Sören und Wiktor über ihre Rechte und Pflichten aufgeklärt worden. Am ersten Tag im Job haben sie sich erstmal mit ihrer neuen Dienstkleidung und ihrem eigenen Werkzeug vertraut gemacht: „Das gehört jetzt Euch“, sagt Mario Dammann, „dafür seid Ihr jetzt aber auch selbst verantwortlich.“

Das Ziel: Gute Noten und die Ausbildung meistern

In den nächsten Monaten erwartet sie die Dachdeckerschule in St. Andreasberg – und im zweiten Lehrjahr, wenn die Noten in der Berufsschule und das Arbeits- und Sozialverhalten stimmen, ein vierwöchiger Auslandsaufenthalt, der von der Handwerkskammer finanziert wird. In vergangenen Jahren sind Azubis von Dammann in Norwegen, Malta und Irland gewesen.

Mit welchen Zielen starten Sören und Wiktor in die Ausbildung? Ihre Antwort kommt fast wortgleich: „Die nächsten drei Jahre meistern und gute Noten bekommen.“

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