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00:17 04.06.2017
Von Simon Benne
Von der Stasi bespitzelt: Besucher aus der DDR 1988 in Hannover. Quelle: Udo Heuer
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Hannover

Er hatte detaillierte Anweisungen. Im Jahr 1971 schickte die Stasi ihren Informellen Mitarbeiter (IM) „Stapf“ nach Hannover. Er sollte hier einen „Stützpunkt (Einraumwohnung)“ anmieten, in der sich Kameras und Funkgeräte bunkern ließen. Die Wohnung in Hainholz diente auch als Unterschlupf für Kuriere. Die Stasi zahlte brav die Miete für das Apartment, das im Agentenjargon konspirativ als „Rosa Linde“ firmierte. Doch dem Vermieter konnte sie es nicht recht machen. Er klagte 1983 über „mangelnde Belüftung“ und Feuchtigkeitsschäden. Drei Jahre darauf endete das Mietverhältnis.

Die Ausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ gibt jetzt im Neuen Rathaus Einblicke in die Arbeit der DDR-Staatssicherheit und die Leiden ihrer Opfer. Stadtarchiv und Historisches Museum haben die Wanderausstellung der Stasiunterlagen-Behörde um Dokumente aus Hannover angereichert. Diese belegen, dass der Arm der DDR-Spitzel bis in die Landeshauptstadt reichte. "Viele wissen nicht, dass die Stasi auch im Westen aktiv war", sagte der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, bei der Ausstellungseröffnung.

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Mit Schautafeln, Filmen und Hörstationen zeigt die Ausstellung, wie skrupellos die am Ende 91 000 hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter gegen die "Feinde der sozialistischen Ordnung" vorgingen. Die Schau solle das Demokratiebewusstsein stärken, sagt Jahn, der 1982 als Dissident selbst mehrere Monate in Stasi-Haft saß: "Freiheit uns Selbstbestimmung sind nicht selbstverständlich - man muss etwas für sie tun."

Insbesondere mit der Städtepartnerschaft zwischen Hannover und Leipzig hatte die Stasi alle Hände voll zu tun. Zwei Tage, ehe die Oberbürgermeister die entsprechende Urkunde am 23. November 1987 unterzeichneten, verfügte die Stasi die „Einleitung operativer Kontrollmaßnahmen“, wie es im Beamtenostdeutsch hieß: Sieben Telefone im Leipziger Rathaus und in den Hotels, in denen die West-Delegation untergebracht war, wurden abgehört.

Besucher, die in den Westen wollten, suchte die DDR nach Parteilinie aus. Im Juni 1988 fuhr eine Jugendtourist-Reisegruppe nach Hannover. Prompt verfertigte ein Stasi-Spitzel einen detaillierten Reisebericht, in dem er auch zu Protokoll gab, dass die DDR-Bürger von der HAZ interviewt wurden.

Im selben Jahr unternahm die Schillerschule den Versuch, das neue Städtebündnis durch eine Partnerschaft mit einer Schule in Leipzig zu flankieren. Das Ansinnen wurde hochoffiziell abgelehnt. Darauf schrieben die Schillerschüler einen Brief direkt an die „Gruppenorganisationsleitung der Erweiterten Oberschule Rudolf Hildebrandt“. Doch die Stasi fing diesen ab. Bei den Leipziger Schülern kam er nie an.

Ein kleiner Coup gelang der Stasi in Hannovers Oberfinanzdirektion. Dort installierte sie 1970 den IM „Robert Rose“, der über Jahre vertrauliche Informationen an die DDR lieferte. Fotos und Dokumente warf er teils in einer vereinbarten „Wurfschleuse“ über einen Bach an der innerdeutschen Grenze.

Später wurde das Ärztehaus am Schiffgraben zur konspirativen Materialübergabestelle, an der „Robert Rose“ sich mit seinem Instrukteur traf. Der Spion kassierte nicht nur reich bemessenen Agentenlohn; er wurde auch mit mehreren DDR-Verdienstmedaillen ausgezeichnet. In den Akten verliert sich seine Spur Ende der Achtzigerjahre.

Die Ausstellung ist im Neuen Rathaus bis zum 28. Juni zu sehen. Anmeldung für Führungen unter (0172) 8133134. Am 27. Juni, 18 Uhr, spricht Daniela Münkel dort über „Kampagnen, Spione, geheime Kanäle: Die Stasi und Willy Brandt“.

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