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Hannover Bauer sucht Stau: Auf dem Trecker mit Landwirt Stephan Holubarsch
Nachrichten Hannover Bauer sucht Stau: Auf dem Trecker mit Landwirt Stephan Holubarsch
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22:20 22.10.2019
„Es fühlt sich gut an“: Milchbauer Stephan Horubarsch parkt auf dem Mittelstreifen an der Lavesallee. Jetzt geht es mit den Kollegen zu Fuß weiter.  Quelle: Mario Moers
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Neustadt/Hannover

Als Stephan Holubarsch mit seinem Trecker langsam, sehr langsam an der Stadionbrücke in Linden-Süd vorbeirollt, ist er Teil eines ausgewachsenen Verkehrskollapses. „Läuft, würd’ ich sagen, so wollten wir es!“, sagt der Milchbauer aus Neustadt-Vesbeck und lächelt. Aus einem Fenster zeigt ihm eine Frau den Daumen nach oben. Das freut ihn.

Vor den Demo in den Stall – um 5 Uhr in der Früh’

Um 5 Uhr hat Holubarsch noch die Kühe versorgt, seitdem ist er unterwegs im Trecker. Vor 20 Uhr wird er nicht aus dem Stall kommen an diesem Dienstagabend. Warum also sitzt er aus freien Stücken im Stau? Er wolle der Öffentlichkeit vermitteln, wie viel harte Arbeit es macht, Milch zu produzieren und damit eine Familie zu ernähren, sagt er. Und als wäre das nicht schon schwierig genug, entstünden ihm durch immer neue Regularien immer neue Kosten. Ein zusätzlich im Zuge der Düngeverordnung notwendig gewordenes Lager etwa kostet ihn eine halbe Million Euro. „Das waren auch bestimmt 300 bis 400 Stunden allein an Arbeitszeit für die Planung und Bürokratie.“

„Wir sind die Ersten, die ein Interesse haben, nachhaltig zu wirtschaften“

Und obwohl seine Kollegen und er sich solchen Mühen unterwerfen, ist ihr Image schlecht. Der Vorwurf etwa, nicht nachhaltig zu arbeiten, ärgert Holubarsch enorm. „Wir beackern unsere Felder seit 1753“, sagt er und haut noch einmal extra fest auf die Hupe. „Da sind wir doch die Ersten, die ein Interesse haben, nachhaltig zu wirtschaften“, sagt er.

Einig wie noch nie

Und diese Vorwürfe nagen eben an den Landwirten. Also fahren sie an diesem Oktobertag zu Tausenden durch deutsche Städte – und das, ohne dass irgendein Bauernverband bei der Organisation seine Finger im Spiel gehabt hätte. Vor drei Wochen, nachdem niederländische Bauern auf die Straße gingen, begann sich in Deutschland die Gruppe „Land schafft Verbindung“ zu gründen. „Erst schrieb einer dem anderen, der teilte dann sein ganzes Telefonbuch“, erzählt Holubarsch. „So eine Einigkeit hat es seit den Bauernaufständen vor Jahrhunderten nicht mehr gegeben.“

HAZ-Redakteur Mario Moers begleitet den Konvoi im Schlepper von Stephan Holubarsch aus Meyenfeld bis in die Innenstadt. Quelle: Markus Holz

„Es fühlt sich gut an“, sagt Milchbauer Holubarsch über die neue Bewegung. Die Demo am Dienstag haben die Landwirte in Eigenregie, ohne Verbände, organisiert. Auf dem Handy verfolgt Holubarsch in Whatsapp-Gruppen und bei Facebook die Kommentare und Posts seiner Kollegen. Die neue Form der Selbstorganisation ähnelt der Fridays-for-Future-Bewegung. Auch die Jugendlichen organisieren sich vor allem über soziale Netzwerke.

„Wir sind dem Markt ausgeliefert“

Die Milch, die Stephan Holubarsch in Vesbeck produziert, geht an das Deutsche Milchkontor und von dort in die Welt. Milram-Quark wird etwa daraus, aber auch Milchpulver, das nach China verkauft wird. Selbst habe er wenig Möglichkeiten, auf niedrige Preise zu reagieren. „Wir sind dem Markt ausgeliefert“, sagt er.

Die Umstellung auf bio ist für ihn keine Option. „Das ist zwar der Wunsch von Teilen der Bevölkerung, aber so können wir die Gesamtbevölkerung nicht ernähren.“ Würde er bio produzieren, würde er eine deutlich größere Fläche benötigen, um denselben Ertrag zu erwirtschaften. Bei einer Zertifizierung eines Supermarktes wurde ermittelt, dass sein Hof derzeit 856 Menschen ernähren kann. „Da kann es doch nicht sein, dass davon nicht eine Familie leben kann“, klagt er.

Machen die Kinder weiter?

Und wie geht es nun weiter? Seit 1753 existiert sein landwirtschaftlicher Familienbetrieb also in Vesbeck. „Meine Kinder sind drei Monate und zwei Jahre alt. Ob man denen das in Zukunft zumutet, ist die Frage.“ Dem Milchbauern machen die anhaltend niedrigen Preise zu schaffen. Zum Beispiel wegen des teuren neuen Lagers für eine halbe Million. „Wenn der Bauer 30 Cent für einen Liter Milch kriegt, geht das nicht“, sagt Holubarsch.

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