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Hannover „Landwirt ist eine aussterbende Art“: Darum waren die Bauern auf der Straße
Nachrichten Hannover „Landwirt ist eine aussterbende Art“: Darum waren die Bauern auf der Straße
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21:27 22.10.2019
„Wir wollen miteinander reden“: Umweltminister Olaf Lies (SPD) bei der Abschlusskundgebung am Maschsee. Quelle: Foto: Rainer Dröse
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Hannover

Die Karawane wollte kein Ende nehmen. Und wer wütend ist, kommt nicht im Stillen. Also alle Lampen an. Und mit dröhnenden Hupen, als würden Schiffe ihr Einlaufen in den Hafen ankündigen, bog Traktor um Traktor auf das Rudolf-von-Bennigsen-Ufer ein. Oben am Lenkrad steuerten Bauern ihre imposanten Gefährte von Deutz, Fendt und anderen Marken den Maschsee entlang, um sie am Ufer abzustellen.

Hannover wurde zum Ziel einer Sternfahrt von Bauern, die sich aus Bissendorf, Burgdorf, Sehnde, Wennigsen, Everloh und Garbsen auf den Weg in die Landeshauptstadt machten. Mit 1000 Traktoren hatten Veranstalter und Polizei gerechnet, um die 2000 erreichten schließlich die City und sorgten auf der Anreise für erhebliche Verkehrsbehinderungen. Aber so ist es eben, am Flughafen oder beim Streik der Müllabfuhr: Wer demonstriert, schränkt andere ein. Und zum spürbaren Protest ist fähig, wer sich gut organisiert.

Die Bilder von der Treckerdemonstration

„Ich bin das Lebensmittel aus der Region“

Die Landwirte hatten plakatiert, ihre Traktoren und sich selbst. „Wir sind Zucker“ und „Ich bin das Lebensmittel aus der Region“ lasen Passanten am Wegesrand auf den Maschinen. Hinweise für eine Bevölkerung, woher Essen auf dem Tisch eigentlich stammt: nicht aus dem Kühlschrank, sondern vom Acker und aus dem Stall. Ein Demonstrant klebte sich ein Schild auf den Rücken, dessen Text ihn als eine Art Opfer des Klimawandels darstellt: „Landwirt. Aussterbende Art. Und wer schützt uns?“

An diesem Dienstag ging es Bauern nicht um finanziellen Ausgleich für Ernteausfälle. Am Dienstag wollten sie sich im Grundsatz Luft verschaffen. Aufgerufen zu bundesweiten Protesten hatte die offenbar schnell gewachsene Initiative Land schafft Verbindung. Quer im Magen liegt Landwirten das im September beschlossene Agrarpaket der Bundesregierung. Es soll Umwelt und Tiere schützen und knüpft Förderung landwirtschaftlicher Betriebe an Umweltauflagen. Außerdem will die große Koalition Tierwohllabel und Insektenschutzverordnung einführen. Dazu kommen schärfere Auflagen in der Düngeverordnung.

Carolin und Cord Haase aus Osterwald sind auch bei der Demo – aus Ärger über die Düngeverordnung. Quelle: Gunnar Menkens

Am Maschsee hatten Bauern eine klare Meinung zu diesen Vorgaben. Meist geht es um nichts weniger als die Existenz, der Tenor ist, dass Leute in ihr Geschäft hineinreden, die wenig Ahnung hätten. Jens Luers etwa baut auf seinem Hof Möhren an, nun sorgt er sich um die Zukunft seines Betriebs: „Die Auflagenflut rollt in einer Geschwindigkeit und Höhe auf uns zu, dass wir es nicht mehr finanziell kompensieren können.“ Auch Carolin und Cord Haase fürchten ums wirtschaftliche Überleben. Auf ihren Feldern im Neustädter Land wären sie verpflichtet, künftig weniger Dünger, also Gülle, einzusetzen. „Durch die Verordnung fahren wir Mindererträge ein“, sagte der Landwirt. Er sieht eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Weniger Dünger führe zu weniger Erträgen, und wer weniger ernte, sei verpflichtet, wiederum weniger Dünger einzusetzen.

„Weizen statt Blühwiesen“

Einige Demonstranten waren aufgebracht am Dienstag. Bauer Eike Meyer zu Hartlage, 30, ärgert sich über das Programm zum Insektenschutz. „Wir wollen Weizen produzieren und keine Blühwiesen.“ Der Mandelsloher will weiterhin „eine Auswahl an Pflanzenschutzmitteln“ einsetzen, weil sonst Resistenzen drohten. Ackerbauer Friedrich Amme beklagt im Berliner Agrarpaket „willkürliche Verbote“, aufgestellt „ohne wissenschaftliche Erkenntnisse beim Pflanzenschutz“. Und mit Blick auf die Zukunft seines Berufsstandes fragte er: „Warum sollte ich Landwirt werden? Damit meine Kinder gemobbt werden?“

Bauern fordern Wertschätzung

Frustriert hörte sich das an, doch Kollegen haben Verständnis für solche Sätze. Am Dienstag wehrten sie sich nicht nur gegen Verordnungen, Programme und das EU-Freihandelsabkommen mit südamerikanischen Staaten: Es ging ihnen auch um das Ansehen ihres Berufs. „Wertschätzung“ forderten Bauern mit Plakaten. Stattdessen sehen sie sich als Buhmänner von Politikern und Nichtregierungsorganisationen wie etwa Ökoverbänden. Das Netzwerk Land schafft Begegnung spricht von „Bauernbashing, Diskriminierung, Benachteiligung und Mobbing“.

Lies fordert angemessene Preise

Als Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) die kleine Bühne betrat – Anhänger, Strohballen, Stehtischchen – rollten am Seelhorster Kreuz immer noch 800 Trecker aus Burgdorf und Sehnde heran. Wegen der verspäteten Anreise verpassten sie Lies’ knappe Begrüßung: „Moin“, sagte er, „wir wollen miteinander reden.“ Applaus dafür. Lies fordert angemessene Preise für landwirtschaftliche Produkte, der Beruf sei kein Ehrenamt.

„Wir wollen miteinander reden“: Umweltminister Olaf Lies (SPD) bei der Abschlusskundgebung am Maschsee. Quelle: Rainer Dröse

Er ließ nach diesem freundlichen Beginn aber keinen Zweifel daran, dass „wir nicht ohne Veränderungen auskommen“, er wolle Bauern jedoch nicht allein verantwortlich machen. Dabei spielte er auf durch Gülleeinsatz belastetes Grundwasser an. Lies, der bei Landwirten ohnehin keinen guten Stand hat, erntete doch noch Pfiffe.

Landwirtschaftsministerin schlägt sich auf Seite der Bauern

Reden und Beteiligung, das ist es, was Bauern von der Politik fordern. Mitreden zu können, gilt ihnen als „Respekt!“, den ein Transparent auf einem Trecker einforderte. Dass sich einträgliche Landwirtschaft und andere gesellschaftspolitische Ziele mitunter im Weg stehen, machte Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) deutlich. „Die Lösung in Sachen Klimaschutz liegt auf euren Höfen.“

Skeptische Blicke bei Reden

In scharfem Tonfall ging die Christdemokratin dann drei Frauen mit einem Schlag an. Sie forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, den Konflikt um die Agrarpolitik zur Chefsache zu machen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) seien mit der Bewältigung der Problematik überfordert: „Die beiden Ministerinnen kriegen das nicht hin mit den Zielkonflikten.“ Und sie stellte sich auf die Seite der Bauern, die diese Rede zum Teil mit skeptischen Mienen verfolgten: „Das, was da kommt, ist für euch zu viel.“

Am Ende fuhren die Bauern zurück auf ihre Höfe. Nach allem, was man hörte, hielten die meisten Teilnehmer die Veranstaltung für geglückt. Einer hatte noch einen Tipp für Bürger parat: „Kauft regionale Produkte.“

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