Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Warum Frau Fedeschin Bürsten von Hand herstellt
Nachrichten Hannover Warum Frau Fedeschin Bürsten von Hand herstellt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:36 12.08.2019
Hat den Dreh raus: Bürstenbinderin Michaela Fedeschin. Quelle: Villegas
Anzeige
Hannover

Die Bürstenbinderin Michaela Fedeschin stellt in ihrer Werkstatt in Hannover-Anderten in Handarbeit Bürsten, Besen und Staubwedel her. Oft führt sie ihre Arbeit auf Kunsthandwerkermärkten vor, manchmal auch in Hannover wie beim Winterzauber Herrenhausen, auf dem Weihnachtsmarkt und beim Gartenfestival Herrenhausen. Wir haben sie in ihren Räumen besucht und gefragt:

Frau Fedeschin, was machen Sie da?

Ich stelle eine Möbelbürste aus Ziegenhaar her. Die Holzrohlinge mit vorgestanzten Löchern für den Draht beziehe ich aus einer Manufaktur in Franken. Als Erstes zeichne ich auf der Rückseite des Rohlings ein Muster ein. Das ist eine Gedankenstütze für mich, damit ich weiß, welche Haarfarbe ich nehme. Denn ich verwende teils vier oder fünf Farben, und es soll hinterher schön gleichmäßig aussehen.

Sie ordnen die Borstenbündel auf ihren Bürsten und Staubwedeln zu Kreis- und Zickzackmustern. Das sieht toll aus. Denken Sie sich das selbst aus?

Ja, und es entstehen immer wieder neue Muster. Ich kann auch Buchstaben oder kurze Worte einarbeiten, wenn das Holz groß genug ist. Das habe ich auch schon gemacht.

Was für Ziegenhaar nehmen Sie für die Möbelbürste?

Das ist Haar von der chinesischen Langhaarziege, die richtig Fell produziert. Diese Tiere werden geschoren, anders als unsere heimischen Ziegen.

Und warum Ziegenhaar?

Das lädt sich statisch auf und zieht Staub an. Daraus stelle ich auch Staubwedel her, die man zwischendurch am Fenster ausschüttelt. Da das Ziegenhaar so weich und fein ist, lässt es sich für ganz empfindliche Oberflächen verwenden. Es kommt bei geschnitzten Möbeln in jede Fuge.

Die Maschine ist da, aber von Hand geht es schneller

Sie haben in Ihrer Werkstatt auch eine altertümlich aussehende Maschine stehen. Was ist das?

Das ist ein Haarbündelabteiler, den ich aus einer Auflösung gekauft habe. Aber ich bin schneller, wenn ich aus der Hand arbeite, auch weil ich Haar in mehreren Farben nehme. Die Haarbündel verwebe ich dann nach einem speziellen System. Das passiert alles mit einem Stück Draht. Nach jeder Reihe schneide ich das Haar, damit es schön gleichmäßig wird.

Warum sollten Menschen sich so etwas wie einen handgefertigten Besen für 48 Euro kaufen?

Ich verwebe die Borstenbündel miteinander an einem Kupferdraht. Da fallen niemals einzelne Bündel raus. Als Material nehme ich Rossstutzhaar, den ersten Schnitt am Schweif. Das ist die kräftigste Rosshaarqualität. Dieses Haar verfilzt nicht, lässt sich waschen und kämmen. So ein schöner Besen aus Rosshaar hält mindestens 30 Jahre. Das macht den Unterschied zu einem Baumarkt-Besen.

Rund 300 Artikel bietet Michaele Fedeschin zum Verkauf an. Quelle: Irving Villegas

Werkstatt bietet rund 300 verschiedene Artikel an

Sie haben in ihrer Werkstatt erstaunlich viele Bürsten und Besen. Was ist das alles?

Spinnfeger fertige ich aus Rosshaar, weil man damit die Spinnweben gut von der Wand bekommt. Und die flachen Schrankbesen sind so schmal, dass sie zwischen Schrank und Wand passen. Wir haben knapp 300 verschiedene Artikel. Manche Produkte kaufen wir zu, denn bei Flaschenbürsten macht es keinen Unterschied, ob sie per Hand oder Maschine hergestellt werden.

Das sind ja sehr spezielle Geräte, die Sie herstellen. Putzen die Leute tatsächlich so viel?

Manche Kunden kaufen die Bürsten einfach, weil sie sich so gut anfühlen. Und es gibt tatsächlich Nachfrage nach Bürsten für therapeutische Zwecke. Ich will deshalb zukünftig Bürsten mit abwechslungsreichen Besätzen herstellen für Menschen, deren Wahrnehmung eingeschränkt ist. Also eine Art Handschmeichler oder Barfußfeld für die Hände. Ich könnte Pflanzenfasern, Borsten und Haare kombinieren.

Wofür nehmen Sie Pflanzenfasern denn sonst?

Aus Arenga, das sind Blattscheidefasern von verschiedenen Palmarten, mache ich Scheuerbürsten, Straßenbesen und grobe Handfeger. Fibre, die Blattfaser der Agave, eignet sich für Nagel-, Gemüse-, Spül- und Massagebürsten. Bürsten aus Fibre kaufen auch Autowerkstätten zur Motorreinigung, denn sie sind säure- und laugenbeständig. Die härteste Faser, die ich verarbeite, besteht aus der Wurzel von mexikanischem Hochlandgras. Mit dieser Scheuerbürste lassen sich Steintreppen kräftig schrubben. Sie muss aber vorher einige Minuten einweichen, sonst brechen die Fasern.

Machen Sie das eigentlich alles allein?

Nein, wir sind zu zweit. Mein Lebensgefährte Thomas Lünse verkauft und ich produziere.

Die Bürstenbinder sind 100 Tage im Jahr unterwegs

Können Sie denn davon leben?

Das steht und fällt damit, wie schnell man ist. Und ich bin recht schnell. Das machen die Übung und lange Erfahrung. Ich bin seit 19 Jahren Bürstenbinderin, zuerst in Lohn, dann selbstständig. Wir sind vor gut zwei Jahren nach Hannover gezogen. Seitdem fahren wir durch Norddeutschland, und das auch recht erfolgreich.

Wie viele Tage im Jahr sind Sie denn unterwegs?

Um die 100 Tage im Jahr, wenn wir den Weihnachtsmarkt in Hannover mitrechnen. Wir verkaufen da, wo andere Urlaub machen, an Nordsee, Ostsee, auf Straßenfesten, Kunsthandwerkermärkten und Gartenmessen. Wir sehen ganz viel, das ist einfach schön.

Bürstenbinder ist ein sehr seltener Beruf. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich kenne tatsächlich nur drei in Süddeutschland und einen anderen im Norden. Ich habe Metallbauerin gelernt und später einen Versandhandel für einen Bürstenbinder in Rheinland-Pfalz aufgebaut. Weil es Engpässe gab, hat er mir das Handwerk beigebracht.

Und warum Hannover? „Die Leute sind hier entspannter“

Warum sind Sie nach Hannover gegangen?

Weil es eine tolle Stadt ist. Ich komme aus dem Schwarzwald, mein Lebensgefährte aus Stade und wir wollten schon lange in den Norden ziehen. In Hannover gibt es schöne große Parks, das ist mir total wichtig. Wir haben auch Hamburg erwogen, aber dort herrscht ein forscherer Ton. Die Hannoveraner sind offener und entspannter.

Und Ihre Werkstatt haben Sie in einem schönen alten Backsteinhaus eingerichtet.

Wir hatten Glück, dass wir es mieten konnten. Es gehörte der Familie des früheren 96-Stürmers Heinz Fischer. Und es war schon früher ein Handwerkerhaus. Wir haben gehört, dass Fischers Vater Sattler gewesen ist.

Offenes Atelier im Oktober

Die Bürstenbinderin Michaela Fedeschin ist mit ihrem Bürsten- und Besen-Atelier auf Handwerkermärkten und Gartenmessen anzutreffen. In Hannover zeigt sie ihre Arbeit beim Winterzauber Herrenhausen, auf dem Finnischen Weihnachtsmarkt und Pfingsten beim Gartenfestival Herrenhausen.

Ihre Werkstatt öffnet Michaela Fedeschin am 26. Oktober von 10 bis 19 Uhr für Besucher. Das Atelier liegt an der Sehnder Straße 13 in Hannover-Anderten.

Unsere Reihe „Was machen Sie da?“ – lesen Sie auch

 Warum Herr Rein Hannovers Straßen rot anmalt

Warum Herr Weimer Tankwart wurde

Warum Herr Stahl die Bäume im Maschpark wässert

Von Bärbel Hilbig

Eigentlich sollte das Stadionbad nach den Sommerferien wieder öffnen, doch für Badegäste bleibt das Sportbad voraussichtlich bis Anfang Oktober geschlossen. Der Grund: Die im Mai aufgetretenen Risse in der Glasfassade könnten sich ausweiten, daher müssen alle Glasflächen mit Auffangnetzen versehen werden.

12.08.2019

Die Feuerwehr Hannover ist am Montag zu einem Gasleck im Stadtteil Bemerode gerufen worden. Ein Minibagger hatte den Hausanschluss bei Arbeiten auf einem Privatgelände getroffen. Zwei Löschzüge, die ABC-Gefahrenabweg und Enercity waren im Einsatz.

12.08.2019

In Groß-Buchholz wird das palliative Angebot um ein Tageshospiz erweitert. In unmittelbarer Nachbarschaft des Uhlhorn-Hospiz’ hat Ministerpräsident Stephan Weil jetzt den Grundstein für den 3-Millionen-Euro-Neubau gelegt. Sechs Tagesgäste können dort von Sommer 2020 ganztägig und umfassend versorgt werden.

12.08.2019