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Hannover MHH ruft geheilte Covid-Patienten auf: Bitte melden Sie sich – Sie können helfen!
Nachrichten Hannover MHH ruft geheilte Covid-Patienten auf: Bitte melden Sie sich – Sie können helfen!
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20:26 25.03.2020
Wollen ein Spenderregister erstellen: Die MHH-Mediziner Axel Haverich (re.) und Rainer Blasczyk. Quelle: Katrin Kutter und Samantha Franson (Montage)
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Hannover

Mithilfe eines neuen Behandlungsverfahrens gegen Covid-19 wollen die beiden MHH-Mediziner Axel Haverich und Rainer Blasczyk den Kampf gegen die Ausbreitung der Corona-Epidemie unterstützen und so die Zeit bis zur Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) setzt dabei auf die Hilfe bereits geheilter Covid-19-Patienten. Sie können, so die Mediziner, mit einer speziellen Blutspende bei der Behandlung von Menschen helfen, deren Leben durch eine SARS-Cov-2-Infektion akut bedroht ist.

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Kontakt per Mail oder Telefon

Wer bereits genesen ist und bei der Therapie anderer helfen will, kann sich auf zwei Wegen bei der MHH melden: entweder unter der kostenlosen Telefonnummer (08 00) 532 532 5 oder per E-Mail unter RKP-Spende@mh-hannover.de.

„Wir wollen die Immunität von genesenen Patienten nutzen, um kranken Menschen zu helfen – und möglichst auch Menschen, die noch nicht erkrankt sind“, erklärt Blasczyk. „Dafür benötigen wir Plasmaspenden der Genesenen.“

„Zwei wichtige Verteidigungssysteme“

Die Idee sei folgende: „Der menschliche Körper kennt zwei wichtige Verteidigungssysteme: Antikörper und Lymphozyten.“ Lymphozyten werden auch Immunzellen, T-Zellen, Wächterzellen oder Killerzellen genannt. „Diese Zellen überwachen und eliminieren bereits infizierte Zellen“, erklärt der Transfusionsmediziner Blasczyk. „Sie versetzen den infizierten Zellen sozusagen den Todesstoß. Danach können die Zellen keine weiteren Viren mehr bilden – die Verbreitung der Viren im Körper ist damit gestoppt.“

Antikörper sind vom Immunsystem gebildete Eiweißmoleküle, die der Körper zur Bekämpfung von Krankheitserregern wie dem SARS-Cov-2-Virus produziert. Die Antikörper „docken“ – vereinfacht gesagt – an das Virus an und machen es damit unschädlich. „Antikörper fangen die Viren ab, bevor sie Körperzellen infizieren können“, erklärt Blasczyk.

Noch im Blut der Genesenen

„Wir wollen von den Geheilten Plasmaspenden gewinnen“: Professor Rainer Blasczyk und Privatdozentin Constanca Sofia Ferreira de Figueiredo in einem Labor der MHH. Quelle: Karin Kaiser/MHH (Archiv)

Beide Verteidigungssysteme befinden sich auch nach der Genesung der Patienten noch in ihrem Blut, und das wollen die MHH-Mediziner ausnutzen. „Die Idee ist: Wir wollen von den Geheilten Plasmaspenden gewinnen und dieses Plasma zunächst Schwerkranken und leicht Kranken aus Risikogruppen verabreichen.“

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Je nachdem, wie viele Plasmaspenden die MHH erhält, könnte man das Plasma auch nicht kranken Menschen zum Schutz verabreichen – denn die fremden Antikörper schützen auch Gesunde. Für letztere Anwendung – wenn denn genug Plasma zusammenkommt – kommen laut Blasczyk vor allem Kandidaten in Betracht, die in für die Aufrechterhaltung der Daseinsvorsorge wichtigen Berufen arbeiten wie etwa Beschäftigte im Gesundheitswesen, Polizeibeamte oder Feuerwehrleute.

Genehmigung steht noch aus – die Zeit drängt

Um die Therapie überhaupt anwenden zu können, benötigen Haverich und Blasczyk nicht nur die Hilfe der Genesenen. Erforderlich sind zunächst auch Genehmigungen des Gewerbeaufsichtsamts und die Zulassung des gewonnenen Plasmas als Medikament durch das Paul-Ehrlich-Institut, die Arzneimittelbehörde des Bundes. Dafür muss eine Studie angefertigt werden. Darum drängt die Zeit.

„Vor allem aber müssen wir die Personen kennen, die Covid-19 bereits überstanden haben.“ Haverich und Blasczyk gehen dabei zweigleisig vor: „Wir stehen auch im Kontakt mit dem Landesgesundheitsamt.“ Dieses informiert die örtlichen Gesundheitsämter in Niedersachsen, also auch das der Region Hannover, über den Plan der MHH. „Denn die örtlichen Gesundheitsämter haben die Kontaktdaten der Patienten.“ Diese müssen die Ex-Patienten fragen, ob sie deren Kontaktdaten an die MHH weitergeben dürfen.

Gesundheitsämter helfen

Blasczyk lobt ausdrücklich die Kooperationsbereitschaft der Gesundheitsämter. „Sie unterstützen uns“ – sogar gerne, wie Mustafa Yilmaz, der Leiter des Gesundheitsamts der Region Hannover betont. „Mir liegt es am Herzen, Covid-19-Patientinnen und -Patienten damit gegebenenfalls eine Therapieoption zu eröffnen und so einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der neuen Infektionskrankheit zu leisten.“

Der Weg über die Gesundheitsämter ist jedoch wegen der Pflicht zur Einhaltung des Datenschutzes mühsam. „Das dauert“, sagt Blasczyk, „und wir erreichen nicht jeden.“ Darum wählt die MHH jetzt den öffentlichen Aufruf über die HAZ: „Mit der Bitte, dass sie sich direkt bei uns melden, wollen wir noch mehr Leute erreichen und so möglichst viele potenzielle Spender in unser Register aufnehmen.“ Tausende Spenden seien nötig.

Eine Spende pro Woche möglich

Die Plasmaspende und die Lymphozytenspende, erklärt Blasczyk, seien viel häufiger als die normale Vollblutspende möglich, im Fall der Plasmaspende bis zu einmal in der Woche. Ein Durchgang dauert 30 bis 45 Minuten. Plasmaspenden würden auch von der Uniklinik in Göttingen und einigen anderen Blutspendediensten vorgenommen.

Die Therapie wurde bereits bei anderen schweren Epidemien erfolgreich angewandt: bei der Spanischen Grippe 1918 und der Masern-Epidemie 1934 in den USA etwa – aber auch in jüngerer Zeit während der MERS-Epidemie im Nahen Osten 2012 und gegen Ebola im Jahr 2015.

„Bei der Lymphozytenspende sind wir aber die derzeit einzigen“, sagt Blasczyk.

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Von Karl Doeleke