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Hannover „Das soziale Elend ist größer geworden“
Nachrichten Hannover „Das soziale Elend ist größer geworden“
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06:36 20.01.2015
Von Veronika Thomas
„Ein gutes Netzwerk“: ZBS-Leiter Gottfried Schöne. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

37 Jahre Wohnungslosenhilfe, „das hatte viel mit Elend, persönlicher Not und Katastrophen zu tun“, sagt der 63-Jährige. „Schicksale, denen man sich nur schwer entziehen konnte.“ 1977, das Diakonische Werk hatte die ZBS ein Jahr zuvor gegründet, stieß der junge Sozialarbeiter zu dem zehnköpfigen Team. „Das war die Stunde null der Wohnungslosenhilfe“, erinnert sich der Vater von vier erwachsenen Kindern.

Bis dahin gab es nur Obdachlosenheime. Wer Hilfe suchte, erhielt gewissermaßen ein All-inclusive-Paket aus Essen, Schlafstelle, Arbeit plus Taschengeld. Die sich damals erst entwickelnde ambulante Hilfe hingegen setzte bei den Bedürfnissen der Menschen an, bot ihnen Wahlmöglichkeiten, um ihre Selbstständigkeit zu erhalten. „Wir wollten Wohnungslose niedrigschwellig an das Hilfesystem heranführen.“ Das bedeutete, wer Geld brauchte, wurde „qualifiziert“ zum Sozialamt geschickt. „Wir haben sie dabei unterstützt, ihre Rechte durchzusetzen, vor allem dann, wenn sie abgewiesen wurden“, erzählt der ZBS-Leiter. Wer eine Wohnung brauchte, wandte sich an die soziale Wohnraumhilfe. Angesichts der Wohnungsnot stößt diese Einrichtung heute allerdings an ihre Grenzen. „Wir suchen Grundstücke und Bauträger, um neuen Wohnraum zu schaffen.“

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Mecki war ein Meilenstein

1985 entstand der Kontaktladen Mecki, eine niedrigschwellige Anlaufstelle für Wohnungslose, wo es frühmorgens heiße Getränke, Brötchen, medizinische Versorgung und Sozialberatung gibt, für Schöne ein Meilenstein. „Damals wurde die Situation der Menschen auf der Straße öffentlich“, erinnert sich der Sozialpädagoge. Die Stadt habe das Hilfesystem ZBS in all den Jahren zum Glück immer wohlwollend begleitet. Als 1983 die ökumenische Essensausgabe eingerichtet wurde, zunächst als Projekt, später wegen anhaltender Not dann dauerhaft, trieb die ZBS die Einrichtung einer Tageswohnung für Obdachlose voran, wie sie die Selbsthilfe Wohnungsloser (SeWo) bereits anbot. „Wir fanden, dass es wichtiger ist, den Menschen einen Herd zur Verfügung zu stellen, um sich selbst etwas kochen zu können, als ihnen eine warme Mahlzeit zu geben.“

So entstand 1991 in der Lavesstraße die Tageswohnung „Dach über dem Kopf“, wo Menschen ohne Wohnung waschen, duschen und kochen können. Mitte der Neunzigerjahre kam eine Krankenwohnung hinzu, in der Wohnungslose ihre Krankheiten auskurieren können. „Die meisten von ihnen kehren nicht auf die Straße zurück“, sagt Schöne zufrieden. Speziell auf die Bedürfnisse Wohnungsloser ausgerichtet bietet die ZBS auch eine Drogen- und eine Schuldnerberatung an. Heute hat die ZBS unter dem Dach des Diakonischen Werks rund 70 Mitarbeiter mit sieben Beratungsstellen, unter anderem in Celle, Hameln, Wunstorf und Holzminden.

Viele junge Wohnungslose durch Hartz-IV 

„Die vielen Projekte einzurichten hat natürlich viel Spaß gemacht“, sagt Schöne. In den 37 Jahren sei ein gutes Netzwerk entstanden. Trotzdem sei die soziale Not nicht geringer geworden, sondern noch gewachsen. „Bedingt durch die Hartz-IV-Gesetzgebung haben wir einen hohen Zustrom an jungen Wohnungslosen, und die soziale Not in Osteuropa treibt massenweise Menschen zu uns.“ Viele von ihnen hätten sicher auch zu Hause ihre Probleme gehabt, „aber niemand verlässt freiwillig seine Heimat“, sagt Schöne. Er berichtet von einem kürzlichen Besuch des ZBS-Teams im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven, einem Museum, das sich der 300-jährigen Geschichte früherer Auswanderergenerationen widmet. „Dort ist genau dokumentiert, dass es die blanke Not war, die Deutsche nach Amerika trieb. Deshalb sollten wir mehr Verständnis für die Menschen haben, die zu uns kommen.“

Freitag ist sein letzter Tag bei der ZBS; der Abschied wird mit einer Andacht in der Kreuzkirche und einem kleinen Empfang beim Diakonischen Werk gefeiert. Schöne freut sich auf Haus und Garten im Osten der Region. „Da ist viel Arbeit liegen geblieben.“ Seine Nachfolgerin hat er in den vergangenen Wochen eingearbeitet - die 32-jährige Juristin und ausgebildete Mediatorin Nadine Haandrikman-Lampen aus Göttingen.

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