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Hannover Für die SPD gibt es in Hannover kaum Lichtblicke
Nachrichten Hannover Für die SPD gibt es in Hannover kaum Lichtblicke
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00:20 30.05.2019
Die Statistiker liefern Zahlen, Daten und Analysen. Quelle: Nancy Heusel
Hannover

Die Europawahlen am Sonntag haben mit dem Sieg der Grünen und dem heftigen Nackenschlag für die einst sieggewohnte SPD die politischen Machtverhältnisse in der Stadt und der Region Hannover so stark verschoben wie selten ein Urnengang zuvor. Die Statistiker der beiden Verwaltungen und vom Sozialforschungszentrum Agis haben in ihrem am Montag vorgelegten Wahlbericht analysiert, was da passiert ist. Dafür haben sie nach sozialen Kriterien sechs Milieus definiert – von urbanen Zentren über etablierte Quartiere bis hin zu sozial angespannten Milieus.

Wie lässt sich das Wahlergebnis in Stadt und Region erklären?

Mit dem Paternoster-Effekt, den die Wahlforscher ausgemacht haben. Die Wahlbeteiligung und das Ergebnis der Grünen sind nach oben gefahren, die Resultate von SPD und CDU nach unten. „Das geschieht flächendeckend und über alle Milieus“, sagt Stephan Klecha, Statistiker bei der Region. Die FDP sei im Paternoster ein wenig nach oben gefahren, die Linken mit ihrem stabilen Ergebnis seien gar nicht erst eingestiegen.

Und was ist mit der AfD?

Die hat zwar ihren Stimmenanteil gegenüber der vergangenen Europawahl verdoppelt, aber nicht das Ergebnis der Bundestagswahl 2017 erreicht. Ihre besten Resultate erzielte sie in den sozial schwachen Quartieren wie Sahlkamp und Mühlenberg in der Stadt Hannover oder einigen Bereichen Garbsens und Laatzens im unmittelbaren Umland. „Die AfD ist dort stark, wo die Wahlbeteiligung gering ist. Das könnte bedeuten, dass sie mit ihrem Wachstum an Grenzen gestoßen ist“, sagt Klecha.

Wo kommen die vielen grünen Stimmen her?

Zum einen von SPD und CDU. Damit allein lässt sich das Ergebnis aber nicht erklären. Da die Grünen regionsweit 90.000 Stimmen gegenüber der Europawahl 2014 hinzugewonnen haben, müssen sie auch der alleinige Profiteur der hohen Wahlbeteiligung gewesen sein. „Das könnten auch Jung- und Erstwähler sein, die aber zahlenmäßig die kleinste Gruppe stellen. Wahrscheinlich zieht es sich durch alle Altersgruppen“, sagt Andreas Martin vom Team Personal der Stadt. Aufgefallen ist den Statistikern auch, dass die Grünen in Hannover in zentrumsnahen Gebieten wie der Calenberger Neustadt oder der Nordstadt stärker sind als CDU und SPD zusammen. Ihr bestes Resultat erzielten sie in Linden-Mitte mit 44,9 Prozent. Selbst in sozial schwächeren Milieus hat der Wahlsieger Erfolge gefeiert. „Da wird außer auf die Grünen eigentlich nur noch auf die AfD gesetzt“, sagt Dirk Buitkamp von Agis.

CDU bleibt im Umland Nummer eins

Gibt es Lichtblicke für SPD und CDU?

Für die SPD so gut wie keine, sie hat in allen hannoverschen Stadtteilen und in weiten Teilen des Umlands eingebüßt – in Isernhagen-Süd liegt sie nur noch bei 10,5 Prozent. In einigen Arbeiterquartieren Hannovers im Westen der Stadt wie Stöcken oder Ledeburg bleibt sie zwar stärkste Kraft. Sie ist aber auch dort abgestürzt und notiert nur noch knapp vor den Grünen. „Die SPD enttäuscht ihre Klientel“, schlussfolgert Buitkamp. Die CDU bleibt im Umland die Nummer eins. Außerdem ist sie in den gut situierten Gebieten im Osten Hannovers noch stark, muss dort aber zumeist die Grünen vor sich dulden. Zusammen kommen Grüne und CDU etwa in Waldhausen oder Waldheim auf mehr als 50 Prozent Stimmenanteile. „Schwarz-Grün nähert sich an“, sagt Buitkamp.

Welche Rolle hat die Rathausaffäre in Hannover gespielt?

„Wenn es einen Effekt gab, dann ist der vom allgemeinen Ergebnis verschüttet worden“, sagt Andreas Martin. Als Beleg nennt er das Ergebnis der SPD in den 15 größten deutschen Städten. Dort haben die Sozialdemokraten überall zwischen 10 und 15 Prozentpunkte an Stimmanteilen eingebüßt. In Hannover waren es 13,7 Prozentpunkte.

Europäische Themen wie Klimaschutz entscheidend

Ging es auch um Themen?

Nach Ansicht der Statistiker schon, aber nicht um lokale. „Die europäischen Themen wie Klimaschutz oder Urheberrecht waren die entscheidenden“, erklärt Statistiker Klecha. Darauf hätten die Grünen als einzige klare Antworten gehabt.

Wie nachhaltig ist dieses Ergebnis?

Darin mögen die Wahlverlierer Trost finden: Es spricht nach Ansicht der Statistiker nichts dagegen, dass die Resultate sich auch wieder in eine andere Richtung entwickeln. „Wir hatten zuletzt eine Bundestagswahl mit einer starken CDU, eine Landtagswahl mit einer starken SPD, und nun haben wir eben eine Europawahl mit starken Grünen“, resümiert Klecha. Die Wähler wüssten mittlerweile sehr genau zwischen den einzelnen Wahlen und den mit ihnen verbundenen Themen zu differenzieren. Sie legten sich nicht mehr von vorn herein auf Parteien fest. „Wer auf welche Art die Wähler mobilisieren kann, wird in Zukunft immer wichtiger werden“, sagt der Statistiker.

Von Bernd Haase

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