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Hannover "Ehe für alle": Zwei Hannoveranerinnen hoffen
Nachrichten Hannover "Ehe für alle": Zwei Hannoveranerinnen hoffen
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00:17 03.07.2017
Von Jutta Rinas
Gemeinsames Essen: Der Zweijährige mit seinen Müttern Meike Wietgrefe (links) und Nadine Wietgrefe. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Es ist die große Liebe. So groß, dass ein Brief oder eine Karte viel zu schmal für einen Heiratsantrag erscheint. Eine Rolle spielt sicher auch, dass Meike Wietgrefe einer Frau ihr Herz geschenkt hat - und sich mit ihrer Liebe keinesfalls verstecken will. Das tut sie auch nicht. Die 36-jährige Hannoveranerin wählt im Juli 2013 eine ganze Litfaßsäule in Linden, um Freundin Nadine einen Heiratsantrag zu machen.

Das Plakat mit dem Foto von Nadines Spitz-Mischling Jodie und der Regenbogenfahne ist auch ein politisches Signal: Zwei Wochen zuvor hat der Bundestag die steuerliche Gleichstellung für die Homo-Ehe beschlossen. Kein Wunder, dass Wietgrefe und ihre Frau - im September 2013 werden die beiden standesamtlich getraut - auch die heute im Bundestag beschlossene „Ehe für alle“ begrüßen. Längst überfällig sei dieser Schritt, sagt Wietgrefe, ein „Befreiungsschlag“. Schade sei, dass das Thema am Ende von der „taktisch klugen Frau Merkel“ als Wahlkampfthema missbraucht worden sei - und dabei untergehe, wer letztlich all die Jahre dafür gekämpft habe: „Aber vielleicht musste es so sein.“

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Viele rechtliche Hürden

Wichtig ist Wietgrefe vor allem, dass nach dem Beschluss im Bundestag künftig homosexuelle Paare auch bei der Adoption heterosexuellen Ehepaaren vollkommen gleichgestellt werden. Was es bedeutet, wenn dies nicht der Fall ist, mussten die beiden Frauen schmerzlich erfahren. Ein Jahr lang mussten sie darauf warten, bis ihr Sohn auch rechtlich beider Kind wurde. Dabei hatten sie sich schon vor der Geburt mitsamt Samenspender an das Jugendamt mit der Frage gewandt, wie Ko-Mutter Nadine mit einer sogenannten Stiefkindadoption so schnell wie möglich auch juristisch Mutter werden konnte. „Wir wussten gar nicht, ob das mit der Schwangerschaft klappt, da haben wir uns schon um juristische Dinge gekümmert“, sagt Meike Wietgrefe, die leibliche Mutter. Allein das zeige doch, wie ernst man das Projekt Familie nehme. „Trotz all der Scherereien, trotz des ganzen Papierkrams will man das Kind.“

Dass sie Mutter werden möchte, war für die heute 39-Jährige immer schon klar. Einen Bruder hat sie, Ehefrau Nadine Wietgrefe hat zwei Schwestern. Familie ist für beide Lebensinhalt. „Ich kann nicht verstehen“, sagt Wietgrefe, von Beruf kaufmännische Angestellte, „dass man Menschen das absprechen will, nur weil sie schwul oder lesbisch sind“.

Wichtig finden die beiden Frauen, dass ihr Kind den leiblichen Vater kennenlernen kann, wenn es will. Deshalb kommt keine anonyme Samenspende infrage. Die beiden finden einen Bekannten, der ihnen per Samenspende helfen und sich als Vater offiziell registrieren lassen will. „Unser Sohn soll herausfinden können, wo seine genetischen Wurzeln sind“, sagt Wietgrefe. „Er hat einen Vater, aber der lebt eben nicht bei uns.“

Zahllose Unterlagen für die Adoption

Seinen Platz einnehmen soll die Frau, die Seite an Seite mit Meike Wietgrefe die Schwangerschaft durchsteht. Nadine ist es, die miterlebt, wie das noch ungeborene Baby sich zum ersten Mal im Mutterleib bewegt, wie es tritt. Sie ist es, die im Krankenhaus am Bett ihrer Frau wacht, als diese am 25. Dezember 2014 morgens um 11.54 Uhr einen gesunden, dreieinhalb Kilogramm schweren Jungen entbindet. „Ich war die Allererste, die ihn sehen durfte, noch vor Meike“, erzählt die Sozialarbeiterin stolz. Um auch auf dem Papier die Mutter zu werden, muss Nadine ihr Wunschkind aber als „Stiefkind“ adoptieren. Nicht genug damit, dass die nicht-leibliche Mutter trotz Ehe zahllose Unterlagen für die Adoption beibringen muss, darunter eine Verdienstbescheinigung, ein erweitertes Führungszeugnis, eine Aufenthaltsbescheinigung, ein Gesundheitszeugnis. Sie muss ein Adoptionspflegejahr abwarten, bis der Kleine rechtlich ihr Kind ist.

"Ehe für alle" - ein Kommentar

Angela Merkels Sowohl-als-auch-Philosophie stößt an Grenzen. Mit ihrem Nein zur Ehe für alle nährt die Kanzlerin den Verdacht, mehr von politischer Opportunität denn von Überzeugungen geleitet zu sein. Ein Kommentar von Marina Kormbaki.

Das hat damit zu tun, dass Stiefkindadoption in der Regel bedeutet, dass jemand ein Kind adoptiert, das der Partner aus einer früheren Beziehung mitgebracht hat. Dass der Junge im Gegensatz dazu in eine eingetragene Lebensgemeinschaft hineingeboren wird, hilft den beiden Frauen nicht. Eigentlich haben die beiden sogar Glück. Der Rat der Stadt Hannover hat 2014 entschieden, dass gleichgeschlechtliche Lebenspartner, die ein Kind adoptieren möchten, kein Pflegejahr mehr ableisten müssen. „Wir wollen eine Gleichberechtigung in Bezug auf die Adoption“, heißt es damals. „Was für heterogene Paare gilt, soll auch für gleichgeschlechtliche gelten.“

Der Partnerin nicht gleichgestellt

Im Fall der Wietgrefes dauert es dennoch ein Jahr, bis auch auf dem Papier Klarheit darüber herrscht, dass der Kleine zwei Mamas hat. „Personalengpässe“ bekommen sie als Antwort genannt. Die Stadt möchte sich aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht äußern. Eine quälende Zeit bedeutet das Warten für Co-Mutter Nadine. Sie hat nur das sogenannte „kleine Sorgerecht“. Bei Operationen etwa darf sie nicht mitbestimmen. Selbst an Kleinigkeiten im Alltag merkt sie, dass sie ihrer Partnerin nicht gleichgestellt ist: Im Kindergarten muss sie einen Zettel ausfüllen, der bestätigt, dass sie ihr Kind abholen darf. „Es ist ein komisches Gefühl, wenn du im Herzen voll und ganz Mutter bist - und du darfst nichts entscheiden“, sagt Nadine Wietgrefe.

Mittlerweile ist das Vergangenheit, die Adoption hat geklappt. Wie sich die am Freitag beschlossene „Ehe für alle“ auf Fälle wie ihren auswirken wird, ist noch ungewiss. Bei der Stadt Hannover geht man davon aus, dass bei gleichgeschlechtlichen Ehepartnern die Adoption des ehelich geborenen Kindes entfällt. Der Lesben- und Schwulenverband hingegen geht davon aus, dass speziell in diesen Fällen weiter eine Stiefkindadoption nötig ist. „Ich denke aber, die Weichen für eine Veränderung sind mit der ,Ehe für alle‘ gestellt“, ist Meike Wietgrefe optimistisch.

Für den Sohn, der Autos und Flugzeuge über alles liebt wie so viele Jungs in seinem Alter, liegt der Fall sowieso klar. Für ihn sei es normal, dass er zwei Mütter habe, sagen Nadine und Meike Wietgrefe. Statt „Mama“ und „Papa“ sagt er einfach „Mama Din“ und „Mama Mei“.

Stadt geht von großem Andrang aus

Die Stadt rechnet mit einem großen Interesse homosexueller Paare an Eheschließungen: „Wir werden uns auf einen entsprechenden Andrang einstellen“, sagt Pressesprecher Udo Möller. Allerdings gebe es bislang noch keine Ausführungsbestimmungen zu dem Gesetz. Daher sei auch noch unklar, ob ein Antrag notwendig sei, um eine bisherige Lebenspartnerschaft in eine Ehe umzuwandeln und ob dabei Fristen eingehalten werden müssen. Derzeit leben in Hannover 1671 Paare in eingetragener Lebenspartnerschaft; 996 männliche und 675 weibliche. Im Jahr 2016 wurden beim Standesamt Hannover 2219 Ehen und 
88 Lebenspartnerschaften geschlossen.

Bärbel Hilbig 30.06.2017
Tobias Morchner 03.07.2017