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Hannover Er erkennt in Gemälden Krankheiten
Nachrichten Hannover Er erkennt in Gemälden Krankheiten
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06:00 31.01.2019
MHH, Prof. Haller forscht nach Krankheitsbildern in der bildenden Kunst. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Die treffende Diagnose gibt es nicht auf den ersten Blick. Die Medizinstudenten von Hermann Haller, Professor an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), müssen schon ganz genau hinschauen und abwägen, wenn sie Krankheitsbilder auf alten Meisterwerken erkennen wollen. Mit Geduld, Empathie und medizinischem sowie kulturhistorischen Hintergrundwissen aber kommen sie voran: Da lässt sich bei der Mona Lisa eine Fettstoffwechselstörung ablesen, Bruegels „Blindensturz“ offenbart gleich fünf verschiedene Augenerkrankungen, Raffael hat einen epileptischen Anfall abgebildet und bei Botticelli haben Protagonisten Fußpilz.

Die hoch technisierte Medizin gibt Ärzten heute eine Vielzahl an Geräten und Verfahren an die Hand, um richtige Diagnosen zu stellen. Dass sich Mediziner nicht nur auf Technik verlassen, sondern ihre Patienten einfach mal genauer anschauen sollten, bringt der Professor und Leiter der Klinik für Nierenheilkunde Hermann Haller den Studenten an der MHH auf eine ganz besondere Art bei. Seit sechs Jahren stellt sie in seinem Seminar „Diagnose auf Bildern“ vor die Herausforderung, anhand von Gemälden die Erkrankungen und Gebrechen der dargestellten Personen zu erkennen und korrekt zu benennen.

Verbindung von Kunst und Medizin

Dabei vermittelt Haller aber nicht nur medizinisches Grundwissen, sondern fordert die angehenden Mediziner auch auf anderen Gebieten – Kunst und Geschichte. „Ich habe gewissermaßen ein Studium Generale hinter mir“, sagt Haller, der ursprünglich aus Stuttgart stammt. Jura in Göttingen, Philosophie und schließlich Kunstgeschichte und Medizin in Berlin. „Ich habe lange überlegt, mich dann aber für die Medizin als Berufswahl entschieden.“ Er hat in England und den USA gearbeitet, an der Universität Yale ist er Ende der achtziger Jahre zum ersten Mal mit dem Thema Medizinstudenten im Museum in Verbindung gekommen. „Die Studenten sollten damals eine genaue Bildbeschreibung liefern. Und dabei wurde einiges zutage gefördert“, erzählt der Professor, der seit 1999 an der Medizinischen Hochschule Hannover arbeitet. Wenn die abgebildete Person auch als Patient betrachtet werde, „dann ergeben sich oft auch pathologische Merkmale“, betont Haller.

Den Impuls, die besondere Verbindung von Kunst und Medizin seinen Studenten ganz offiziell zu vermitteln, gab Albrecht Dürer. Auf einem kleinen Selbstporträt hat sich der Künstler mit einer gelblich verfärbten Stelle am Oberbauch dargestellt und dazu vermerkt: „Hier tut es mir weh“. Haller ist der Sache nachgegangen – Resultat Grippe. „Die Bilder müssen schon künstlerisch sehr realistische Darstellungen zeigen, sonst ist eine Diagnose schwierig“, betont Haller. Aber zwischen dem 14. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts komme einiges in Frage, naturgetreues Malen sei vor allem in der Renaissance beliebt und gut bezahlt gewesen. „Die Studenten sollen erst einmal eine Vorstellung einer Epoche haben, bevor sie auf Spurensuche in den Porträts gehen.“

Mona Lisa hatte einen zu hohen Cholesterinspiegel

„Der Blindensturz“ von Bruegel aus dem 16. Jahrhundert ist für den leidenschaftlichen Professor ein perfektes Anschauungsobjekt. „Bei den blinden Personen sind mehrere verschiedene Augenkrankheiten zu erkennen, die sich anhand der Farbe der Hornhaut, Schwellungen oder Lidern diagnostizieren lassen.“ Zudem seien alle Protagonisten sehr sorgfältig gekleidet, „ da hat sich jemand gut um diese Menschen gekümmert.“ Der scharfe Blick, der auch für den heutigen Medizinalltag unerlässlich ist, eröffnet oft die Sicht auf eine zweite Ebene – von Patient und Portrait. Mona Lisa etwa hatte vermutlich einen zu hohen Cholesterinspiegel. Eine kleine Wölbung in ihrem linken Augenwinkel weist genauso auf diese Fettstoffwechselstörung hin, wie die leicht geschwollenen Finger, Handgelenke und Wangen – Experte Haller tippt auf Ödeme.

Der „Isenheimer Altar“ (Wandaltar von Matthias Grünewald, geschaffen 1512-1516) zeigt in einer unteren Bildecke einen Schmerzpatienten. „Der Mann ist übersät mit Geschwüren, die Unterschenkel sind bereits dunkel verfärbt, im Bauch befindet sich Flüssigkeit“, diagnostiziert Haller. In Anbetracht der Darstellung und der Epoche schließt er darauf, dass es sich hier um eine Mutterkornvergiftung – einen Pilz, der im feuchten Getreide wuchs – handelt, die tödlich endet. „Zu den Aufgaben gehören neben der Beschreibung des Krankheitszustandes auch eine genaue Bildbeschreibung, die Einordnung des Bildes in das Gesamtwerk des Malers und die Einordnung des Künstlers in seine Zeit“, erklärt Professor Haller. Geschichtskenntnisse seien wichtig um abzuschätzen, ob die dargestellten Leiden möglicherweise durch Krieg, Seuchen oder Hungersnöte verursacht wurden. „Bei einem erotischen Gemälde von Agnolo Bronzino von 1535 etwa ist auf den zweiten Blick zu erkennen, dass viele der Protagonisten von Syphilis befallen sind.“

„Ich kann Bücher ganz gut leiden“

Hermann Haller hat noch jede Menge Beispiele parat. In seinem Arbeitszimmer in der Klinik stapeln sich neben den medizinischen Fachbüchern die Bände über Künstler und Kunstgeschichte. „Zuhause habe ich noch jede Menge Literatur“, sagt Haller. „Ich kann Bücher ganz gut leiden.“ Seine Studenten hat er mit seiner Leidenschaft für die Kunst regelrecht infiziert. „Die machen sehr interessante Referate und entdecken manchmal Details auf den Gemälden, die mir noch nicht aufgefallen waren.“ Bei einer Studentin ist das Interesse so ausgeprägt, dass sie zu diesem Thema promovieren möchte. „Das ist wohl einmalig in Deutschland“, sagt der Doktorvater. Ihren Blick für die richtige Diagnose wir es in jedem Fall schärfen.

Von Susanna Bauch

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