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Hannover Skrupellose Dealer machen Geschäfte vor den Augen von Kindern
Nachrichten Hannover Skrupellose Dealer machen Geschäfte vor den Augen von Kindern
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00:17 26.05.2019
Die Geschäfte finden auf offener Straße statt. Quelle: privat
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Hannover

Es ist so schnell wieder vorbei, wie es begonnen hat: Ein junger Mann spricht an der Telefonzelle auf der Vahrenwalder Straße einen anderen Mann an, der dort bereits mehrere Stunden lang wartet. Nach einem kurzen Gespräch gehen die beiden um die Ecke, in den kleinen Grenzweg. Dort gibt der junge Mann dem anderen einen Schein. Sein Gegenüber holt aus seinem Mund eine kleine, bonbongroße Kugel und händigt sie dem jungen Mann aus. Dann trennen sich ihre Wege. Der Drogendeal ist gelaufen.

Die Zahl der Drogenhändler am Vahrenwalder Platz ist in den vergangenen Wochen stark angestiegen, sagen die Geschäftsleute. Quelle: privat

Solche Szenen beobachten Fritz Schünemann und seine Frau Dagmar täglich mehrfach. Sie haben ihr Badezimmer-Fachgeschäft am Vahrenwalder Platz und können den Drogenhändlern durch ihr Schaufenster zusehen. „Es wird immer schlimmer: Früher waren hier täglich acht Rauschgifthändler, seit ein paar Wochen sind es doppelt so viele“, sagt der Geschäftsmann. Der Platz ist bei den Dealern offenbar deshalb so beliebt, weil er zum einen sehr zentral liegt und zum anderen gute Fluchtmöglichkeiten bietet. „Wenn die Polizei mal kommt, springen sie in die Stadtbahnen am Vahrenwalder Platz und sind weg“, sagt Schünemann. Dabei ist es den skrupellosen Händlern offenbar egal, dass sie ihre Geschäfte auch vor den Augen von Kindern und Jugendlichen abwickeln. Denn in unmittelbarer Nähe befinden sich ein Spielplatz, eine Kita und eine Musikschule. Selbst wenn einer der Drogenverkäufer geschnappt wird, kommt er wenig später wieder zurück. „Die haben immer nur eine Kugel mit Stoff im Mund, die sie herunterschlucken können, wenn die Polizei kommt“, sagt der Fachhändler.

Vor seinem Schaufenster machen die skrupellosen Drogenhändler regelmäßig ihre Geschäfte: Fachhändler Fritz Schünemann am Vahrenwalder Platz. Quelle: Tim Schaarschmidt

Der Polizeidirektion Hannover ist die Situation am Vahrenwalder Platz bekannt. „Die Beamten des Einsatz- und Streifendienstes des Polizeikommissariats Nordstadt fahren vermehrt Streife und nehmen Identitätsfeststellungen vor“, teilt die Behörde mit. Wie viele Festnahmen es in diesem Jahr rund um den Platz gegeben hat, kann die Polizei nicht sagen. Die Örtlichkeit sei zu kleinteilig, deshalb gebe man keine Zahlen heraus. Auch Schünemanns Nachbar leidet unter den Aktivitäten der Dealer. „Die holen ihren Nachschub entweder vom Spielplatz an der Conti oder aus den Vorgärten der Häuser in der Alemannstraße – dort ist alles voller kleiner Maulwurfshügel“, sagt der Geschäftsmann, der seinen Namen nicht nennen möchte.

Seit drei Jahren hat er seinen Laden am Vahrenwalder Platz. „Ich habe bestimmt schon 50-mal die Polizei wegen der Dealer gerufen“, sagt er, außerdem hätten seine Mitarbeiter die Beamten mehrfach alarmiert. „Geändert hat sich nichts“, sagt der Friseur. Als die Rauschgifthändler so dreist wurden und ihre Geschäfte unmittelbar vor seinem Schaufenster abwickelten, wurde es ihm zu bunt. „Ich habe die Dealer zur Rede gestellt“, sagt er. Der Anführer der Gruppe ließ sogar mit sich reden. „Er hat mir versichert, dass er mir mein Geschäft nicht kaputt machen werde, wenn ich ihm seins nicht kaputt mache“, sagt er.

Die Geschäftsleute am Vahrenwalder Platz kämpfen gegen die Dominanz der Dealer. Quelle: google earth

Dem Friseur bleiben die Kunden weg

Wie lange der Friseur an dem Standort noch durchhalten wird, ist ungewiss. In den drei Jahren habe er etliche Kunden verloren: „Wenn ich jemanden auf der Straße mit frischem Haarschnitt sehe, der mal bei uns war, frage ich ihn, warum er nicht mehr kommt, ob er unzufrieden war“, sagt er. Unzufrieden seien die wenigsten. Am häufigsten bekomme er als Antwort zu hören: „Wir kommen nicht mehr wegen der ganzen Drogen.“

Auf der gegenüberliegenden Seite des Haar- und Beautysalons befindet sich in einem ehemaligen Gebäude einer Bank der Escape-Room The Key. Seit die Stadt die Einrichtung Anfang März wegen einer angeblich fehlenden Baugenehmigung stillgelegt hat, haben die Dealer den Eingangsbereich des Gebäudes in Beschlag genommen. Er liegt ein bisschen geschützt, ist auf den ersten Blick nicht einsehbar, dort wickeln die Drogenhändler ebenfalls ihre Deals ab. „Wir hatten sogar mal eine Absprache mit der Polizei, die sich in unseren Räumen versteckt hatte, um gegen die Rauschgiftszene vorzugehen“, sagt Henning von Freeden, der Geschäftsführer des Escape-Rooms. Doch genützt habe das nichts.

Hoffnung auf Baustelle am Vahrenwalder Platz

Fachhändler Schünemann und seine Frau haben aus der Dominanz der Dealer am Vahrenwalder Platz für sich Konsequenzen gezogen. Ihr Geschäft schließen sie auch während der regulären Öffnungszeiten ab. Wer hinein möchte, muss eine Handynummer anrufen. Beratungen gibt es in der Regel nur nach Terminabsprache. Von der Polizei erhoffen sich die beiden keine Hilfe mehr. „Ich war vor Kurzem noch einmal da und habe eine Bürgerbeschwerde eingereicht“, sagt Dagmar Schünemann. Zum wiederholten Mal habe der Beamte seine Unterstützung zugesichert. „Mal sehen“, sagt die Geschäftsfrau.

Hoffnung auf Veränderung vor Ort zieht sie aus einem anderen Umstand: Die Haltestelle Vahrenwalder Platz wird seit Montag umgebaut. Fahrgäste der Üstra müssen jetzt eine Ersatzhaltestelle etwas weiter stadtauswärts nutzen. „Das wird die Dealer sicher von unserem Schaufenster vertreiben, aber damit sind sie ja nicht vollständig verschwunden. Unsere Kollegen werden begeistert sein“, sagt Schünemann.

Das sind die Drogenschwerpunkte in Hannover

Die Zahl der Drogendelikte in Hannover steigt seit Jahren: 2009 registrierten die Ermittler noch 4430 Drogenverstöße, im vergangenen Jahr waren es bereits 5112. Laut Stadtteilstatistik werden die meisten Rauschgiftdelikte in der Stadtmitte begangen, 2017 waren es allein dort 1548 Taten. „Im Gesamtkontext muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass bei den Drogendelikten von einem hohen Dunkelfeld ausgegangen werden muss“, sagt Behördensprecher Mirco Nowak. Heißt: Die Zahl der unentdeckten Fälle ist wesentlich höher. Die Drogenschwerpunkte liegen demnach am Steintor, Raschplatz und Ernst-August-Platz. Doch auch in den Stadtteilen gibt es Problemecken, beispielsweise am Vahrenwalder Platz und Vahrenheider Markt – dort hob die Polizei zuletzt sogar einen großen Drogenring aus.

Am häufigsten wird in Hannover mit Marihuana, Kokain und Amphetaminen gedealt. Dabei teilen sich die Nationalitäten die Geschäftsgebiete: Am Steintor handeln albanische Drogendealer bevorzugt mit Kokain, Afrikaner mit Marihuana. Eine Kugel mit 0,3 Gramm Kokain kostet auf der Straße rund 20 Euro. Mit 2525 der insgesamt 4123 Tatverdächtigen im Jahr 2018 stammt jedoch die Mehrheit aus Deutschland. Sowohl 2017 als auch 2018 gab es in der Stadt zwölf Drogentote.

Laut Polizei werde auf verschiedenen Ebenen gegen das Drogenproblem in Hannover vorgegangen. Zum einen überprüfen die Beamten aller Inspektionen Konsumenten und Zwischenhändler. Darüber hinaus werden laut Nowak „regelmäßig Schwerpunktkontrollen an uns bekannten Örtlichkeiten“ durchgeführt. Dabei nahmen die Ermittler beispielsweise kürzlich einen 39-jährigen Drogendealer im Hauptbahnhof fest. Er hatte einen Rucksack mit Haschisch, Marihuana und Amphetaminen bei sich.

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Von Tobias Morchner

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