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Hannover Ein Jahr Gratis-Kita – was hat es gebracht?
Nachrichten Hannover Ein Jahr Gratis-Kita – was hat es gebracht?
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19:58 07.08.2019
Freut sich über den beitragsfreien Kindergarten: Doreen Koschke mit ihrem Sohn Jayden im Familienzentrum Josefa. Quelle: Irving Villegas
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Hannover

Dieses Jahr hat Doreen Koschke sich leichteren Herzens für eine Urlaubsreise mit ihren beiden Söhnen entschieden. Dass Eltern in Niedersachsen seit einem Jahr keine Kindergartenbeiträge mehr zahlen müssen, merkt die 37-Jährige deutlich. „Für mich ist das wirklich eine Entlastung. Ich bin glücklich darüber.“ Vorher zahlte die Alleinerziehende, die selbst als Sozialassistentin in einer Kita arbeitet, rund 250 Euro im Monat für den Kindergarten ihres Sohnes Jayden. Doreen Koschke hat nun eher Geld für Unternehmungen mit dem Fünfjährigen und ihrem älteren Sohn Darnell übrig.

Familie Leßmann kostete der Kindergarten für Tochter Matilda zuletzt rund 300 Euro im Monat. „Das ist schon viel Geld aufs Jahr gerechnet“, resümiert Dominika Leßmann. Die Umweltwissenschaftlerin erwartet bald ihr zweites Kind und will beruflich umsatteln. „Das mache ich nun mit einem besseren Gefühl, weil ein Ausgabenposten weggefallen ist“, sagt die 40-Jährige.

Geld für zusätzliche Erzieher fehlt

Doch der beitragsfreie Kindergarten hat auch zu Diskussionen geführt. „Für die Eltern freut mich das natürlich“, betont Heike Berkhan, Leiterin des katholischen Familienzentrums St. Josefina in der Oststadt. Dennoch wünscht die Kita-Leiterin sich vor allem mehr Mitarbeiter pro Gruppe, damit die Erzieher besser auf Kinder eingehen können. „Die Einführung einer dritten Kraft geht nur schleppend voran, weil das Geld dafür nicht da ist.“ Die größeren freien Träger fordern seit Jahren mehr Qualität auch in Form eines verbesserten Betreuungsschlüssels. „Ein Großteil des Geldes aus dem Gute-Kita-Gesetz des Bundes geht nun in die Beitragsfreiheit“, bedauert Ingrid Kröger, Kita-Fachfrau der Arbeiterwohlfahrt. Kröger ist jedoch gleichzeitig die Entlastung der Eltern wichtig. „Kitas sind Bildungseinrichtungen wie die Schulen. Wir haben die Beitragsfreiheit von Kindergarten und auch Krippe seit Langem gefordert.“

Die überstürzte Gesetzesänderung kurz vor der Sommerpause 2018 hatte vor allem kleinere Träger freier Kindergärten in Unruhe versetzt. Das Land zahlt nun für die wegfallenden Elternbeiträge Pauschalen an die Kita-Träger. Elterninitiativen mit geringen Rücklagen sorgten sich, dass die Überweisung vom Land nicht rechtzeitig bei ihnen eintrifft und sie Erziehern die Gehälter schuldig bleiben. Kommunen befürchteten, auf einem beträchtlichen Teil der Kosten sitzen zu bleiben.

Mehr Spielraum für Familien: Für Matildas Platz im Kindergarten muss Dominika Leßmann (rechts) seit einem Jahr nicht mehr zahlen. Quelle: Villegas

Kosten für die Kommunen sind noch offen

Manches hat sich geklärt. Die Stadt Hannover weiß allerdings immer noch nicht, wie viel Geld sie am Ende zuschießen muss, falls der Landeszuschuss für die Kita-Träger nicht ausreicht. Frühestens im Frühjahr 2020 sei das erste gebührenfreie Kindergartenjahr komplett abgerechnet, heißt es. Die Stadtverwaltung setzt auch auf den Härtefallfonds des Landes, wenn die bisherigen Pauschalen nicht reichen. „Es ist noch völlig unklar, wie der Fonds sich zusammensetzt, unter welchen Bedingungen Kommunen Geld erhalten und wann das sein wird“, berichtet Katharina Fischer, Fachdienstleiterin Kindertagesstätten in Sehnde. Sie geht davon aus, dass die erhöhte Landesbeihilfe allein den Wegfall der Elternbeiträge nicht ausgleichen wird. Nach einer früheren Hochrechnung könnte das Defizit Sehndes rund 10 Prozent betragen.

Städte gleichen Verluste der Kitas aus

Auch Sehnde trägt eventuelle Verluste der freien Träger. „Das haben wir per Vertrag zugesichert. Wir sind schließlich auf ihre Betreuungsplätze angewiesen“, sagt Fischer. Die Stadt Garbsen hat mit den Kindertagesstätten ähnliche Verträge geschlossen, sodass denTrägern keine finanziellen Nachteile durch die Beitragsfreiheit im Kindergarten entstehen. Im Haushalt 2019 hat Garbsen dafür 6500 Euro eingeplant.

Anders als in vielen anderen Kommunen hat der beitragsfreie Kindergarten in Hannover die Nachfrage von Eltern nach Ganztagsplätzen kaum noch erhöht. Denn die Stadt baut das Angebot seit Jahren um, inzwischen sind nur noch gut 2000 der rund 14.800 Kindergartenkinder nicht ganztags betreut. Sehnde hat noch keinen Überblick, ob nun mehr Eltern Ganztagsbetreuung, Früh- oder Spätbetreuung wünschen. Das Angebot ist allerdings begrenzt. In Garbsen ist die Nachfrage nach Ganztagsbetreuung weiter gestiegen. Ob die Beitragsfreiheit dabei eine Rolle spielt, lässt sich nicht klar sagen.

Eigener Vertrag für Extras

Das Land hat einige strenge Regeln eingeführt, um den gebührenfreien Kindergarten abzusichern. So dürfen Kindergärten kostenpflichtige Zusatzangebote nur noch auf freiwilliger Basis und mit Extravertrag anbieten. „Manche Trägervereine befürchteten, dass damit nun Kinder vom Singkreis der Musikschule ausgeschlossen sind, wenn ihre Eltern sich das nicht leisten können“, berichtet Sandra Schnieder, Beraterin der Kinderladen-Initiative Hannover. Doch so wie bisher finden sich Wege, alle Kinder einzubeziehen, berichtet Schnieder. „Teils gibt es Ermäßigungen der Anbieter für ärmere Familien. Oder die anderen Eltern finanzieren die Teilnahme der Kinder mit.“ Bei größeren freien Trägern ist das oft gar kein Thema. „Wir kaufen Bildungsangebote nicht extra ein. Unsere eigenen Fachkräfte bieten Aktionen, damit sie für alle zugänglich sind“, sagt Nicole Wilke, Abteilungsleiterin Kinder und Familie bei der Caritas.

Waldorf-Kitas sind in Bedrängnis

Drängende Probleme bereitet das Landesgesetz allerdings weiter privaten Trägern mit alternativer Pädagogik. In Absprache mit der Stadt durften sie früher einen Zusatzbeitrag nehmen, der über die normale Gebührenstaffel hinausging. Das geht jetzt nicht mehr. Das Land würde seine Finanzierungshilfe sonst drastisch kürzen. Im Waldorf-Kindergarten Rafael in Bothfeld zahlten die Eltern früher rund 100 Euro extra für eine andere Qualität der Betreuung. Dafür kümmern sich drei statt zwei Betreuer um eine Kindergruppe. Der Waldorf-Kindergarten am Maschsee finanziert so auch die Fortbildung der Erzieher, besonderes Spielmaterial und eine anders gestaltete Umgebung.

Dieses Jahr läuft bei allen Waldorf-Kindergärten ein Defizit auf. Die Lücke am Maschsee beträgt rund 70.000 Euro, schätzt Silke Gericke aus dem Vereinsvorstand. „Wir mussten die Eltern um freiwillige Spenden bitten. Wir können auf dieser Basis aber keinen soliden Haushalt aufstellen.“ Marco Wollschläger vom Vorstand der Bothfelder Waldorf-Kita sieht auf Dauer den Betrieb gefährdet. „Wir wollen vom Land erreichen, dass wir wieder Zusatzbeiträge nehmen dürfen.“

Montessori-Haus hofft auf Förderverein

Im Montessori-Bildungshaus zahlten die Eltern früher rund 45 Euro extra pro Monat, die nun fehlen. Großzügige Elternspenden haben im ersten Jahr der Gebührenfreiheit geholfen, außerdem zehrt der Träger von Rücklagen. Nun will Geschäftsführer Michael Brigant einen Förderverein gründen. Für höherwertiges Bioessen, mehr Personal und anderes Lernmaterial wegen der besonderen Pädagogik hat der Kindergarten mehr Aufwendungen als üblich. Statt 30 Euro Essensgeld wie früher nimmt Brigant nun gut 60 Euro. „Wir wissen noch nicht, ob das alles tragfähig ist und unsere Mindereinnahmen ausgleicht“, sagt der Geschäftsführer. Wenn alles nicht hilft, will der Träger sich an die Stadt wenden. Im Zweifel springt die Kommune ein. Die Stadt erstattet bereits rund 40 Eltern aus einem privaten Kindergarten ihre Kita-Beiträge und muss dies angesichts der Gesetzeslage wohl selbst tragen.

Von Bärbel Hilbig

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