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Hannover Eltern sind bei Masern in der Pflicht
Nachrichten Hannover Eltern sind bei Masern in der Pflicht
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20:00 25.02.2015
Im Zweifel ja: 95 Prozent der Eltern in Deutschland sind für den Schutz. Quelle: Bodo Marks
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Hannover

Eigentlich wollte Europa die USA Ende dieses Jahres eingeholt haben. Im Jahr 2000 hatte Washington die Masern für ausgerottet erklärt - 2015 sollte es auch auf dem europäischen Kontinent so weit sein. Dieses Ziel, warnte das Europa-Büro der Weltgesundheitsorganisation aber am Mittwoch, wird wohl nicht erreicht. Denn mehr als 22.000 Menschen in sieben Ländern haben sich seit Januar 2014 mit Masern angesteckt. Deutschland kommt bislang mit 609 Fällen noch relativ glimpflich weg - doch ein Ende der Ansteckungswelle ist nicht abzusehen. Mit knapp 7500 gab es die meisten registrierten Erkrankungen in Kirgistan. Aus Bosnien und Herzegowina wurden 5340 Fälle gemeldet, aus Russland und Georgien jeweils knapp 3300, in Italien steckten sich 1700 Menschen an. Und in den USA sind 644 Kranke bekannt - so viele, wie seit 2000 nicht mehr. Nun wird in allen Ländern, auch in solchen, die noch nicht betroffen sind, wieder heftig über Impfpflicht und Impfmüdigkeit diskutiert. Was ist der richtige Grad an Pflicht und Freiwilligkeit?

Prof. Baumann, was halten Sie von Masernpartys, zu denen Eltern ihre Kleinen schicken, damit sie sich dort anstecken und später gegen Masern immun sind?
Für mich hört da der Spaß auf. Als junger Kinderarzt habe ich den qualvollen Tod eines 17-Jährigen erleben müssen, der nicht gegen Masern geimpft war. Masern können gravierende Komplikationen nach sich ziehen, etwa die schwerwiegende Hirnerkrankung SSPE - Subakute sklerosierende Panenzephalitis. Eine solche Erkrankung ist in ihrer Grausamkeit kaum zu beschreiben. Sie führt über Jahre hinweg zum Zerfall des Gehirns und schließlich zum Tod. Und sie können den Betroffenen nicht helfen. Von solchen schweren Fällen abgesehen, können Masern noch weitere Implikationen haben, etwa Lungen- oder Mittelohrentzündungen. Dagegen haben Kinder, die gegen den gefährlichen Masernerreger dreifach geimpft wurden, lebenslangen Schutz.

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Impfgegner verweisen auf Risiken, etwa Autismus, als Folge der Impfung.
Jede Impfung hat auch Risiken. Doch in diesem Fall überwiegt der Schutz vor Masern und möglichen Folgeerkrankungen das Risiko bei weitem. Der Autismusvorwurf, der in diesem Zusammenhang erhoben wurde, ist dagegen wissenschaftlicher Betrug. Eine entsprechende Publikation stellte sich Jahre nach ihrer Veröffentlichung als Fälschung heraus. Aber natürlich fehlt Laien - und selbst vielen Medizinern - die Möglichkeit, solche Veröffentlichungen, die einmal durch das Internet geistern, fundiert zu überprüfen.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe will zumindest die Impfberatung vor der Aufnahme in die Kita zur Pflicht machen.
Das halte ich für einen richtigen Schritt. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass sich 95 Prozent der Eltern ihren Kindern gegenüber verantwortungsvoll verhalten und dem Impfen aufgeschlossen gegenüber stehen. Auf der anderen Seite befürchte ich, dass Impfgegner in den einschlägigen Foren Gegenargumente zusammenstellen werden, so dass die Beratung eher zu einem Schlagabtausch als zu einem Gespräch führen kann.

Dann wäre doch eine Impfpflicht wie in der DDR nur konsequent?
Nein, eine generelle Impfpflicht verträgt sich nicht mit unseren Vorstellungen von Freiheit. Die Impfpflicht, die es etwa gegen Pocken gab, war allgemein akzeptiert. Im Fall von Masern und anderen Krankheiten liegen die Dinge anders. Ich habe eine ganz andere Idee: Die Freiheit, die wir in Deutschland genießen, ist etwas ganz Wunderbares. Freiheit bedeutet jedoch auch Verantwortung. Ich plädiere dafür, dass Eltern, die ihre Kinder nicht gegen Masern impfen lassen, dann auch für die Folgeschäden Verantwortung übernehmen müssen.

Was heißt das konkret?
Nun, dass die Eltern für die Bezahlung der Kosten von Masernerkrankungen und möglichen Folgeschäden selbst aufkommen müssen und nicht, wie bisher, die Gemeinschaft der Versicherten. Außerdem müssten Eltern, die so fahrlässig handeln, ihrem Kind, aber auch Kindern, die angesteckt wurden, Schmerzensgeld zahlen.

Kein Arzt würde die Eltern wegen Fahrlässigkeit gegenüber dem eigenen Kind anzeigen.
Aber vielleicht ein Staatsanwalt, der gegen die Eltern im Fall einer nicht durchgeführten Impfung wegen unterlassener Hilfeleistung mit Todesfolge ermittelt. Wenn Sie beim Autofahren ihr Kind nicht anschnallen, verlieren sie auch den Versicherungsschutz.

Von Reinhard Zweigler

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