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Hannover Ex-Masala-Macher hilft Jazz Club – Gerd Kespohl lebt für die Musik
Nachrichten Hannover Ex-Masala-Macher hilft Jazz Club – Gerd Kespohl lebt für die Musik
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10:00 17.05.2019
„Mein Gott, nehmt doch nicht so einen alten Sack“: Gerd Kespohl stellt jetzt das Programm für den Jazz Club zusammen. Quelle: Irving Villegas
Hannover

 Wenn man mal richtig super Urlaub in New York gemacht hat, könnte man seinen Freunden vielleicht von einer echten Entdeckung erzählen, einem total authentischen Geheimtipp. Wie da in einem hippen Viertel abseits der Touristenströme eine steile Treppe in einen versteckten Keller herunterführte, der sich als winziger Musikschuppen entpuppte, mit verschachtelten, in so einem schrillen Orange gestrichenen Wänden und so winziger Bühne, dass das Publikum Pianisten in die Tasten greifen könnte. Und wer dort spielte! Louis Armstrong, Chet Baker, Nina Simone, John Scofield, Ella Fitzgerald, Legenden des Jazz.

„Mein Gott, nehmt doch nicht so einen alten Sack“

Nur dass dieser Keller schon Jahrzehnte in Hannover existiert und Jazz Club heißt, eine Reise nach New York ist nicht nötig. Was für ein Angebot also, für diese Bühne Künstler buchen zu dürfen. Als Gerd Kespohl vor ein paar Monaten der Hilferuf erreichte, ob er dieser Mann sein möchte, lag er nach eben überstandener Hüftoperation und in Erwartung quälender Krankengymnastik im Klinikbett. Sein erster Gedanke war: „Mein Gott, nehmt doch nicht so einen alten Sack.“

Hilferuf aus dem Jazz Club

Die Leute vom Lindener Club haben Kespohl, der grauen Zopf trägt, 66 Jahre alt und formal schon Rentner ist, dennoch genommen, oder gerade wegen seines gehobenen Lebensalters. Möglich war das, weil der Mann sich trotz aller Koketterie selbst für fähig genug hielt, dem Club aus der Patsche zu helfen und ein würdiges Programm zusammenzustellen. Er besitzt ein umfängliches Notizbuch und beste Kontakte zu Künstlern und Agenturen. „Eigentlich“, sagt Kespohl mit seiner dunklen und voluminösen Radiostimme beim Getränk im Lindener Biergarten, „wollte ich loslassen, jetzt mache ich zwei Jahre weiter, bis jüngere Leute kommen.“

Seither füllt er seine Tage vorm Computer, sichtet E-Mails, löscht die meisten, wägt ab, welche Musiker passend wären für den etablierten Club. Die Kunst ist wichtig, doch Ökonomie kaum weniger. Eintrittspreise müssen angemessen sein, damit zum festgesetzten Preis genügend Leute die Treppe runterkommen, um dem Kassenwart rote Zahlen zu ersparen. Das Buchungsgeschäft ist für Kespohl noch immer ein harter Job, auch wenn es gerade „wie geschmiert läuft, das Programm steht schon bis ins nächste Jahr“. Der Stress vergangener Jahre scheint sich gelegt zu haben, Kes­pohl wirkt recht gemütlich beim Gespräch. Seine Frau sagt, in Rente sei er schon viel ruhiger geworden.

Als Schallplattenverkäufer fing Kespohls Karriere an

Der 66-Jährige hat im Laufe der Jahrzehnte seine große Liebe, die Musik, zum Beruf gemacht. In Bielefeld, seiner Geburtsstadt, lernte Kespohl nach mittlerer Reife bei Karstadt erst Verkäufer, Abteilung Schallplatten, dann Radio- und Fernsehtechniker. Unterbrochen war diese Zeit vom Grundwehrdienst. Eine Verweigerung vorm Ausschuss traute sich der Kriegsgegner nicht zu, ebenso scheiterte der halbherzige Versuch, „beim Militärarzt einen auf schwul zu machen“. Weil er beim Bund nicht auf Ziele schießen wollte, verbrachte er einige Wochenenden häufiger als seine Stubenkameraden in Kasernen. Jahre zuvor täuschte er einen Stimmbruch vor, um nicht im Schulchor singen zu müssen. Eine gewisse Widerborstigkeit gegen das, was von ihm erwartet wird, machte sich da früh bemerkbar.

Bei Radio ffn moderierte Kespohl die Sendung „Powerstation“

Kespohl studierte später Philologie und Psychologie, bis ihn ein Kontakt nach Hannover brachte. Die ersten privaten Radios bekamen Lizenzen und in Isernhagen sendete ffn frech drauflos. Herrliche Zeiten für Kespohl. Als er in einer Hamburger Kneipe jobbte, stellte er Musikkassetten nach eigenem Geschmack zusammen, jetzt machte er praktisch das Gleiche für ein großes Publikum. „Wir hatten tollen Spielraum, um neue Musik zu entdecken und den Leuten vorzustellen“, das war sein Ding und dafür gab es reichlich Sendeminuten. Heute unvorstellbar. Dabei nervte der Bielefelder Germanist seine Zuhörer nicht minutenlang mit humorbefreiter Bescheidwisserei über Bands und Musiker, wie sie gerade Konjunktur hatte.

Musik ist die Kunstform, die Kes­pohl am meisten berührt. Seine erste Jazzplatte stammte vom Gitarristen John Abercrombie, „sie war mein Drogenersatz, wenn ich das hörte, ging’s mir immer gut“. Stücke, die oft zehn Minuten lang waren. Wie konnte er es da lange aushalten, als der Sender seinen Stil änderte? Der ehemalige Moderator der Sendung „Powerstation“ erinnert sich noch immer mit Grausen, wie die Playlist von 5000 auf 500 Stücke zusammengestrichen wurde. Das Zeitalter des Formatradios begann, und Kespohl durfte noch Ansagen zu den Themenkomplexen Wetter und Verkehr machen. Bis er sich entschied, zu gehen. Was ein Glücksfall war.

Radiomoderator wird Masala-Macher

Beim Kulturzentrum Pavillon baute Kespohl das Festival Masala auf. Musiker von allen Kontinenten kommen nach Hannover, spielen nie gehörte, oft gewöhnungsbedürftige Sachen. Kespohl liebt es, dort am Rand zu stehen und zu gucken. „Wenn die Leute Namen von Ensembles aus Sibirien oder so nicht richtig aussprechen können, nach dem Konzert aber glücklich nach Hause gehen und mir sagen, wo hast du die denn her, das war ja großartig, dann bin ich richtig glücklich.“ Und Völkerverständigung ist immer noch ein Gedanke, der Kespohl beschäftigt. Andere Lebensformen kennenlernen und spüren, dass man auch anders leben könnte als hierzulande, wo es ihm meist zu steif zugeht untereinander.

Zusammen mit Christoph Sure (l.) – hier ein Bild aus dem Jahr 2005 – baute Gerd Kes­pohl das Masala-Festival im Pavillon auf. Quelle: Ralf Decker

Jazz Club braucht eine Verjüngung

Beim Jazz Club ist die Hingabe nun etwas gedämpfter, so gerne er hilft. Er überlegt, was eigentlich anders ist, dann kommt er drauf. „Es ist nicht so leidenschaftlich.“ Gemeint ist nicht das Publikum, er meint sich selbst. Radio war seine wahre Leidenschaft, dann kam Masala, die zweite große Liebe. Aber ein alter Sack hat auch schon vieles erlebt. Der Lindener Keller braucht eine Zukunft und ein neues Publikum. Gerd Kespohl ist das klar geworden, als er einmal Mitarbeiter des Pavillons, szenekundige junge Leute also, in den Jazz Club einlud. Die meisten kannten ihn nicht. Er glaubt, dass man das ändern muss. „Junge Menschen hierherzuholen ist eine echte Aufgabe, aber das kann nicht mehr meine Aufgabe sein.“ Kespohl ist weiterhin mit Krankengymnastik beschäftigt

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Von Gunnar Menkens

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