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Hannover Bombenräumungen: Mehr Komfort in Sammelstellen
Nachrichten Hannover Bombenräumungen: Mehr Komfort in Sammelstellen
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00:18 02.12.2017
Erst in den frühen Morgenstunden war die Bombe in Badenstedt Mitte Juni entschärft worden.  Quelle: Christan Elsner
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Hannover

Hannovers Feuerwehr zieht Konsequenzen aus den Verzögerungen, die bei der Bombenräumung in Badenstedt Mitte Juni entstanden sind. „Wir werden jetzt prüfen, welche Turnhallen im Stadtgebiet als Sammelstellen bei Evakuierungen geeignet sind“, kündigt Feuerwehrchef Claus Lange bei einer Expertenanhörung am Mittwoch im Rathaus an. Dezentral sollen Materiallager angelegt werden, um die Hallen bei Bedarf zügig mit Sitzgelegenheiten und Tischen ausstatten zu können. „Wir wollen weg von den Bierzeltgarnituren und eine bessere Qualität“, sagt Lange.

Die Expertenrunde im Rathaus, einberufen auf Antrag der CDU, sollte die Probleme bei der Evakuierung in Badenstedt aufarbeiten. Damals ist eine fünf Zentner schwere Bombe bei Bauarbeiten auf der Badenstedter Straße entdeckt worden. Sie musste sofort entschärft werden. Rund 15.000 Anwohner wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Manche von ihnen weigerten sich zunächst und reagierten zum Teil aggressiv. Die Polizei musste einen Anwohner zwangsweise aus der Wohnung holen, ein Feuerwehrmann wurde von einem Anwohner mit dem Messer bedroht.

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„In den späten Abendstunden bekamen wir Anrufe, dass in der Nachbarschaft noch Licht brenne. Das hat sich dann als Falschmeldung herausgestellt“, berichtet der Feuerwehrchef. Die Bombenentschärfung sei verzögert worden, weil den Hinweisen nachgegangen werden musste.

Immer wieder müssen in Hannover Fliegerbomben entschärft werden. Ein Überblick über die Bombenräumungen der vergangenen Jahre:

Lange erwägt jetzt, wie solche Störer in Regress genommen werden können. Die Stadt Hannover könne die Evakuierungskosten zumindest anteilig von renitenten Bürgern zurückverlangen, meint er. Die Gesamtkosten können bei großen Evakuierungen einen mittleren sechsstelligen Bereich ausmachen.

Aber auch Missverständnisse zwischen Hilfsorganisationen haben die Bombenräumung in Badenstedt verzögert. Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Arbeiter Samariter Bund (ASB), Johanniter und DLRG haben sich die Aufgaben geteilt. Für das Betreuen der Evakuierten und das Herrichten der Sammelstelle in der IGS Linden ist das DRK zuständig gewesen. „Es gab Missverständnisse zwischen ASB und DRK“, räumt Dirk Schumacher vom ASB in der Expertenanhörung ein. Letztlich sei nicht genug Material in der Schule gewesen, sodass der ASB nachlegen musste. Feuerwehrchef Lange merkt an, dass anfangs auch nicht genügend ehrenamtliche Betreuer vor Ort waren.

Ein weiteres Hemmnis war die beengte Zufahrt zur IGS Linden. Transportfahrzeuge behinderten sich gegenseitig bei der An- und Abfahrt. Feuerwehrchef Lange verspricht, dass man künftig „geeignete verkehrsbehördliche Maßnahmen“ ergreifen werde. Dennoch will er an der Schule als Sammelstelle festhalten.  „Wir werden ein Kataster aller geeigneten Turnhallen erstellen“, sagt Lange.

Die Polizei gibt zu Bedenken, dass es immer zu Problemen kommen könne, wenn Blindgänger spontan entschärft werden müssen. „Das gilt auch unabhängig von den Ressourcen, die den Einsatzkräften zur Verfügung stehen“, sagt Guido von Cyrson von der Polizeidirektion Hannover.

Neun Räumungen in diesem Jahr

In Hannover und dem Umland hat es in diesem Jahr bereits neun Bombenräumungen gegeben, vier allein im Stadtgebiet. Die größte in der Geschichte Hannovers fand am 7. Mai statt. Gleich drei Blindgänger mussten im Stadtteil Vahrenwald entschärft werden. Rund 50 000 Menschen in Vahrenwald, List und in der Nordstadt mussten ihre Wohnungen verlassen. 

Hannovers Stadtverwaltung will künftig systematisch nach möglichen Blindgängern im Boden suchen. Zufallsfunde auf Baustellen sollen auf diese Weise vermieden werden. Um Anhaltspunkte zu bekommen,  werten  Experten historische Luftbilder der Alliierten aus. Einen Etat von knapp sieben Millionen Euro will die Stadt für die Bombensuche zur Verfügung stellen. Nach Einschätzung der Feuerwehr dürfte es Jahrzehnte dauern, bis Hannover frei von Blindgängern ist.

Von Andreas Schinkel