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Hannover Hannovers Markthalle dümpelt zwischen Anspruch und Ballermann
Nachrichten Hannover Hannovers Markthalle dümpelt zwischen Anspruch und Ballermann
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15:20 27.07.2019
Wo ist das Einzigartige? Die Markthalle in Hannover. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Während an unserem Stehtisch im Halbdunkel eine Karawane Toilettengänger vorüberzieht, serviert uns Eugenio Kobryniec bei der Bodega Argentina ein Quartett an Empanadas mit pikanten Füllungen und drei Kräuter- und Chilidips. Alles exzellent, alles hausgemacht, oder besser: standgemacht. Markthalle eben. Währenddessen klatscht am anderen Ende des Baus jemand Fisch auf eine Grillplatte, als wäre die Winkelpalette ein Spaten. Das Ergebnis ist alles, nur kein Genuss. Die Fleischerei Klemme bietet trockengereiftes Côte de Bœuf in betörender Qualität an, bei Herde Käsespezialitäten locken Verwegenheiten wie Ziegenrohmilchbutter. An anderen Stellen gibt es Ochsenmaulsalat und Miesmuscheln, die ins Kühlfach eines Discounters gehören. In diesem Spannungsfeld liegt sie: die Markthalle.

Sticht mit den vielleicht besten Empanadas in Hannover hervor: Eugenio Kobryniec serviert sie in seiner Bodega Argentina. Quelle: Michael Thomas

Großes Mittelfeld mit Durchschnittsqualität

Das große Mittelfeld nimmt die Durchschnittsqualität ein, die größtenteils so auch im Hauptbahnhof zu bekommen wäre. Passables Kantinencurry mit Tiefkühlgemüse für 5 Euro. Pizza. Schnitzel mit Soße. Leberkäse im Brötchen. Ohnehin scheinen belegte Semmeln der Renner zu sein, es gibt sie überall: Brötchen mit rohem und gekochtem Schinken, Mett, Wurst, Lachs, Avocado, Tomate-Mozzarella, Schnitt- und Weichkäse, Thunfisch und Frikadellen. Dazu gerne Prosecco. Es ist also eher eine Imbiss- als eine Markthalle, und sie ist trotz Kritik an der Bausubstanz beliebt. Wegen der zentralen Lage ist sie ideal für die Mittagspause, sie ist Treffpunkt, lädt zum Bummeln ein – und es ist doch großartig, wenn ein Ort so einen Stellenwert besitzt.

In den Neunziger büffelten Berufsschüler in der Markthalle

Die Gewichte waren hier allerdings einmal anders verteilt. Dazu muss niemand ins Jahr 1892 reisen, das Eröffnungsjahr der Markthalle. Die Neunziger des vergangenen Jahrhunderts genügen. Da pilgerten noch Ausbilder und Berufsschullehrer aus der Lebensmittelbranche mit ihren Zöglingen her, um Warenkunde zu büffeln. Da gab es Pferdeschlachter, schlesische Wurstwaren, Fischfachhändler, die unterschiedlichste Arten Austern und Meerwasserfisch anboten. Es gab Obst- und Gemüsehändler, deren Waren über die Angebotspalette und Qualität eines Supermarkts hinausreichten, denn auch wenn heute noch an den Gemüseständen vereinzelt schöne Produkte (Spitzmorcheln, Radicchio di Verona, runde Auberginen) zu entdecken sind, gibt es nicht unbedingt einen Grund, hier einzukaufen.

Die Markthalle mit ihren typischen Panoramafenstern. Quelle: Michael Thomas

Wo sind die Waren, die es sonst nirgends gibt?

Eigentlich Irrsinn. Müsste heutzutage eine Markthalle nicht ein Ort sein, an dem vor allem die Waren gehandelt werden, die es sonst nirgends gibt? Müsste man nicht aus einer Markthalle stolz wie aus einer Boutique treten, weil man glücklich ist, über das besondere Lebensmittel, das man erworben hat? Gut, „exklusiv“ und „Boutique“ sind vielleicht irreführende Begriffe, wenn sie mit dem Preis assoziiert werden. So ist es nicht gemeint. Es geht um die Wertigkeit. Ein einfacher Kopfsalat kann glücklich machen, wenn es nicht dieses Supermarktgrünzeug ist, das in Nährstofflösung gewachsen ist und in Vinaigrette sofort zu einem dunklen Zellgewebe schrumpelt, sondern ein echter Kopfsalat, mit Blättern, die zerreißen wie Papier, und einem Salatherz, das bei jedem Bissen kracht und knackt. Ein echtes Schmuckstück eben. Und wo sollte es denn sonst gehandelt werden als hier? Wir sind schließlich in einer historischen Markthalle in der Mitte der Landeshauptstadt Niedersachsens – und es gibt vorwiegend Mettbrötchen und Prosecco.

Amsterdam und Florenz machen es vor

In anderen Städten geht es doch auch. In den De Hallen in Amsterdam gibt es bestes Streetfood zu moderaten Preisen, es gibt Rippchen, Bitterballen, Falafel, Eintöpfe, Steaks. Kein Stand käme auf die Idee, dasselbe anzubieten wie der Nachbar. Der Essensmarkt ist ebenso Touristenmagnet, wird aber auch von Einheimischen bevölkert. Karnivoren, Vegetarier, Veganer – alle finden mehr als das, was sie glücklich macht. Im Mercato Centrale in Florenz sind Lebensmittel- und Essensmarkt unter einem Dach vereint, unten gibt es größtenteils Waren, oben Snacks aus der Region, obwohl sich der eine oder andere nach einem Spaziergang durch die Stände draußen in der Sonne wiederfindet, auf dem Bürgersteig, in der einen Hand ein eisgekühltes Glas Weißwein, in der anderen ein Kuttelbrötchen. Oder in den Torvehallerne in Kopenhagen, wo Spanferkel, Burger, Grillfische, Torten und Gebäck die Herzen höher schlagen lassen. Das Lissabonner Konzept der Time Out Markets expandiert sogar, soll Wurzeln an mehreren weiteren Standorten weltweit schlagen.

Frische Produkte im Korb: Skulptur vor der Markthalle. Quelle: Michael Thomas

Produkte aus der Region Hannover fehlen

In Berlin macht die Markthalle Neun von sich reden. Sie ist nicht unumstritten, zieht sie doch vor allem Hipster und Gutbetuchte an, aber darum geht es an dieser Stelle nicht, denn die Markthalle ist zu einem Umschlagplatz für Regionalwaren geworden, ein Ort, an dem kleinere „Start-ups“ exzellente Gerichte bieten, die weit über halbherzige Schnittchenmanufakturen und Meterware hinausreichen. Und mal ehrlich: Sollte eine Markthalle kein Sammelpunkt sein, an dem die besten Essenshandwerker der Region – Bäcker, Metzger, Patissiers – ihre Schaustücke ausstellen, wo man staunend durch die Reihen läuft? Wo sind hier in Hannover die Saiblinge aus der Wedemark zu bekommen, wo das Rindfleisch aus Burgwedel? Wo gibt es den Zuckerrübensirup aus Wunstorf, das Geflügel aus Lühnde, den Ziegenkäse aus Lichtenhorst, die Kräuter und Salate aus Sehnde? In einer Markthalle müssen doch die Lokalwaren auf eine Bühne gehoben und mit Strahlern beleuchtet werden!

Wo sind die hannoverschen Brauerzeugnisse?

Apropos: Aus welchem Hahn fließt hannoversches Handwerksbier? Klar, ohne Herrenhäuser und Gilde geht es nicht. Und zugegeben, die Craftbeer-Szene hat in den vergangenen Jahren Blüten getrieben. Bei manchem Gebräu schluckt man es nur mit gequältem Lächeln hinunter, weil man dabei in die enthusiastischen Augen des Brauers blickt, aber es gibt eben auch das Gegenteil, nämlich hier bei uns in Hannover. Müsste die Markthalle nicht ein Ort sein, an dem man sich gerade entscheidet, ob man den Sonnabend mit einem lokalen Mashsee-Pilsner, einem italienischen Valdobbiadene oder einem steirischen Birnen-Cidre einläutet, während Tony Hohlfeld oder Benjamin Gallein durch die Reihen brausen, weil sie noch etwas für ihre Sterneküche benötigen?

So machen es Berlin und Rotterdam

Während Hannovers Markthalle immer wieder in der Kritik ist wegen ihres Nachkriegscharmes, der Einrichtung und ihres Angebots, machen andere Städte vor, wie es auch gehen kann. Die Markthalle Neun am Breslauer Platz in Berlin-Kreuzberg gilt inzwischen als eines der bundesweiten Vorzeigeprojekte. In der Halle mit historischem Industriecharme haben drei private Betreiber 2011 ein Konzept mit regelmäßigen Markttagen eingeführt, an denen es ausschließlich saisonale und regionale Produkte gibt. Regelmäßige Veranstaltungen wie Naschmärkte oder der Käsekuchenwettbewerb unterstreichen den Eventcharakter. Viele Stände für Kurzzeitmieter sind einheitlich dekoriert, andere etwa für Gastronomie aufwendig gestaltet. Die Besucherklientel speist sich vielfach aus dem Szeneviertel, eine häufig geäußerte Kritik sind die teils hohen Preise. Aber das Projekt ist zum Vorzeige- und Touristenspot geworden.

Ganz anders der Weg in Rotterdam. 2014 eröffnete Königin Maxima in der Kernstadt eine Markthalle, die allein schon architektonisch Aufsehen erregt. Sie erinnert an einen riesigen Flugzeughangar, wobei sich in den Seitenwänden und in den Geschossen über der Markthalle Wohnungen befinden. In der Halle selbst wird auf zwei Etagen Kulinarisches verkauft und verköstigt. Für Touristen in Rotterdam ist der Besuch quasi Pflicht. Auch dort sind die Preise allerdings happig. med

Zukunftsfähiges Konzept für die Markthalle ist gefragt

Dieser Ort braucht eine Idee, ein Konzept, das in die Zukunft führt. Besonders deutlich wird das auf der Galerie. Die eine Hälfte wird von einem Kiosk, einem Friseur und zwei Lokalen eingenommen, von denen man einen Ausblick auf Aggregate und staubige Standdächer genießt, die andere Seite von einem Bahlsen-Outlet. Komplett. Keine Frage, braucht es auch, wer will nicht eine Packung Kekse kaufen und dabei einen Euro sparen? Ist doch schön. Aber warum reihen sich hier kein Dutzend Lebensmittelstände aneinander, eine Flanier- und Schlendermeile, während unten geschlemmt wird?

Warum keine Farm mit Gewächshaus auf dem Dach?

Warum nicht noch weiter denken und die Fragen der Eigentumsverhältnisse und des Baurechts mal völlig ausklammern: Auf dem Dach der Markthalle könnte eine Dachfarm sein, mit Gewächshaus und Bienenvölkern, die Kindergärten und Schulklassen als Ausflugsziel dienen – das „Wohnzimmer Hannovers“ könnte ja auch Anlaufstelle für alle sein. Ein ökologischer Lernort mit Direktvermarktung, wo die Waren nach Bedarf geerntet werden, saisonal und regional, direkt zubereitet an einem Imbissstand – das wäre ein Impuls, der über die Stadt hinauswirken würde.

Die Markthalle ist ein Treffpunkt zum Lachen und Tratschen

Bei alldem geht es nicht darum, die Atmosphäre der Markthalle kaputt zu machen. Auch wir sind nach drei Stunden Rundgang an den großen Panoramascheiben zur Karmarschstraße angelangt, sitzen zwischen Kindern, Senioren, Studenten. Es wird gelacht und getratscht. Dieser Moment: großartig. Und diese Stimmung lässt sich doch bewahren, sie sollte Ausgangspunkt sein, um ein Konzept für die Zukunft aufzusetzen. Denn derzeit ist es eben auch so, dass sich eine Traube Männer in Ballermann-Manier um einen Sektkübel mit einer Flasche Wodka gruppiert, die im gleißenden Licht des Mittags geleert wird, während hinten, im Halbdunkel, die vielleicht besten Empanadas der Stadt serviert werden.

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