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Hannover 19-Jähriger schlägt Passanten am Kröpcke zusammen
Nachrichten Hannover 19-Jähriger schlägt Passanten am Kröpcke zusammen
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00:15 28.04.2019
Mossud R. konnte sich kaum an die Tat nahe dem Kröpcke erinnern. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

Ein junger Flüchtling aus Afghanistan ist am Mittwoch vom Amtsgericht Hannover wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Arreststrafe von vier Wochen verurteilt worden. Jugendrichter Jens Buck sprach Mossud R. schuldig, am 11. November 2018 nahe dem Kröpcke einen 25-jährigen Anlagenmechaniker geschlagen und getreten zu haben, gemeinsam mit einem oder zwei – unbekannten – Mittätern. Der Angeklagte wies an jenem frühen Sonntagmorgen gegen zwei Uhr einen Blutalkoholspiegel von knapp über drei Promille auf, soll aber noch relativ klar gewesen sein. Am Vorabend hatte R. mit Freunden seinen 19. Geburtstag gefeiert.

Das Opfer war damals durch die Niki-de-Saint-Phalle-Promenade gegangen. Kurz vor dem Kröpcke wurde der Mann auf eine Gruppe von jungen Leuten aufmerksam, die eine Etage über ihm „herumbölkten“. Dann wurde eine Flasche auf den 25-Jährigen geworfen, die ihn nur knapp verfehlte. Er lief eine Treppe hinauf, stellte die Unruhestifter zur Rede. Doch diese gingen ihn unmittelbar an, schlugen ihn zu Boden, traten auf ihn ein. Das Glück des Mechanikers war, dass zwei Protec-Mitarbeiter in unmittelbarer Nähe standen und eine Pausenzigarette rauchten. Sie eilten herbei und konnten einen der flüchtenden Täter in der Bahnhofstraße stellen: Mossud R.

Opfer leidet langfristig

Das Opfer erlitt bei der Attacke eine Risswunde nahe einem Auge und Prellungen im Gesicht sowie an Armen und Beinen. Auf die Folgen der Tat angesprochen, erklärte der 25-Jährige: „Ich gehe abends nicht mehr alleine durch die Innenstadt.“

Mossud R. behauptete, sich an die Vorgänge in jener Nacht nicht erinnern zu können, da er allzu betrunken gewesen sei. „An Details, die Sie entlasten, haben Sie sich bei Ihrer polizeilichen Vernehmung aber erinnert“, warf ihm der Richter vor. Es sei für Opfer wie Täter ein Glück gewesen, dass die Protec-Sicherheitsleute Schlimmeres verhindert hätten.

Der Flüchtling, das wurde durch die Aussagen eines Jugendgerichts-Mitarbeiters und einer Jugendhilfe-Betreuerin deutlich, steht kurz davor, als Musterbeispiel gescheiterter Integrationsbemühungen zu enden. R. war – allein – über die Türkei nach Deutschland geflohen, kam als 16-Jähriger in verschiedenen Städten unter, bevor er Ende 2016 in Hannover landete. Kontakte zu Verwandten hat er seit seiner Flucht nicht mehr.

Täter hat Depressionen

In einer Wohngruppe des Stephansstifts kam der im Herbst 2017 offiziell als Flüchtling anerkannte Jugendliche nicht klar, wechselte in eine mobile Betreuung und bekam eine Wohnung in Herrenhausen zugewiesen. Der Analphabet, der in Afghanistan nur die Koranschule besucht hatte, belegte anschließend – mit mäßigem Erfolg – einen Deutschkurs. „Mossud hat massive Konzentrationsschwierigkeiten, ihm fehlt aufgrund des Verlusts seiner Familie jegliche Lebensfreude und er leidet unter Depressionen“, begründete die Betreuerin des Stephansstifts R.s erheblichen Konsum von Psychopharmaka. In Verbindung mit Alkohol ergebe dies einen „Teufelsmix“.

Bis zu seinem 19. Geburtstag ließ sich R. strafrechtlich kaum etwas zuschulden kommen, doch seither ist er mehrfach aufgefallen. So wurden zwei Verfahren zwar eingestellt, doch ist derzeit noch ein weiterer Prozess wegen Körperverletzung anhängig. Aufgrund des erheblichen Drucks seines Umfelds hat der 19-Jährige nun immerhin zugestimmt, sich in stationäre psychotherapeutische Behandlung zu begeben.

Jens Buck, der beim Strafmaß der Staatsanwaltschaft folgte und den laut Jugendrecht längstmöglichen Dauerarrest verhängte, warnte den Angeklagten: „Wenn Sie weiter Straftaten begehen, haben Sie in diesem Land keine Zukunft.“ R. sei grundlos und „wie ein Tsunami“ über das Opfer hergefallen. „Wir wollen aber in einer Stadt leben, in der wir spazieren gehen können, ohne von Besoffenen zusammengeschlagen zu werden“, erklärte der Richter. Es sei allerhöchste Zeit, dass sich der Heranwachsende bei seinen psychischen Problemen helfen lasse und sich bemühe, die deutsche Sprache besser zu lernen – nur dann habe er eine Chance, nach der Ende 2020 anstehenden Überprüfung seines Flüchtlingsstatus’ weiter in Hannover bleiben zu können.

Von Michael Zgoll

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