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Hannover Warum gibt es in Freibädern eigentlich so oft Stress und Streit?
Nachrichten Hannover Warum gibt es in Freibädern eigentlich so oft Stress und Streit?
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16:48 29.07.2019
Im Lister Bad sorgen auch private Sicherheitsdienste für Ordnung. Quelle: Irving Villegas
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Hannover

Muskelbepackt, bis zum Hals tätowiert und mit militärisch kurzem Raspelschnitt stehen drei junge Männer auf der Liegewiese des Lister Bads. „Uns will man nicht zum Feind haben“, scheinen ihre Blicke zu sagen, mit denen sie das Gelände und die anderen Besucher scannen. Der ärgste Feind der Männer scheint gerade aber die erbarmungslose Nachmittagssonne zu sein. Doch darauf sind sie vorbereitet – und cremen sich gegenseitig vorsichtig die tätowierten Rücken mit Sonnenmilch ein. So ein Besuch im Freibad soll ja schließlich kein ärgerliches Nachspiel haben.

Über 1000 Gäste sind an diesem Nachmittag im Bad. Einige sind hier, um Sport zu machen. Andere machen Sport, um herzukommen. Viele sind mit dem Smartphone beschäftigt, dösen in der Sonne, andere planschen im Wasser. Wasser schwappt über den Beckenrand, aus dem Nichtschwimmerbereich schallt ein Wirrwarr aus Kindergeschrei. Es ist ein friedliches Durcheinander, das nach Chlor, Sonnencreme und trockenem Rasen riecht. Nachmittags ist Stoßzeit im Freibad. Sieben Schwimmmeister müssen das Gewusel an den drei Becken im Blick behalten.

Gäste sind zunehmend respektloser und aggressiver

An besonders heißen Tagen strömen bis zu 10.000 Gäste ins Lister Bad, dieses Jahr waren es bislang insgesamt schon mehr als 85.000. Es kommt vor, dass ein Einlassstopp verhängt wird, damit es kein Chaos gibt. Heute bleibt alles ruhig. Doch das ist nicht immer so.

Ein Angestellter im Lister Bad hat über Funk Kontakt zu seinen Kollegen. Quelle: Irving Villegas

Zwar gab es keine so krassen Übergriffe wie zuletzt im Düsseldorfer Rheinbad, wo große Gruppen Jugendlicher andere Besucher wiederholt terrorisiert und belästigt haben, doch berichten Mitarbeiter der Badeanstalten in der Region Hannover, dass Gäste zunehmend respektloser und aggressiver auftreten würden.

In Laatzen hatte ein 50-Jähriger in der Umkleide geraucht und einen Mitarbeiter des Aqualaatziums bespuckt. Er musste von der Polizei überwältigt werden. Im Lister Bad waren vor gut einer Woche zwei Frauen aneinandergeraten. Es kam zum Streit, in den sich schließlich auch die Begleiter einmischten. Die Polizei musste auch in diesem Fall anrücken und die Beteiligten trennen. In Burgdorf kam es zu einer Schlägerei, weil jemand offenbar zu lange geduscht hatte. Und in Uetze gab es eine Schlägerei mit mehreren Verletzten. Die Polizei rückte mit sechs Streifenwagen an.

Gewalt ist nicht an der Tagesordnung

Doch Streit, Gewalt, und Übergriffe gehören nicht zum Alltag, betont Schichtleiter Daniel Örtel aus dem Lister Bad. „Das ist ein entspannter Job.“ Der Job von Örtel und seinen Kollegen besteht darin, die Gesetze des Freibads durchzusetzen: vom Beckenrand springen – verboten, rennen – verboten, andere untertauchen – verboten. Die Verbote dienen dem Schutz der anderen Badegäste – und dem eigenen. Gerade ist ein Krankenwagen vorgefahren. Ein Junge war am Beckenrand gelaufen, ausgerutscht und auf die Schulter gefallen. Mit bandagiertem Arm kommt er nun aus dem Sanitätsraum.

Wer sich nicht an die Baderegeln hält, fliegt aus dem Bad. Quelle: Irving Villegas

Von der Discotür an den Beckenrand

Der Umgang von Badegästen mit dem Personal werde immer rauer, meint Dieter Rockstein, Betriebsleiter im Lister Bad. Der Respekt nehme ab, die Zahl der Verstöße zu. Immer wieder würden Besucher ausfällig. Dabei ist die Zahl der Hausverbote in den städtischen Freibädern übersichtlich: Bislang sind es insgesamt fünf. „Hin und wieder wird ein Verweis für einen Tag ausgesprochen, weil Personen sich nicht an die Baderegeln halten und Hinweise sowie Anordnungen des Personals nicht akzeptiert und respektiert werden“, sagt Stadtsprecher Udo Möller. Um die Regeln durchzusetzen werden unter anderem im Lister Freibad private Sicherheitskräfte eingesetzt. Personal, das sonst bei Fußballspielen, vor Discotüren und auf Schützenfesten für Ordnung sorgt, regelt hier den Einlass und achtet darauf, dass niemand vom Beckenrand springt. Die Gewalt, das ist Badbetriebsleiter Rockstein wichtig, habe seinen Beobachtungen zufolge aber nicht zugenommen.

19 Anzeigen wegen Körperverletzungen in Hannovers Bädern

2018 wurden in den Schwimmbädern in Hannover und dem Umland 19 Anzeigen wegen Körperverletzungen aufgenommen, im Jahr zuvor waren es lediglich vier. 2016 wurden noch 26 Fälle angezeigt. In Niedersachsen insgesamt gab es 2018 84 Anzeigen wegen Körperverletzung in Schwimmbädern, nachdem die Zahl zuvor stark zurückgegangen war: von 80 Fällen 2016 auf 44 im Jahr 2017.

Stark zugenommen haben Zahlen des Landeskriminalamts zufolge die sexuellen Übergriffe: Waren vor drei Jahren niedersachsenweit sechs Fälle gemeldet worden, stieg die Zahl von 25 (2017) auf zuletzt 38 Fälle (2018). In Hannover und dem Umland gab es in den vergangenen zwei Jahren jeweils sechs Anzeigen, 2016 wurde kein Übergriff aktenkundig.

„Der Umgang wird rauer“: Dieter Rockstein ist Betriebsleiter im Lister Bad. Quelle: Irving Villegas

Regeln mit Fingerspitzengefühl durchsetzen

Dass Konflikte im Freibad schnell eskalieren, führt Donato Schlotter, Betriebsleiter im Ricklinger Bad, auch auf gestiegenes Anspruchsdenken zurück. In der Vorstellung vieler Gäste sei das Freibad auch bei 35 Grad so gut wie leer. In der Realität muss man sich Becken und Liegewiese mit Hunderten anderen Menschen teilen. „Die Wahrnehmung und das Anspruchsdenken haben sich verändert“, sagt Schlotter.

Heute gibt es dort aber keine Probleme: Im Ricklinger Bad tobt ein Mädchen im Burkini mit ihren Freundinnen über die Wiese, gleich daneben sitzen fünf Seniorinnen im Schatten, spielen Karten und trinken Eierlikör. Wer ins Freibad geht, trifft auf engem Raum Menschen aus allen möglichen Schichten, Herkunftsländern und Altersgruppen – nur eben in Badekleidung. Die ungewohnte Nähe mache etwas mit einigen Besuchern, glaubt Schlotter. „Die Menschen sind hier hypersensibel. Dabei erfordert das Zusammensein auf engem Raum Kompromissbereitschaft“, sagt er.

Die Lösung, um die gängigen Konflikte, die es im Freibad gibt, schnell zu entschärfen, sieht er im richtigen Umgang mit den Gästen. „Wir müssen die Regeln konsequent aber mit Fingerspitzengefühl durchsetzen.“ Regelmäßig werden die Angestellten für das Verhalten in Problemsituationen geschult. Außerdem helfe es, wenn die Mitarbeiter die Sprachen der verschiedenen Besuchergruppen sprechen, neben Deutsch etwa auch Türkisch, Farsi, Polnisch oder Spanisch.

„Das Anspruchsdenken hat sich verändert“: Donato Schlotter ist Betriebsleiter im Ricklinger Bad. Quelle: Irving Villegas

Die Anforderungen an Badangestellte seien gestiegen, so Schlotter. Darunter leide die Attraktivität des Berufs. Laut Stadt sind derzeit zwar alle Stellen besetzt, doch es gibt weniger Nachwuchs. Auf einem Hochsitz am Beckenrand ab und zu in die Trillerpfeife pusten – so einfach ist der Job des Badpersonals schon lange nicht mehr.

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