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00:21 22.01.2015
Im Förderunterricht von Veronika Mörke (li) geht es um mehr als um Verständigung, es geht ums Ankommen. Lisa stört beim Sprechen nur noch ihr russischer Akzent. Quelle: Jan Philipp Eberstein
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Hannover

„Ich bin endlich richtig in der Klasse.“ Nach einem Jahr Unterricht in der Sprachlernklasse geht Lisa jetzt in eine reguläre sechste Klasse des Georg-Büchner-Gymnasiums in Seelze-Letter. Statt in kleiner Runde zusammen mit Flüchtlingskindern aus Afghanistan und Syrien zu lernen, sitzt die Zwölfjährige jetzt mit 28 Altersgenossen in einem Raum und nimmt am normalen Unterricht teil. Eine Herausforderung, wenn es um Fachbegriffe aus der Chemie oder Physik geht oder es in einer Arbeit heißt, sie solle zu einer bestimmten Frage „Stellung nehmen“, eine Formulierung, die auch deutsche Mitschüler nicht immer richtig verstehen. Wie nimmt man denn Stellung?

Einmal in der Woche trifft sich Lisa, die vor zwei Jahren aus dem russischen St. Petersburg hierher kam, mit anderen ehemaligen Schülern aus der Sprachlernklasse zum Förderunterricht bei Deutschlehrerin Veronika Mörke. Die Pädagogin hat vor zwei Jahren die erste Sprachlernklasse an einem niedersächsischen Gymnasium überhaupt geleitet.

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Zuvor hatte es das Angebot nur an Haupt-, Real- und Gesamtschulen gegeben. Seit diesem Schuljahr gibt es in der Stadt Hannover auch erstmals Sprachlernklassen an Grundschulen. „Wir vermitteln vertiefte Kenntnisse in der Bildungssprache Deutsch, in der Sprachlernklasse geht es zunächst um Grundkenntnisse.“ Aber mit Sätzen wie „Guten Tag, ich heiße Veronika und möchte gern ein Eis“ komme man im gymnasialen Schulalltag nicht weiter.

Was kommt nach der Sprachlernklasse?

Fragen bleiben - auch nach der Zeit in der Sprachlernklasse. Oft muss Mörke die Jugendlichen seelisch wieder aufrichten und ihnen klarmachen, dass eine Fünf in Chemie in der achten Klasse nicht bedeutet, dass man sofort die Schule verlassen muss, weil man das Abitur nicht schaffen wird.

Wer aus Kriegsgebieten nach Deutschland kommt, ist oft traumatisiert. Das gilt für die Kinder wie für die Eltern. „Es sind schon erschütternde Geschichten, die die Schüler erzählen“, sagt Direktor Gerold Müller. Wenn sie erzählen, ist schon viel gewonnen. Denn viele sind erst mal sprachlos, und das nicht nur, weil sie kein Deutsch können.

Das lateinische Alphabet zu lernen ist für die Kinder, die vorher nur arabische Schriftzeichen kannten, die kleinste Herausforderung. Das deutsche Schulsystem und seine offene Form des Unterrichts sind gewöhnungsbedürftig. „Mündliche Noten sind in Russland etwas anderes“, sagt Lisa. „Da geht es nicht ums Melden, sondern man muss etwas vortragen, und das wird dann bewertet.“ Fächer können ähnlich heißen, aber anders sein. „In Sport konnten wir im Klassenzimmer machen, was wir wollten“, berichtet Samnar aus dem Irak.

Werfen, Laufen oder Turnen waren aber nicht vorgesehen. „Das war bei uns auch so“, sagt Saida und kichert. In ihren Regelklassen fühlen sich die Schülerinnen gut aufgehoben: „Alle helfen uns“, sagt Emna. Aber eines sei klar: „Wir lernen mit den anderen, aber wir müssen immer mehr lernen, und das wird sich bis zum Abitur nicht ändern.“ Auch wenn alle Lehrer Lisas rasante Sprachfortschritte loben, das Mädchen ist mit einem unzufrieden: „Mein Akzent.“

240 Sprachlernklassen eingerichtet

Doppelt so viele Sprachlernklassen: Das Land will zum nächsten Schulhalbjahr ab Februar vermutlich rund 240 Sprachlernklassen für Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse einrichten. Dies sei nötig, weil deutlich mehr Familien aus Kriegs- und Krisengebieten ins Land kämen, hieß es gestern. „Alle Kinder haben das Recht auf eine gute schulische Bildung, egal, woher sie kommen“, sagt Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). Die Teilnahme am Regelunterricht sei aber für Kinder, die Hals über Kopf vor Krieg und Terror aus ihrem Heimatland geflüchtet seien, oft nicht möglich. Die Lehrer müssten erst mal ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Die Zahl der Sprachlernklassen hat sich seit dem Schuljahr 2013/14 somit vervierfacht, gegenüber dem ersten Halbjahr 2014/15 ist es eine Verdoppelung. Neben Sprachlernklassen gibt es auch Einzelförderung.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) fordert vom Land deutlich mehr Unterstützung in der Sprachförderung, aber auch mehr Hilfe für Lehrer durch Schulpsychologen, Sozialarbeiter und Dolmetscher. „Wenn die Kinder dieser Flüchtlingsfamilien in den Schulen ankommen, sind sie oft schwer traumatisiert und depressiv. Hinzu kommt, dass sie kein Deutsch sprechen und sich völlig isoliert in einem fremden Land wiederfinden“, sagt Franz-Josef Meyer, Referent für Grundschulen im VBE. Das Land müsse dringend mehr Förderstunden für Kinder ohne Deutschkenntnisse zur Verfügung stellen.

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