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Hannover Auch an den Grundschulen brodelt es
Nachrichten Hannover Auch an den Grundschulen brodelt es
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06:00 19.02.2019
Alle Kinder in einer Klasse – klappt das? Oder brauchen wir doch wieder Extra-Gruppen für lernschwache Kinder? Quelle: dpa
Hannover

Nach dem Hilferuf der Gesamtschulleiter, die sich außerstande sehen, weiterhin über Gebühr Kinder mit Lernproblemen aufzunehmen, wächst auch in Hannover die Kritik an der Umsetzung der Inklusion und der Ruf nach dem Erhalt der Förderschule Lernen wird lauter - zumindest seitens der CDU. „Die Inklusion wird schöngeredet“, sagt Stadtratsmitglied Stefanie Matz (CDU). Die Klassen seien zu groß, es fehlten Lehrer, Räume und Unterstützungspersonal wie Therapeuten oder Schulbegleiter. Es sei ein Fehler, dass die Stadt sich dagegen entschieden habe, die einzige öffentliche Förderschule für Kinder mit Lernbeeinträchtigungen, die Albrecht-Dürer-Schule, bis 2028 bestehen zu lassen. Stattdessen läuft sie bereits 2022 aus. Die große Koalition in Niedersachsen hat Kommunen die Möglichkeit eingeräumt, Lernförderschulen länger laufen zu lassen. 51 Schulen in Niedersachsen sollen jetzt länger bestehen bleiben als ursprünglich geplant. Hannover hatte dies abgelehnt.

Helfen extra Lerngruppen für Förderschüler?

Mareike Wulf, Bildungsexpertin der CDU im Landtag, sagt, Regelschulen, die besonders viele Kinder mit Lernproblemen hätten, könnten auch Extra-Lerngruppen für sie einrichten. Bislang wird von dieser neuen Möglichkeit in Niedersachsen kaum Gebrauch gemacht.

„Keine Zwangsquoten für Gymnasien“

Einig sind sich die Schulpolitiker in Stadt und Land, dass Zwangsinklusionsquoten für Schulen nichts bringen. Man könne den freien Elternwillen nicht bei den Eltern von behinderten Kindern einschränken, betont Stefan Politze, SPD-Bildungsexperte im Landtag. „Wir sollten besser die Schulen, die besondere Last zu tragen haben, besonders fördern.“ Ähnlich äußert sich auch Afra Gamoori, schulpolitische Sprecherin der SPD im Stadtrat. „Wir dürfen die Schulen nicht alleinlassen“, sagt auch Silvia Klingenburg-Pülm (Grüne). Man müsse jede Schule fragen, wie man ihr helfen könne. Julia Willie Hamburg, Grünen-Bildungsexpertin im Landtag, tritt dafür ein, mehr auf Schulentwicklung zu setzen, so könnten Gymnasien intensiv beraten werden, wie sie Inklusion besser umsetzen könnten.

Wie machen es die anderen Bundesländer?

In Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen und Sachsen nehmen Gymnasien nur die behinderten Kinder auf, die kognitiv in der Lage sind, das Abitur zu erreichen. Konkret heißt das, dass sie Schüler, die im Rollstuhl sitzen, das Asperger-Syndrom haben oder blind sind, unterrichten, während Schüler mit Lernproblemen an anderen Schulformen unterrichtet werden. Das könnte auch für Niedersachsen ein Weg sein, meint Wolfgang Schimpf, der Vorsitzende der niedersächsischen Direktorenvereinigung. Eine andere Möglichkeit wäre, die Förderschüler gleichmäßig auf alle Schulformen zu verteilen, wie es etwa Torsten Neumann vom Verband Niedersächsischer Lehrkräfte fordert. Dann müssten auch Gymnasien lernschwache Kinder unterrichten, dann aber mit einem eigenen Lehrplan, der deutlich eingeschränkter ist als das, was die anderen in der Klasse lernen. Zieldifferente Beschulung heißt das in der Fachsprache. Das ginge aber nur in einer Schule ohne Leistungsvergleiche, Noten, Klassenarbeiten und Sitzenbleiben, meint Schimpf, weil die Kinder sich sonst immer minderwertig fühlen würden.

Bildungsdezernentin Rita Maria Rzyski unterstreicht: „Die Integrierten Gesamtschulen werden nicht alleingelassen, das Thema Inklusion wird regelmäßig mit dem Kreis der IGS-Schulleitungen besprochen und im Beirat Schulische Inklusion wird an Lösungen gearbeitet, die allerdings nicht kurzfristig zur gewünschten Veränderung der Situation führen können.“

Ziel der Stadt sei es, die Aufnahmezahlen von Kindern mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung mit dem Förderschwerpunkt Lernen an den Gymnasien zu erhöhen. Die Eltern würden ihre Kinder aber vorrangig an IGSen und Oberschulen anmelden. „Hier zu einer Veränderung zu kommen ist ein langfristiger Prozess“, sagt Rzyski. CDU-Frau Wulf entgegnet, dass zwölf Kinder mit Lernproblemen in einer Regelklasse keine Inklusion, sondern ein Problem seien: So werde man keinem Schüler gerecht.

Piraten: Wer anders ist, wird aussortiert.

Auch Adam Wolf (Piraten) spricht von der „gescheiterten Inklusion“. Kinder, die anders seien und nicht ins Schema passten, würden nach wie vor aussortiert. Immer wieder würden sich Eltern bei ihm melden, die ihre Kinder, meist Jungen in der dritten oder vierten Klasse, schon morgens um 10 oder 11 Uhr aus der Schule abholen müssten, wie Grundschulpädagogen mit ihnen überfordert seien.

Eltern von Grundschülern fordern bessere sonderpädagogische Betreuung

An den Grundschulen brodelt es ebenfalls. Elternvertreter von rund 20 Grundschulen in der Region bereiten zurzeit eine Petition an den Landtag vor, in dem sie die Anhebung der sonderpädagogischen Grundversorgung von derzeit zwei auf fünf Stunden pro Klasse fordern. Zudem sollten die Schulen in sozialen Brennpunkten Extra-Unterstützung bekommen. Immer mehr Kinder hätten Anspruch auf Nachteilsausgleich, weil sie eine Rechtschreib- oder eine Rechenschwäche hätten, viele Schüler kämen aus armen Familien, dazu kämen Flüchtlingskinder, die kein Deutsch sprächen und traumatisiert seien. Ein Klassenlehrer allein könne all diesen Kindern kaum gerecht werden, schreiben die Elternvertreter.

Im Regionselternrat stößt die Petition der Grundschulelternräte auf deutliche Zustimmung. „Ressourcenverteilung mit der Gießkanne bringt überhaupt nichts“, sagt die Vorsitzende des Gremiums, Ramona Schäfer. Anstatt alle Schulen ein bisschen zu unterstützen, sei es besser, den Standorten mit den meisten Problemen auch besonders zu helfen.

„Wir brauchen eine neue Berufsgruppe von pädagogischen Fachkräften, die gemeinsam mit den Lehrern in der Klasse arbeiten“, sagt Anke Berndt, Leiterin der Gebrüder-Körting-Schule. Auch sechs Jahre nach Einführung der Inklusion hapere es oft noch an der praktischen Umsetzung, weil Erlasse nicht angepasst worden seien oder klare Vorgaben fehlten, kritisiert die schulpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Julia Willie Hamburg. So dürften zwar Sonderpädagogen Beratung als Arbeitszeit anrechnen, nicht aber Grundschullehrer, die von ihnen beraten würden.

Von Saskia Döhner

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