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Hannover Lügenvorwürfe, Streiks und „Zerstörungswut“: Darum geht’s im Gilde-Streit – und so soll es weitergehen
Nachrichten Hannover Lügenvorwürfe, Streiks und „Zerstörungswut“: Darum geht’s im Gilde-Streit – und so soll es weitergehen
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09:02 04.12.2019
Bei der Gilde-Brauerei liegt das Verhältnis zwischen Geschäftsführung und Arbeitnehmervertretern in Scherben. Quelle: Rainer Dröse
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Hannover

Bei der Gilde-Brauerei in der Südstadt bleiben die Fronten im Tarifstreit verhärtet. Karsten Uhlmann, Geschäftsführer der Gilde-Mutter TCB Beverages, wirft der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und dem Betriebsrat vor, Lügen zu verbreiten. „Das schadet unserem Image und ist nicht gut für das Betriebsklima“, kritisiert Uhlmann. Unterdessen waren einige der 138 Mitarbeiter der Brauerei am Montagabend erneut in einen Streik getreten. Laut Gewerkschaftssekretärin Lena Melcher beteiligten sich 60 Beschäftigte an dem Ausstand; Uhlmann spricht von 35.

Geschäftsführer Karsten Uhlmann. Quelle: Samantha Franson

Gewerkschaft fordert einheitliche Löhne

Anlass für den Arbeitskampf ist die Forderung der NGG nach einheitlichen Löhnen und Gehältern im Unternehmen. Es gibt bei der Gilde hohe Differenzen zwischen Altbeschäftigten und Mitarbeitern, die erst nach der Übernahme durch TCB Beverages eingestellt worden sind. Eine Angleichung lehnen die geschäftsführenden Gesellschafter Uhlmann und Mike Gärtner aus wirtschaftlichen Gründen ab.

Betriebsspaltung verschärft den Konflikt

Verschärft worden ist die Situation, weil die Gilde mit Wirkung vom 29. November in vier Gesellschaften aufgeteilt worden ist. Die Kerngesellschaft mit 40 Mitarbeitern wird nach wie vor von Uhlmann und Gärtner geführt. Die Fass- und Flaschenabfüllung mit 30 Beschäftigten übernimmt Michael Gerß aus der Konzernverwaltung. Rund 20 Mitarbeiter gingen in die Dosenabfüllung unter Alexander Benkert und 40 in die Logistik unter Jonas Ludwig.

Gewerkschaft und Betriebsrat hatten die Umstände als „Zerstörungswut“ und „Nacht- und Nebelaktion“ kritisiert. Das lag am Zeitpunkt, an der Anwesenheit eines Sicherheitsdienstes und den Trennwänden, die in der Kantine und in Teilbereichen der Produktion aufgestellt worden sind. „Betriebsratsarbeit soll behindert und der Arbeitskampf torpediert werden“, sagt Melcher. Die NGG ist vor das Arbeitsgericht gezogen mit dem Ziel, die Aufspaltung per einstweiliger Verfügung rückgängig machen zu lassen.

Bücher wurden offen gelegt

Uhlmann wehrt sich gegen die Vorwürfe. „Wir haben den Termin für die Gründung der Gesellschaften dem Betriebsrat im Sommer genannt“, erklärt er. Dass dieser zeitnah zu einer erfolgreichen Urabstimmung gelegen habe und als Reaktion darauf interpretiert werden könne, sei unglücklich. Auch hätten Betriebsrat und Gewerkschaft Einblick in die Bücher und einen eigenen Berater bezahlt bekommen. Einen Katalog von 180 Fragen habe man beantwortet. „Die Gegenseite hat Gespräche über die Aufspaltung im Vorfeld boykottiert“, kritisiert Uhlmann.

Weil die Beschäftigten bei der Gilde in Schichten arbeiten, sei mit der Mitarbeiterinformation und den damit verbundenen Umzügen in der Nacht begonnen worden. „Die Trennwände sind keine Willkür, sondern gesetzliche Auflage, weil zum Beispiel jede Gesellschaft eigene Sozialräume benötigt“, erläutert Uhlmann. Die Installation habe 20.000 Euro gekostet. Der Sicherheitsdienst habe die Aufgabe gehabt, die Mitarbeiter zu ihren neuen Arbeitsplätzen zu leiten und die Umzugsboxen zu bewachen, in die Beschäftigte ihre Sachen aus den Spinden verstauten. Was der Geschäftsführer nicht sagt, aber zu vermuten steht: Der Dienst stand auch für den Fall parat, dass es Rabatz gibt.

15 Millionen Euro Verlust sind aufgelaufen

„Es ist einfach kein Geld da, um derzeit höhere Löhne zu bezahlen“, sagt Uhlmann zum Anlass für die Auseinandersetzung. Die Gilde habe seit der Übernahme in jedem Jahr rund 5 Millionen Euro Verlust gemacht, also mit Stand 2018 insgesamt 15 Millionen Euro. „Auch in diesem Jahr ist kein kleines Minus zu erwarten“, erklärt der Geschäftsführer. Das Unternehmen könne nur 38 Prozent seiner Personalkosten selbst erwirtschaften. Der Jahresumsatz sei unter TCB Beverages von 27,8 Millionen Euro auf 35,6 Millionen Euro gestiegen.

Teure Bierproduktion

Die Geschäftsführer wollen die Gilde profitabel machen – „dann können wir über Tarife reden“, erklärt Uhlmann. Auch die Aufspaltung verfolge dieses Ziel: „Wir brauchen eine technische wie organisatorische Effizienzsteigerung vor allem in der Abfüllung“. Diese sei zu langsam mit der Folge, dass das Bier in der Südstadt teurer produziert werde als an anderen Standorten. Die Mehrkosten könne man aber im hart umkämpften Biermarkt nicht über den Preis an Kunden weitergeben. Gärtner hatte als Marke für den Sprung aus der Verlustzone eine Jahresproduktion von mehr als einer Million Hektoliter genannt, derzeit sind es 880.000.

Wie geht es nun weiter? „Die Aufspaltung und ihre Begleitumstände haben ein Klima der Verunsicherung unter den Mitarbeitern geschaffen“, beklagt Gewerkschaftssekretärin Melcher. Eine Folge davon ist, dass aktuell keiner von ihnen mit Namen und Zitat in den Medien auftauchen möchte. Streikbereitschaft sei aber nach wie vor da.

Geschäftsführung bezweifelt Rechtmäßigkeit von Streiks

Uhlmann betrachtet den laufenden Ausstand bei drei der vier Gesellschaften als nicht rechtmäßig, will aber keine juristischen Schritte dagegen unternehmen. „Wir werden weiterhin versuchen, die Mitarbeiter über den Hintergrund für unser Vorgehen zu informieren und sie von unserem Kurs überzeugen“, sagt er.

Gesprächsbedarf gibt es auch andernorts: Uhlmann hatte noch am Dienstagnachmittag einen Termin bei Hannovers Wirtschaftsdezernentin Sabine Tegtmeyer-Dette. Am Freitag dann bitten Wirtschaftspolitiker aus der SPD-Landtagsfraktion zum Gespräch.

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