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Hannover Ohne Deutsch nicht in die Schule? Das sagt eine Ex-Schulleiterin aus Hannover dazu
Nachrichten Hannover Ohne Deutsch nicht in die Schule? Das sagt eine Ex-Schulleiterin aus Hannover dazu
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19:28 08.08.2019
Kinder müssen in der Schule Deutsch lernen: Christine Baumgart, die ehemalige Leiterin der Grundschule Am Sandberge in Bemerode, hat kein Verständnis für die Forderung des CDU-Politikers Carsten Linnemann. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Die Forderung des stellvertretenden CDU-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Carsten Linnemann, Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen, noch nicht in die Grundschule zu schicken, hält Christine Baumgart, die ehemalige langjährige Leiterin der Grundschule Am Sandberge, für schädlich.

Frau Baumgart, sollen Kinder, die kein Deutsch können, noch nicht in die Grundschule, sondern erst mal richtig die Sprache lernen? Das hatte Carsten Linnemann, der CDU-Fraktionsvize im Bundestag gefordert und damit eine Welle der Empörung ausgelöst. Was sagen Sie als langjährige ehemalige Grundschulrektorin dazu?

Diese Kritik an Linnemanns Vorschlag ist voll berechtigt. Mich ärgert es kolossal, wenn Politiker einfach so etwas sagen. Man kann Kinder nicht aussortieren und sagen, die dürfen noch nicht in die Schule. Und Kinder im Grundschulalter oder kurz davor lernen rasend schnell. Sprachförderprogramme müssen in der Schule laufen.

Für die künftigen Lernanfänger ist das seit vergangenem Sommer aber nicht mehr so. Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hat die vorschulische Sprachförderung zum 1. August 2018 in die Kitas verlagert. Seiner Meinung nach lernen Kinder am besten Deutsch alltagsintegiert im Kindergarten.

Diese Entscheidung hat mich bitter enttäuscht. Eigentlich ist das Ganze nur eine große Mogelpackung gewesen, um Lehrerstunden zu generieren. Wer fragt denn nach, ob es in den Kitas überhaupt genug Personal dafür gibt? Man kann den Erziehern gar keinen Vorwurf machen, ihnen fehlt oft die Zeit für Sprachförderung. Zwei Fachkräfte, die 25 Kinder betreuen – wie soll das gehen? Da ist es kein Wunder, wenn Kinder, die russisch oder türkisch als Muttersprache haben, in der Kita dann mit vorwiegend russischen oder türkischen Gleichaltrigen spielen. Kinder brauchen positive Sprachvorbilder. Wenn das in den Kindergärten mit dem Spracherwerb klappen würde, dann bräuchten wir doch gar keine Sprachstandsfeststellungstests anderthalb Jahre vor der Einschulung und vorschulische Sprachförderung.

Hat das früher besser geklappt mit der Sprachförderung?

Und ob. Ich habe die Grundschule Am Sandberge 26 Jahre geleitet, war insgesamt 41 Jahre im Schuldienst. Migrantenkinder hatten wir immer in den Klassen. Wir hatten zwei Gruppen mit jeweils zwölf, 13 Kindern in der vorschulischen Sprachförderung. Im Schnitt waren es immer 25 Kinder bei 120 Erstklässlern, die Sprachförderung brauchten.

41 Jahre im Schuldienst

Christine Baumgart hat 26 Jahre lang die Grundschule Am Sandberge in Bemerode geleitet. Vorher war sie sechs Jahre Konrektorin an der Grundschule Beuthener Straße in Döhren. Nach insgesamt 41 Jahren im Schuldienst ist sie im vergangenen Sommer in den Ruhestand gegangen. Baumgart hat immer angepackt nach der Devise: „Geht nicht? Gibt es nicht!“ Sie hat den ersten Förderverein einer Schule gegründet, mit Eltern Klassenräume gestrichen, in Eigeninitiative eine Feuerleiter bauen lassen, in den Behörden ist sie mit ihrer Energie und ihrem Einsatz nicht immer auf Begeisterung gestoßen.

Gut ein Fünftel. In einigen Schulen in Hannover haben mehr als 85 Prozent der Schüler ausländische Wurzeln. Für Lehrer ist normaler Unterricht nach Lehrplan kaum möglich. Wäre es gut, wenn Kinder aus diesen Schulen auf Standorte in andere Stadtteilen verteilt werden, wo es weniger Migranten gibt?

Um Gottes willen. Wer kommt denn auf solche Ideen? Man kann die Kinder doch nicht aus dem gewohnten Umfeld reißen. Die Schulen in sozialen Brennpunkten müssen bessere Unterstützung bekommen. Schuld ist eine völlig verfehlte Wohnungsbaupolitik. Diese Ghettos hätten gar nicht erst entstehen dürfen. Sozialen Wohnungsbau brauchen wir in allen Stadtteilen, natürlich in kleinen Einheiten. Dann stimmt auch die Durchmischung.

Also, wie lief das bei Ihnen mit der Sprachförderung?

Die Eltern haben ihre Kinder jeden Tag zum Sprachunterricht in die Schule und danach dann weiter in den Kindergarten gebracht. Für die Familien war dieser Schritt über die Schwelle, in die Schule, ungeheuer wichtig. Das hat sie mit Stolz erfüllt. Die Kinder haben nebenbei viele Rituale gelernt und den Umgang mit Kleber, Stift und Schere. Da waren sie vielen Erstklässlern voraus, die sich dies später erst mühsam aneignen müssen. Und die Eltern, egal ob sie aus Russland, Griechenland, Polen oder der Türkei stammten, haben sich beim Bringen und Abholen vor der Tür immer noch unterhalten. Auch das ist wichtig. Man muss die Eltern miteinbeziehen. Es wäre übrigens ganz einfach, die Sprachförderung wieder in die Schulen zu holen, und würde nicht mal Lehrerstunden kosten.

Wirklich? Was ist Ihr konkreter Vorschlag?

Alle Grundschulen haben pädagogische Mitarbeiter, die seit Jahren im Zuge der verlässlichen Grundschule die Kinder von 12 bis 13 Uhr betreuen. Das sind Mitarbeiter im Landesdienst, und viele würden gern mehr Stunden arbeiten. Warum übernehmen die nicht einfach – nach entsprechender Fortbildung – die vorschulische Sprachförderung? Wenn sie dann nach der Einschulung auch noch gleich die Kinder zum Mittagessen begleiten, die Hausaufgaben betreuen und die Arbeitsgemeinschaften übernehmen würden, dann müssten Erstklässler nicht morgens vier Stunden mit den Lehrern und nachmittags mit noch drei Bezugspersonen zurechtkommen. Das kann für einen Sechsjährigen ganz schön viel ein.

Auf das Land kämen dann aber deutlich höhere Kosten zu.

Das stimmt, aber wir sind ein reiches Land, der Staat nimmt 19 Prozent Mehrwertsteuer ein, da muss gerade für Bildung in der Grundschule einfach das Geld da sein. Das ist die beste Prävention, damit sich Zugewanderte nicht isoliert oder abgehängt fühlen. Die Sprachlernkinder sind genauso schlau wie alle anderen Schüler auch, es gibt Hochbegabte und Kinder, die mehr Unterstützung brauchen, es gibt Schüchterne und Forschere. Selbst die Kinder, die am Anfang im Sprachunterricht nicht viel sagen, hören zu und speichern alles ab.

„Mehrsprachigkeit ist Realität in den Klassen“

Kann ein Lehrer in Deutschland erwarten, dass die Kinder in seiner Klasse Deutsch können? „Nein“, sagt Claudia Bax, an der Leonore-Goldschmidt-Schule, der früheren Integrierten Gesamtschule (IGS) Mühlenberg, seit Jahren für Sprachförderung zuständig, „Wir leben in einer globalisierten Welt, Mehrsprachigkeit ist Realität und ein großer Wert an sich.“ Es würde auch gar nichts bringen, eine Gruppe vom Unterricht auszuschließen, weil es ja immer noch Kinder mit Problemen in der Klasse gebe: „Da sind die Superbegabten, die Zappelphilippe, die Förderkinder – Heterogenität ist die große Herausforderung für Lehrer, und darauf müssten Pädagogen in der Ausbildung auch besser vorbereitet werden“, sagt die 52-jährige Lehrerin, die auch am Sprachbildungszentrum Hannover mitarbeitet. Eine Sprache zu lernen sei Sozialisation und Kommunikation: „Fünf- oder Sechsjährige brauchen keinen isolierten Sprachunterricht, sondern das Andocken an die reale Welt.“ Bax sagt: „Der eine lispelt, dem anderen fehlen die Worte, Sprachförderbedarf beschreibt ganz unterschiedliche Defizite.“

Für den SPD-Regionsvize Adis Ahmetovic ist der Streit um ein Grundschulverbot für Kinder ohne Deutschkenntnisse eine typische Sommerlochdebatte: „Was wir garantiert nicht brauchen, sind Vorschläge, Kinder von der Schule fernzuhalten. Wir benötigen vielmehr ein Zusammenspiel und den Schulterschluss der politischen Kräfte, um die frühkindliche Bildung weiter voranzubringen. Die Antwort auf die Debatte kann nur lauten: Mehr Geld für Personal und Infrastruktur statt weitere Selektion von Kindern – zumal Integration am besten gemeinsam funktioniert.“

Lehrer klagen darüber, dass auch deutsche Kinder immer häufiger Sprachprobleme haben.

Das stimmt. Es wird leider zu wenig gesprochen in den Familien. Da sind die Eltern Vorbild. Schauen Sie doch in ein Restaurant, da sitzen Eltern und Kinder um den Tisch, keiner redet und alle daddeln mit ihren Handys herum. Viele Menschen sind zu sehr damit beschäftigt, sich in den sozialen Netzwerken gut darzustellen. Sie reden zu wenig – in der Familie, mit den Nachbarn. Aber wer hilft einem denn in der Not? Eher die Nachbarin, bestimmt nicht die Follower bei Facebook oder Instagram.

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