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Hannover Wann hat das Auto in der Innenstadt ausgedient?
Nachrichten Hannover

HAZ-Forum: Experten sprechen über die Verkehrswende in Hannover

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14:46 03.09.2020
Gibt es bald keine Autos in der Innenstadt mehr? Quelle: Moritz Frankenberg (Symbolbild)
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Hannover

„Das Auto nimmt 85 Prozent des öffentlichen Verkehrsraums ein, dabei werden nur noch 25 Prozent der Wege mit dem eigenen Auto erledigt.“ Für Professor Andreas Knie, Leiter der Forschungsgruppe digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, nehmen Autos eindeutig zu viel Raum ein. Das gilt nicht nur für die Innenstädte, sondern auch in den politischen Entscheidungen: „Autos, Autos, Autos“, sagt der Experte beim ersten virtuellen HAZ-Forum zur Verkehrswende, das am Freitag im Zuge der zweiten Micromobility Expo der Deutschen Messe stattfand. Unterstützt wurde die Videodiskussionsrunde von der Initiative „Hannover bewegt sich“ und der Metropolregion. „Wir bauen Straßen, als ob es kein Morgen gäbe“, bemängelt Knie. Es sei auch kein Naturgesetz, dass man private Autos einfach so im öffentlichen Raum abstellen dürfe. Bis 1966 sei das sogar ausdrücklich verboten gewesen. Die Zukunft gehöre nicht dem eigenen, sondern dem geteilten Verkehr.

„Öffis erinnern an Viehtransport“

Der Wissenschaftler kritisiert die „Dominanz des Autos“. Dabei nutzten immer mehr Menschen inzwischen andere Verkehrsmittel, sagt Knie, 28 Prozent der Wege würden mit Bus und Bahn gemacht, obwohl der öffentliche Nahverkehr eigentlich mehr an „Viehtransport“ erinnere, wie es der Mobilitätsforscher provokant formuliert. Für jeden fünften Weg nehmen die Deutschen schon das Rad, und durch die Corona-Krise seien es noch mehr geworden. Andererseits habe sich auch der Mobilitätsradius der Menschen in der Pandemie verringert. Statt 40 legten sie im Schnitt nur noch zehn Kilometer pro Tag zurück.

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Mehr Rechte für Radfahrer gefordert

Für Swantje Michaelsen, verkehrspolitische Sprecherin der Grünen in der Region, ist das Fahrrad das Verkehrsmittel der Wahl. Es sei gerecht und klimafreundlich. Sie weist darauf hin, dass immerhin knapp 30 Millionen Deutsche gar kein Auto fahren dürften, entweder weil sie keinen Führerschein haben oder sie unter 18 Jahre alt sind. Radfahrer müssten geschützt werden, gerade angesichts immer größer werdender Autos. Schlechte Radwege und gute Straßen dürften nicht länger sein. Für Strecken von bis zu fünf Kilometern sei das Zweirad zudem ideal. Städte wie Gent und Utrecht hätten vorgemacht, wie man die Innenstadt für Radfahrer ausbaut. Nun müsse Hannover nachziehen.

Gesprächsrunde am Bildschirm: HAZ-Redakteur Conrad von Meding spricht mit Prof. Andreas Knie (li. oben), Monika Dürrer (re. oben), Swantje Michaelsen (li. unten) und Mareike Wulf Quelle: Samantha Franson

Wulf wünscht sich digital intelligente Lösungen

Mareike Wulf, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag, Innenstadtbewohnerin und überzeugte Lastenfahrradbesitzerin, sind bessere Radwege zwar wünschenswert, aber nicht das einzige Ziel. Wichtig seien intelligente Lösungen, auch dank digitaler Technik. Wenn jemand durch einen Blick auf eine App erfährt, dass er mit dem Auto 40 Minuten in die City benötige, mit der S-Bahn aber nur 20, würde er von sich aus umsteigen.

„Lieferverkehr und Anwohner müssen durchkommen“

„Menschen ändern ihr Verhalten, wenn es ihnen Vorteile bringt“, sagt Monika Dürrer vom Handelsverband Hannover. Die alte Gleichung „Auto heißt Kaufkraft“ gelte nicht mehr. Denn wenn man mit dem Rad direkt vor einem Geschäft in der City parken könne, sei das oft bequemer, als mit dem Auto umständlich einen Abstellplatz zu suchen. Deshalb wünscht sie sich digitale Anzeigetafeln, die auflisten, in welchen Parkhäusern wie viele Stellplätze frei sind. Auch der Handel hätte gern eine autoärmere Innenstadt, wenn gewährleistet sei, dass der Lieferverkehr die Geschäfte und die Anwohner ihre Häuser gut erreichten. Wichtig sei es, den Verkehr zu entzerren, etwa durch nächtliche Anlieferungen und ausgewiesene Ladezonen.

Die Initiative "Hannover bewegt sich" will Mobilität neu denken. Quelle: privat

Das ist „Hannover bewegt sich“

Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, werden Bürger auch in Hannover und dem Umland voraussichtlich auf Verbrennungsmotoren weitestgehend verzichten müssen. Wie bewegen wir uns zukünftig? Was können wir testen und von anderen lernen? Wie beleben wir die Innenstadt und wie helfen wir den Familien und der Wirtschaft? Genau das probieren wir jetzt aus. Die Initiatoren und Schirmherren von „Hannover bewegt sich“ sind Belit Onay, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover, und Hauke Jagau, Regionspräsident der Region Hannover – in Kooperation mit den Madsack Medien Hannover. Partner sind Enercity, VW und Audi Automobile Hannover, GVH, Regiobus und Üstra.

Zwei Stunden lang diskutieren die vier Podiumsteilnehmer am Bildschirm mit Moderator Conrad von Meding über Verkehrsgerechtigkeit, Klimaschutz, weniger Autos und mehr Lebensqualität in der Innenstadt. Die Fragen der Leser bekommt HAZ-Redakteur Meding von seinem Kollegen Jan Sedelies live aufs Handy gespielt. Am Ende resümiert er. „Wir sind uns einig, dass wir eine Verkehrswende wollen, nur über das Wie muss man noch streiten, nicht aber über das Ob.“

Von Saskia Döhner