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Hannover „Essen ist nicht privat, essen ist politisch“
Nachrichten Hannover „Essen ist nicht privat, essen ist politisch“
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00:25 30.01.2015
Gut besucht war das HAZ-Forum zum Thema Verbraucherschutz im Anzeiger-Hochhaus. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Früher brauchte Essen einfach nur eine gute Qualität und musste erschwinglich sein. Heute, so führte HAZ-Redakteur Heiko Randermann am Dienstagabend im Anzeiger-Hochhaus als Moderator beim ausverkauften HAZ-Forum aus, scheinen Landwirte und Verbraucher nicht mehr die gleiche Sprache zu sprechen. Es geht um die unterschiedlichen Ansichten zum Wachstum von Bauernhöfen und Betrieben, Verantwortung gegenüber den Verbrauchern und auch Nutztieren – und um die Widersprüchlichkeit im Handeln der Konsumenten.

„An manchen Verbrauchern verzweifeln wir tatsächlich“, sagte Heinz Korte, selbst Milchviehhalter und Vizepräsident des niedersächsischen Landvolks. „Jüngst gab es zwei Umfragen: Die eine besagt, dass sich 60 Prozent der Bevölkerung gesünder ernähren wollen. Trotzdem, das ist das Ergebnis der zweiten Umfrage, bleibt die Currywurst das beliebteste Kantinenessen.“ Die Bauern orientierten sich eher am Verhalten als den Wünschen der Verbraucher. Diskutiert wurde über die Frage, ob die Zukunft der Landwirtschaft im betrieblichen Wachstum liegt oder in kleineren Betrieben mit regionalem Bezug.

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Fred Arkenberg, Landwirt aus Wunstorf, stellte die Frage, ab wann ein Landwirtschaftsbetrieb groß und ab wann Größe schlecht sei. Seine Antwort: „Der Hebel, darüber zu befinden, liegt doch beim Verbraucher.“ Dieser entscheide, was er essen und wen er damit unterstützen wolle. „In der Region um Wunstorf haben gerade drei Hofläden geschlossen“, berichtete er. Er würde gern seinen Hof nach Bio-Kriterien umstellen, aber es müsste sich für ihn auch lohnen. Auch Landwirt Holger Vesting aus Pattensen forderte die Unterstützung der Bauern durch die Verbraucher ein.

Ein Höfesterben in Niedersachsen wünschte sich auf dem Podium am Dienstag keiner. Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer – als erstes Regierungsmitglied Gast auf dem HAZ-Podium – forderte bessere Preise für die bäuerlichen Erzeugnisse, warb für nachhaltige Produktion, Tierrechte und eine Versöhnung von Verbrauchern und Landwirten. „Die Arbeit der Bauern muss uns etwas wert sein“, sagte auch Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.

Ursula Hudson, Vorsitzende des Vereins Slow Food Deutschland, stellte fest, dass Essen ein Stück Wertschätzung verloren habe. Dabei gestalte jeder Verbraucher seine Umwelt über seine Ernährung mit. „Essen ist nicht privat, essen ist politisch“, sagte Hudson. Sie forderte, vor allem regionale Produkte zu fördern. Landwirt Korte bleibt allerdings skeptisch. „Regionalität kann die Zukunft sein, noch ist es für die Betriebe eine Nische.“ Janßen warnte, den Begriff zu eng zu fassen: „Regionalität endet nicht fünf Meter hinter der Stalltür.“

Antibiotika

Der Einsatz von Antibiotika gehört zu den strittigsten Punkten der modernen Tiermast – auch beim HAZ-Forum. Immer wieder kamen die Zuschauer auf diesen Punkt zurück. Die Sorge ist bei vielen groß, dass über den unangemessen Einsatz der Mittel die Bildung von multiresistenten Keimen gefördert wird. „Wir setzen Antibiotika ein, das müssen wir auch, wenn wir ein krankes Tier haben“, sagte Heinz Korte, Milchviehhalter und Vizeperäsident des Landvolks Niedersachsen. Gegen die Einzeltierbehandlung wollte auch Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) nichts sagen. Ihm bereiten aber ganz andere Zahlen Sorgen: „Wir können sehen, dass teilweise Masthühner in den 30 oder 40  Tagen, die sie leben, bis zu acht Antibiotika bekommen, oft verteilt an alle Tiere in einem Stall über die Tränke“, sagte der Minister. Um diese ungehemmte Verwendung einzudämmen gebe es seit Juli 2014 bundesweit eine Datenbank, in die alle Tierhalter und Tierärzte eintragen müssen, welche Antibiotika sie verwenden. Ziel sei es, den Antibiotika-Verbrauch um 50  Prozent zu senken. Außerdem müssten die hochwirksamen Reserve-Antibiotika der Humanmedizin vorbehalten sein, forderte Meyer.

Die Gewichtsmenge allein mache keinen Unterschied, man müsse auch die Mittel in den Blick nehmen, mahnte ein Zuschauer. Denn sonst würden von den Tierärzten künftig einfach stärkere Medikamente verschrieben. Eine Gefahr sei auch, dass Landwirte Antibiotika-Therapien bei ihren Tieren abbrächen, um nicht zu viel zu verbrauchen, sagte Korte. Das allerdings fördere die Bildung multiresistenter Keime.

Werbung

Auf Verpackungen von Geflügel sieht man Hühner auf einer Wiese vor einem Bauernhaus. Molkereien werben für Frischmilch mit Bildern, auf denen Kühe Hörner tragen. Beides entspricht so gut wie nie der Realität. „Werbung für Lebensmittel suggeriert etwas, das es so nicht gibt“, sagte Landwirtschaftsminister Christian Meyer und erntete beifälliges Nicken im Publikum. So etwas sei in anderen Branchen in der Form nicht üblich. „Wer ein Auto verkaufen will, muss auch das entsprechende Modell zeigen und nicht eines, das vielleicht auf den Fotos besser aussieht“, sagte der Minister. Seine Schlussfolgerung lautet, dass irreführende Werbung für landwirtschaftliche Produkte zurückgefahren werden muss. „Eigentlich ist so etwas sogar abmahnfähig. Ich wundere mich, dass das nicht passiert“, sagte Meyer. Möglicherweise müsse der Gesetzgeber handeln, was allerdings nur auf Bundesebene geschehen könne.

Verbraucherkompetenz

„Die Kompetenz der Verbraucher ist ein wichtiges Thema“, sagt Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland. Der weltweit aktive Verein bezeichnet sich selbst als Vertretung bewusster Genießer und mündiger Konsumenten und will unter anderem „verantwortungsvolle Landwirtschaft und artgerechte Viehzucht“ fördern. Hudson findet, dass viele Verbraucher den Bezug zur Landwirtschaft verloren haben und die Produktionssysteme für Fleisch und andere Nahrungsmittel gar nicht kennen. Um das zu ändern, reiche es nicht, Kindergarten- oder Grundschulgruppen zu Schnuppertagen auf Bauernhöfe zu schicken. Hudson fordert vielmehr, dass Ernährungsbildung, wie sie es nennt, als Schulfach eingeführt wird.

Dazu macht sie folgende Rechnung auf: 40 Milliarden Euro würden jährlich für die Behandlung von Folgen ungesunder Ernährung ausgegeben. „Dafür könnte man einige Hunderttausend Lehrer einstellen“, sagt sie. Landwirtschaftsminister Christian Meyer kann dem Gedanken sogar etwas abgewinnen, müsste sich dazu allerdings mit Bildungsministerin Frauke Heiligenstadt ins Benehmen setzen. Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, sieht Dinge ähnlich, verweist auch darauf, was interessierte Verbraucher bewirken können: Der Geflügelproduzent Wiesenhof verzichte mittlerweile wieder auf gentechnisch veränderte Futtermittel – „weil die Kunden das nicht wollten“.

Fleischkennzeichnung

Wenn es nach Christian Meyer geht, soll schon bald auf jeder Fleischpackung erkennbar sein, wie die verarbeiteten Tiere gehalten wurden. Als Vorsitzender der Verbraucherschutzministerkonferenz (VSMK) forderte Meyer im Vorfeld des Forums eine staatliche Tierschutzkennzeichnung. Wie bei Eiern sollen Ziffern von 0 bis 3 anzeigen, unter welchen Umständen Tiere gelebt haben. „Wir wollen auch beim Fleisch für den Verbraucher erkennbar machen, wie es produziert wurde“, sagte Meyer.

Die Initiative Tierwohl, ein Bündnis aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel, hält dagegen und setzt eher auf einen Fonds, der durch finanzielle Hilfen für die Bauern Verbesserungen bei der konventionellen Nutztierhaltung schaffen soll. Milchviehhalter und Landvolkvizepräsident Heinz Korte unterstützt diesen Vorstoß. „Bauern muss man nicht von einem notwendigen Wandel überzeugen, aber man muss ihnen ein Einkommen ermöglichen“, erwiderte Korte dem Minister. Eine Perspektive bringe mehr als eine neue Verordnung oder Gesetze. „Bisher bin ich nicht überzeugt, dass ein anderer Weg der bessere ist“, sagte Korte. Er hält nichts von einer Fleischkennzeichnung wie bei Eiern. „Die Verarbeitung ist vielfältiger, die Produktion ist nicht vergleichbar. Und ich bin gegen die Diskriminierung ganzer Berufsgruppen.“ AbL-Geschäftsführer Georg Janßen widersprach: „Es geht nicht um Diskriminierung, sondern darum, dass die Menschen wissen wollen, was sie essen.“

jan/se/ran

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