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Hannover „Hat Hannovers Jugend ein Cannabis-Problem, Herr Professor?“
Nachrichten Hannover „Hat Hannovers Jugend ein Cannabis-Problem, Herr Professor?“
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00:23 15.06.2019
„Wenn Sie heute einen Joint rauchen, rauchen Sie im Vergleich zu früher viele“: der THC-Gehalt in Cannabis ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. Quelle: dpa

Die Polizei in Hannover kommt nicht gegen skrupellose Dealer wie jene am Vahrenwalder Platz an. Viele von ihnen verkaufen Cannabis. Unter Jugendlichen ist Cannabis sogar die am meisten konsumierte illegale Droge. Wie sieht das in der Suchttherapiestation Teen Spirit Island aus? Sind die meisten Patienten dort auch jugendliche Kiffer?

Cannabis ist in Deutschland die häufigste illegale Droge. Das spiegelt sich auch in der Klientel von Teen Spirit Island wieder. Die meisten Patienten hier haben Probleme mit Cannabis. Und es wundert kaum, dass Cannabis bei den Jugendlichen so im Kommen ist. Cannabis hat derzeit eine große Lobby, es wird in den Medien im Zuge einer möglichen Legalisierung sehr positiv darüber berichtet. Selbst Politiker erzählen ganz lässig davon, dass sie früher auch gekifft haben. Es entsteht der Eindruck, diese Droge zu nehmen sei nicht so schlimm, möglicherweise sogar vollkommen in Ordnung. Das ist aber nicht so.

Cannabis wird in der Öffentlichkeit sträflich verharmlost, meint Prof. Christoph Möller. Quelle: Philipp von Ditfurth

Wieso nicht?

Der Wirkstoff, der THC-Gehalt, in Cannabis ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. Umgangssprachlich gesagt: Wenn Sie heute einen Joint rauchen, rauchen Sie im Vergleich zu früher viele. Es besteht viel schneller die Gefahr der Abhängigkeit. Dazu kommt: Kiffen gehörte in der Flower-Power-Bewegung vielleicht zum Lebensgefühl. In der Regel waren es aber Studenten, die Cannabis konsumierten. Heute sind die meisten Einsteiger viel jünger: heute liegt das Einstiegsalter bei unter 16 Jahren. Ihre Persönlichkeitsentwicklung, die Entwicklung des Gehirns, ist noch lange nicht abgeschlossen.

Wie gefährlich ist Cannabis wirklich?

Je früher man beginnt, desto wahrscheinlicher ist eine Abhängigkeit. Cannabis macht süchtig: körperlich und psychisch. Es kommt zu Veränderungen der Lunge, des Herz-Kreislauf-Systems, im Gehirn. Lernprozesse werden bei dauerhaftem Kiffen erschwert, Konzentration, Erinnerungsvermögen, lassen nach. Das Kurzzeitgedächtnis ist betroffen. Es gibt zudem eine belastbare Studie aus Neuseeland, der zufolge dauerhaftes Kiffen zum Rückgang von IQ-Punkten führt.

„Man ist neugierig, man will cool, einfach gut drauf sein. Aber Jugendliche, die abhängig werden, setzen die Droge schnell auch ganz anders sein.“ Quelle: AFP

Umso erstaunlicher ist: Man kann heute den Eindruck gewinnen, Cannabis ist die Droge der Stunde. Sie wird nicht nur, wie früher, in der Links-Alternativen Szene genommen, sondern in allen Jugendszenen, quer über alle Schichten hinweg. „Alle kiffen“, sagen Jugendliche oft ihren besorgten Eltern. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Wenn ein Jugendlicher zu seinen Eltern sagt, „alle kiffen“, hat er schon ein Problem.

Warum?

Weil das nicht stimmt. Nehmen wir die 12- bis 17-Jährigen. Eine repräsentative Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergab: Nur 8,7 Prozent hatten schon mindestens einmal im Leben Cannabis konsumiert. In den letzten zwölf Monaten vor der Befragung hatten sogar nur 6,9 Prozent gekifft und davon nur 1,5 Prozent regelmäßig: mehr als zehnmal. Von ’alle kiffen’ kann also keine Rede sein. Bei einem Jugendlichen, so etwas sagt, kann man vielmehr davon ausgehen, dass er sich bereits in einer drogennahen Problemgruppe aufhält.

Schulstress kann ein Grund für Cannabis-Konsum sein. Es ist, wenn der Jugendliche abhängig ist, aber sicher nicht der einzige Grund.“ Quelle: dpa

Was reizt Jugendliche speziell an dieser Droge? Ist es der Rausch auf der Party, der sie interessiert?

So fängt es vielleicht an. Man ist neugierig, man will cool, einfach gut drauf sein. Aber Jugendliche, die abhängig werden, setzen die Droge schnell auch ganz anders sein. Sie vergessen bekifft für eine Zeit ihre Probleme, sie können abschalten, innerlich zur Ruhe kommen und – das ist ein wichtiger Unterschied zu denen, die nur ab und zu auf einer Party kiffen – sie erreichen diese innere Ruhe ohne die Droge nicht. Deshalb nehmen sie sie immer wieder, zur Selbstregulierung, Selbstmedikation.

Es gibt Eltern, die sagen, Jugendliche setzten Cannabis heutzutage sogar wegen des Leistungsdrucks in der Schule ein?

Schulstress kann ein Grund für Cannabis-Konsum sein. Es ist, wenn der Jugendliche abhängig ist, aber sicher nicht der einzige Grund. Man muss dann von einem viel existenzielleren Gefühl der Überforderung ausgehen. Schwer wiegende Probleme in der Familie, mögliche Gewalterfahrungen. Aber man sollte den Druck der Schule nicht unterschätzen: Die Kinder werden heute immer früher eingeschult, die Leistungsansprüche von Eltern sind oft sehr hoch. Das sorgt für Stress und kann den Konsum von Drogen begünstigen.

Es gibt Theorien, dass Jugendliche, die unter ADHS leiden, versuchen sich damit zu beruhigen – und dass Cannabis tatsächlich wirkt.

Das stimmt. Es gibt Jugendliche mit ADHS, die sagen: „Es gibt kein Medikament, das mir so gut hilft wie Cannabis. Es ist endlich Ruhe in meinem Kopf“. Cannabis kann subjektiv sehr positiv wirken, ist aber – gerade für Jugendliche – keine adäquate Medikation.

Warum nicht?

Weil Cannabis sehr abhängig machen kann und die seelische Entwicklung ausbremst. Es hat auch andere, negative Konsequenzen. Ich fühle mich vielleicht ruhig im Kopf, aber ich kann mich im Unterricht nicht mehr konzentrieren, lerne nicht mehr so gut. Eine geeignete Medikation bei ADHS kann Methylphenidat, zum Beispiel Ritalin, sein. Sie helfen und machen nicht abhängig.

Wie viel kifft ein Jugendlicher, der bei Ihnen stationär behandelt werden muss, im Schnitt vor Beginn der Therapie?

Dieser Jugendliche ist im Schnitt um die 16 Jahre alt, er konsumiert seit ein bis zwei Jahren regelmäßig Cannabis und zwar in nicht unerheblichen Mengen, in den letzten Monaten vor seiner Einlieferung zwischen 2 und 3 Gramm pro Tag.

Der Kriminalstatistik der Polizei Hannover zufolge greifen sogar Kinder unter 14 Jahren zu Cannabis: 20 Fälle registrierte die Polizei im vergangenen Jahr, der höchste Wert seit fünf Jahren.Wie alt war Ihr jüngster Patient?

Er war zwölf Jahre alt. Und er hatte schon unter 10 angefangen zu trinken und zu rauchen.

„Jugendliche haben das Gefühl, es ist nichts dabei, wenn sie kiffen, auch wenn ihnen das aus Jugendschutzgründen unter 18 Jahren vielleicht noch verboten ist.“ Quelle: imago stock&people

Wie war er an die Drogen geraten?

Solche Kinder kommen in der Regel aus einem drogennahen Milieu. Die Eltern kiffen regelmäßig, man zieht auch mal. Dann wird es mehr. Oder die Geschwister nehmen Drogen.

Können die schwersten bekannten Folgeschäden –Psychosen, Halluzinationen, Paranoia, Depressionen –jeden Jugendlichen treffen oder gibt es bestimmte Dispositionen dafür?

Regelmäßiger Cannabis-Konsum kann den Ausbruch einer Psychose befördern. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass eine so schwere psychiatrische Erkrankung auch ohne die Droge irgendwann ausgebrochen wäre.

Was halten Sie von der Legalisierung von Cannabis?

Als Jugendpsychiater bin ich ganz klar dagegen. Es ist erwiesen: In Ländern, in denen Cannabis erlaubt ist, steigt die Zahl der jugendlichen Kiffer. Es ist einfach leichter, die Drogen zu erwerben. Und: Die Jugendlichen haben das Gefühl, es ist nichts dabei, wenn sie kiffen, auch wenn ihnen das aus Jugendschutzgründen unter 18 Jahren vielleicht noch verboten ist. Schon beim Alkohol gelingt uns die Umsetzung des Jugendschutzes nur schwer. Das ist kein Wunder, in Staaten wie Colorado wird auf großen Plakaten für den Konsum von Cannabis geworben. Dort gibt es Fälle, in denen Kinder unter 5 Jahren mit einer Cannabis-Vergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden. Das Zeug liegt einfach unbeachtet auf dem Wohnzimmertisch der Eltern herum.

Zur Person

Prof. Dr. Christoph Möller ist seit 2010 Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kinderkrankenhaus Auf der Bult. Zuvor, von 2002 - 2010, war er Oberarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Kinderkrankenhaus auf der Bult, dazu Leiter des Therapiezentrums für Suchterkrankungen "Teen Spirit Island". Er ist 49 Jahre alt.

Das Suchttherapiezentrum „Teen Spirit Island“ wurde 1999 gegründet. Behandelt werden dort heute Kinder und Jugendlich, die sogenannte stoffgebundene Drogen zu sich nehmen, also Alkohol, Cannabis, Amphetamine, Heroin oder Kokain. Daneben werden auch Internet- und Computersucht therapiert. „Teen Spirit Island“ nimmt nach Angaben von von Amalie Schintling-Horny, Vorstandsreferentin der Stiftung Hannoversche Kinderheilanstalt, im Jahr bis zu 60, 70 Patienten auf. Die durchschnittliche Verweildauer beträgt zwischen 5 und 9 Monaten. Daneben gibt es jeden Donnerstag eine Offene Suchtsprechstunde für substanzabhängige und medienabhängige Jugendliche (Anmeldung zwischen 14 und 15 Uhr). Unter der Telefonnummer (0511) 8115-5541 könne man einen Termin ausmachen, man könne aber auch „einfach so“ jeden Donnerstag bis 14.30 zur Beratung kommen, so Schintling-Horny.

Welche Drogen wirken wie?

Cannabis ist der lateinische Name für Hanf. In der indischen Hanfpflanze sind der Wirkstoff THC (Delta-1-Tetrahydrocannabinol) sowie andere Cannabinoide enthalten. Cannabis ist in Deutschland eine illegale Droge. Die Wirkung von THC ist stimmungsabhängig: Das allgemeine Wohlbefinden kann sich durch THC zur Heiterkeit steigern, Niedergeschlagenheit kann möglicherweise aber auch verstärkt werden. Außerdem fühlen sich Konsumenten oft entspannt und ausgeglichen, sind gesprächig und kontaktfreudig.

Gleichzeitig wird das Kurzzeitgedächtnis aber gestört, so dass Konsumenten während des Rausches kein gutes Zeitgefühl mehr haben. Die körperliche Leistungsfähigkeit wird vermindert und die Konzentrationsfähigkeit, zum Beispiel beim Autofahren, herabgesetzt. Nach heutigem Kenntnissstand kann Cannabis seelisch und körperlich abhängig machen. Regelmäßiger Konsum bringt außerdem die Gefahr einer Verschlechterung der Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Lernfähigkeit mit sich.

Amphetamine (Speed/Pep): Amphetamine werden in der Drogenszene meist unter den Namen Speed oder Pep verkauft. Es handelt sich um künstlich hergestellte Substanzen, die stimulierend auf das Zentralnervensystem wirken. Damit ist auch ihre Beliebtheit in der Partyszene zu erklären. Methamphetamine wirken über einen Zeitraum von bis zu 30 Stunden und werden auf dem Schwarzmarkt auch unter den Namen Crystal-Meth, Crystal-Speed oder Ice verkauft. Amphetamine erhöhen die Ausschüttung und verlängern die Wirkungsdauer der Neurotransmitter beziehungsweise Hormone Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin. Der Konsument fühlt sich leistungsfähiger, konzentrierter und wacher. Zugleich führt die Droge zur körperlichen Erschöpfung, was durch die Unterdrückung des Hunger- und Durstgefühls verstärkt wird.

Der Konsum von Amphetaminen kann lebensgefährlich sein. Es kann durch die starke Belastung des Herzens zum Kreislaufkollaps, Herzinfarkt oder Schlaganfall kommen. Außerdem treten Nebenwirkungen wie Herzrasen, Zittern, Muskelkrämpfe, Erhöhung der Körpertemperatur oder Schwitzen auf. Psychosen können ausgelöst werden. Die Gefahr einer psychischen Abhängigkeit ist groß, das Auftreten einer körperlichen Abhängigkeit umstritten.

Heroinwurde 1896 erstmals durch ein chemisches Verfahren aus Morphin gewonnen. Es galt damals als effektives Schmerzmittel. Einige Jahre später wurde erkannt, dass Heroin sehr schnell zur Abhängigkeit führt. Heute gilt Heroin als eine der illegalen Drogen mit sehr hohem Abhängigkeitspotential. Die Droge entfaltet ihre Wirkung im Zentralnervensystem über die so genannten Opiatrezeptoren, an die sich normalerweise die körpereigenen Endorphine binden.

Heroin wirkt in erster Linie schmerzstillend und beeinflusst die Gefühlslage des Konsumenten dahingehend, dass er sich zufrieden und sorglos fühlt. Wird Heroin gespritzt, entfaltet es besonders schnell seine Wirkung. In den ersten Sekunden nach dem Konsum kommt es häufig zu einem so genannten „Flash“ oder „Kick“, der aber nur wenige Sekunden anhält. Da die körperliche und seelische Abhängigkeitsgefahr bei Heroin sehr hoch ist, befinden sich viele Konsumenten relativ schnell in einem Teufelskreis, in dem der Konsum der Droge im Vordergrund steht und gleichzeitig ein Weg gefunden werden muss, Geld für die Droge aufzutreiben.

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Von Jutta Rinas

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