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Hannover HAZ-Redakteure im Gespräch: „Ich habe ja was Ordentliches gelernt“
Nachrichten Hannover HAZ-Redakteure im Gespräch: „Ich habe ja was Ordentliches gelernt“
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16:38 28.09.2019
70. Geburtstag – und 70 Jahre Redaktionserfahrung am Tisch: Michael B. Berger (von links), Volontärin Lisa Neugebauer, Tatjana Riegler und Stefan Arndt. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Michael B. Berger: 70 Jahre HAZ – fast hätte ich das gar nicht aktiv erlebt. Habe ich euch mal erzählt, wie ich beinahe rausgeflogen bin?

Tatjana Riegler: Du? Wieso das, um Himmels Willen?

Michael B. Berger: Das war 1987. Hannover schloss damals eine Städtepartnerschaft mit Leipzig. Das war ein hochpolitischer Vorgang – die Mauer stand noch, es war kalter Krieg, düstere Zeiten. In dieser Situation machte Herbert Schmalstieg so eine Art Nebenaußenpolitik und schloss diese Partnerschaft. Ich habe damals berichtet, direkt aus Leipzig. Ich durfte den Aufmacher schreiben, was eine besondere Ehre war, und in diesem Aufmacher stand das Wort „Leipzig“ sechs- oder siebenmal mit „b“ – Leibzig.

Spezialauftrag in „Leibzig“: Michael B. Berger berichtete 1987 von der Städtepartnerschaft zwischen Sachsen und Niedersachsen. Quelle: Tim Schaarschmidt

Stefan Arndt: Und das gab Ärger.

Michael B. Berger: Jawoll. Ich wurde also in ziemlich ungnädigem Ton in die Chefredaktion gerufen, zu Herrn Dr. Wagner – damals durfte man den Doktor nie weglassen. Und dem musste ich erklären, wie es dazu kam.

Lisa Neugebauer: Das würde mich jetzt auch interessieren.

Michael B. Berger:Folgendes war passiert: Ich hatte den Bericht telefonisch durchgegeben und eine Erfasserin hatte ihn erfasst und in die Zeitung gesetzt.

Lisa Neugebauer: Eine Erfasserin?

Man kann heute praktisch alles googeln – oder in Hannover einfach die Leute fragen, wie Volontärin Lisa Neugebauer bei der Arbeit in der Lokalredaktion erfahren hat. Quelle: Tim Schaarschmidt

Michael B. Berger: Ja. Damals konnte man die Texte ja nicht anders übertragen, also telefonierte man sie durch, und am anderen Ende der Leitung saß jemand und schrieb mit. Beim diesem Telefonat aber hatte ich vergessen, das Wort Leipzig zu buchstabieren, weil ich es als bekannt voraussetzte.

Tatjana Riegler: Und, hat das den Chef überzeugt?

Michael B. Berger: Ja. Ich blieb dann doch in dem Laden.

Von Leibzig bis Oslow

Stefan Arndt: Das erinnert mich daran, wie ich in Berlin in der Osloer Straße gewohnt habe. Ab und zu bin ich auch mal im Ostteil einkaufen gegangen. Und wenn ich dann eine Rechnung bekam, stand da oft „Oslower“ Straße – weil man das eben aus Brandenburg so kannte, wie bei Rathenow. Es gab in dieser Zeit eine ganze Reihe von Missverständnissen zwischen Ost und West, von denen sich viele mittlerweile erledigt haben. Auch das ist ja ein Stück Zeitungsgeschichte – ich glaube nicht, dass man heute noch irgendjemandem erklären muss, wie man Leipzig oder Oslo schreibt.

Lisa Neugebauer: Und wenn man es heute doch nicht weiß, kann man es googeln. Das ging früher nicht.

Michael B. Berger: Das kannst du dir sicher gar nicht mehr vorstellen, oder?

Lisa Neugebauer: Nein. Ich weiß natürlich, dass es so war. Aber heute geht es ja nicht nur ums Googeln. Ich muss ja auch von unterwegs schreiben – ob ich nun auf dem Maschseefest bin oder bei der Pressekonferenz im Rathaus. Das schicke ich weg, und dann erscheint es innerhalb von Minuten online. Was die Informationsbeschaffung angeht: Wenn ich fürs Lokale schreibe, dann brauche ich das Internet meist auch heute nicht. Dann spreche ich mit den Leuten und frage die, was ich wissen muss.

Stefan Arndt: Zum Glück ist es ja immer noch so, dass einem das Internet nicht jede Frage beantworten kann. Da kommt es schon noch darauf an, ob ich die richtige Telefonnummer im Handy oder in meinem Zettelkasten habe – von dem Menschen, der mir meine Fragen beantworten und mir Dinge erklären kann. Aber die einfachen Dinge waren damals vermutlich schwieriger zu recherchieren als heute.

Es ist ein Glück, dass das Internet nicht jede Frage beantworten kann: Stefan Arndt hat bei der HAZ die Kultur im Fokus, besonders die Klassik – mit dem Kennerblick eines studierten Posaunisten. Quelle: Tim Schaarschmidt

Michael B. Berger: Klar. Damals saßen die Redakteure ganz viel im Archiv, um Hintergründe nachzuschlagen. Und sie mussten ganz viel im Kopf haben, weil sie nicht mal schnell im Internet nachgucken konnten. Und sie mussten, weil die Technik langsam war, ganz besonders schnell sein – denn sonst hätte man sonst oft den Andruck nicht geschafft. Das kommt hier heute noch zugute.

Die alten Zeiten waren mitunter hektischer

Stefan Arndt: Das heißt, es war hektischer als heute – wo man immer denkt, die Zeiten würden immer schneller?

Michael B. Berger: Ja, mitunter schon. Denn die Technik war eben kompliziert. Wenn man zum Beispiel aus dem hannoverschen Rat berichtete, hat man zuerst die Texte auf Schreibmaschine getippt. Dann wurden sie in die Redaktion gefaxt, dann dort erfasst. Du kannst heute, so merkwürdig das klingt, manchmal langsamer und gründlicher arbeiten als damals. Du kennst das auch noch aus dem Sport, Tatjana.

Tatjana Riegler: Klar. Aber da ist es immer hektisch gewesen, und so ist es heute noch. Länderspiele, Champions League – da musstest du schon immer mit dem Schlusspfiff deinen Text fertig haben. Insofern hat sich da nichts geändert.

Länderspiele, Champions League: „Da musst du mit dem Schlusspfiff deinen Text fertig haben“, sagt Tatjana Riegler, viele Jahre Sportreporterin der HAZ. Quelle: Tim Schaarschmidt

Michael B. Berger: Was man schon sagen muss: Zeitungsredaktionen waren früher Horte der Kontemplation. Ich bin damals zur Zeitung statt zum Radio gegangen, weil ich einfach mehr Zeit zum Nachdenken und Reflektieren haben wollte. Heute muss ich natürlich für das Netz oftmals gleich berichten, da geht es dann erst einmal um die reine Nachricht.

Lisa Neugebauer: Wie war es denn mit der Atmosphäre in der Redaktion – war die auch anders?

Michael B. Berger: Ja, das hat sich schon sehr von heute unterschieden, schon rein optisch. In der Politikredaktion saßen Herren mit Schlips und Kragen und ließen sich mit Herr Dr. Soundso ansprechen. Die Chefredaktion war ein würdiger Ort, eine Kathedrale der deutschen Rechtschreibung. Es wurde auch noch geraucht in der Redaktion – das waren doch ganz andere Zeiten als heute, wo doch alles sehr rational und pragmatisch zugeht.

Tatjana Riegler: Ich bin damals auch noch zur Zeitung gegangen, um mit mehr Zeit und Ruhe berichten zu können. Was mich interessieren würde, Lisa: Was hat dich jetzt bewegt, ausgerechnet zur Tageszeitung zu gehen – bei all den verschiedenen Möglichkeiten, die die Medienbranche so bietet?

Ein Kopf, zwei Augen, ein Stift

Lisa Neugebauer: Erstmal finde ich es tatsächlich schön, ein Produkt in der Hand zu haben. Aber ich glaube, ich hätte es nicht gemacht, wenn es die neuen digitalen Möglichkeiten nicht gäbe. Dadurch, dass man auf Social-Media-Kanälen unterwegs ist, dadurch, dass man für HAZ.de auch mal ein Video drehen oder etwas Neues ausprobieren kann wird die Sache abwechslungsreicher – und hat auch eine Zukunft. Die Mischung macht es eben.

Michael B. Berger: Im Grunde brauchst du nur einen Kopf, zwei Augen und einen Stift. Du bist ja als Zeitungsredakteur immer noch unmittelbarer dabei. Ich erinnere mich daran, wie ich mich beim Spielbankskandal mal auf einer Versammlung von Croupiers eingeschlichen und dabei allerlei erfahren habe. Dann tauchte ein Fernsehteam auf, und sofort war die Situation eine ganz andere: Die Leute veränderten ihr Gehabe, redeten anders – den Effekt hast du als Zeitungsredakteur nicht.

Lisa Neugebauer: Stefan, du bist von uns ja sozusagen am zweitkürzesten dabei. Wieso bist du vor 14 Jahren zur HAZ gegangen?

Stefan Arndt: In meinem Fall war der Übergang tatsächlich besonders, weil ich sozusagen die Seiten gewechselt habe. Ich beschäftige mich ja hier viel mit Musik. Früher habe ich sie gemacht, jetzt beschreibe ich sie. Es hat eine Weile gedauert, zu bemerken, dass das eigentlich das Gleiche ist.

Lisa Neugebauer: Was heißt, du hast sie gemacht?

Stefan Arndt: Ich bin ausgebildeter Orchestermusiker und habe auch im Orchester gespielt.

Michael B. Berger: Was für ein Instrument?

Stefan Arndt: Posaune. Na ja, und jetzt beschäftige ich mich eben damit, wie andere Leute im Orchester spielen. Das ist manchmal sonderbar, aber je länger ich das mache, desto natürlicher kommt es mir vor. Und es macht mir tatsächlich mehr Spaß, mir Dinge anzuhören und darüber nachzudenken als sie selbst zu erzeugen.

Tatjana Riegler: Und hat sich das für dich eingelöst?

Stefan Arndt: Ja. Ich habe das Medium Zeitung mit der Zeit sogar immer mehr schätzen gelernt. Ich bin da damals mehr oder weniger zufällig reingerutscht und bin von Jahr zu Jahr froher, dass ich das machen kann, weil es eben eine so schöne Aufgabe ist. Es ist ein großes Privileg des Journalisten, dass er sich aussuchen kann, worüber er berichten will – in der Hoffnung, dass er damit Interesse im größeren Rahmen weckt. Das gilt immer noch, obwohl die Zeiten für die Zeitung ja nicht so einfach sind. Daher ist es für mich so schön zu hören, dass Lisa sagt, dass sie bewusst zur Zeitung gegangen ist, um die neuen, digitalen Möglichkeiten auszuschöpfen.

Das große Thema: Freiheit

Tatjana Riegler: Und man merkt heute, warum sich Kollegen früher damit schwer getan haben, sich auf neue Technologien einzustellen – also etwa, Seiten nicht mehr mit Block und Stift zu entwerfen, sondern mit dem Computer. Heute sind wir diejenigen, die sich auf Neues einstellen müssen, beispielsweise aufs Drehen von Videos. Das macht Spaß – aber es macht natürlich auch Mühe.

Michael B. Berger: Ich finde es gut, Stefan, dass du das Thema Freiheit ansprichst. Die war für mich der Hauptgrund, zur Zeitung zu gehen. Ich habe ja, ebenso wie du, was Ordentliches gelernt, ich bin ausgebildeter Pastor. Aber die Freiheit, deretwegen ich damals Journalist geworden bin, ist heute bei allen Redaktionszwängen noch da. Das macht den Beruf so reizvoll. Man hat seinen eigenen Kopf, man ist niemandes Büttel und kann den Mächtigen auch mal in die Suppe spucken. Wer kann das schon?

Lisa Neugebauer: Deswegen mache ich so gern Lokaljournalismus. Es ist eben immer spannend, und ich profitiere so sehr davon. Am einen Tag bin ich im Landtag und spreche mit Abgeordneten, am anderen Tag unterhalte ich mich mit dem Obdachlosen unter der Brücke. Man lernt einfach immer etwas dazu. Das gibt es in keinem anderen Job. Ihr alle werdet in eurer Karriere bestimmt schon sehr besondere Momente erlebt haben.

Tatjana Riegler: Klar. In meiner Zeit als Sportredakteurin war das zum Beispiel die WM 2006 im eigenen Land. Natürlich sind wir das alle sehr professionell angegangen und haben Tag und Nacht gearbeitet – aber wir waren auch alle Fans und wollten dieses tolle Fest einfach gut darstellen. Das war einfach eine fantastische Atmosphäre damals – in ganz Deutschland und eben auch in Hannover. Wie Schweizer und Südkoreaner vor ihrem Spiel gemeinsam in der Innenstadt gefeiert haben war einmalig. Man muss schon sagen: Viel besser wird es als Sportreporterin nicht mehr. Dann war ich immer gern auf der Vierschanzentournee, und ich war auch dabei, als Sven Hannawald 2002 als erster Springer alle vier Springen gewonnen hat. Das war ein historisches Ereignis, und so hat es sich damals auch angefühlt. Da mit dabei zu sein war schon auch toll. Und ich war immer ein großer Handballfan. Die meisten Sportreporter wollen ja am liebsten über Fußball berichten, aber für mich waren die großen Ereignisse beim Wintersport, bei der Leichtathletik oder eben beim Handball mindestens genauso schön. Und ich fand es umso wichtiger, dass man über diese Sportarten auch mal groß berichtet.

Stefan Arndt: Gab es auch eine besondere Begegnung oder so etwas?

Tatjana Riegler: Ja, eine, die ich nicht vergessen werde: Ich habe mich mal mit Joe Deckarm getroffen. Für die Jüngeren unter uns: Das war einer der weltbesten Handballer der Siebzigerjahre. 1979 ist er bei einem Spiel in Ungarn mit dem Kopf auf den Betonboden geschlagen und hat seitdem schwere Hirnschäden. Er hat sich sehr ins Leben zurückgekämpft, aber man merkt es ihm natürlich noch an. Ich habe ihn viele Jahre später beim Pokal-Finalturnier in Hamburg getroffen, und es war ein so beeindruckendes Gespräch, dass es mich sehr bewegt hat. Vor allem wegen der kleinen Dinge, die man in der Zeitung besonders gut rüberbringen kann. Wenn er sich zum Beispiel die Tasse nur halb einschenkt, weil er zu sehr zittert. Und sein Humor. Und dann kam leider Reinhold Beckmann mit der Fernsehkamera – und das Gespräch nahm, wie Michael das vorhin beschrieben hat, eine komplett andere Wendung. Alles war plötzlich so aufgeregt und aufgesetzt – das fand ich schade.

Schreiben im Fluss

Stefan Arndt: Mir geht das in der Musikberichterstattung oft ähnlich, dass ich Menschen treffe, die ich sehr bewundere. Aber das stelle ich mir im Politikbereich etwas anders vor, oder Michael? Wie ist es denn so, den Ministerpräsidenten zu treffen?

Michael B. Berger: Ach, es ist ganz nett. Aber es hängt vielleicht auch mit dem zunehmenden Alter zusammen, dass man das mit der Zeit gelassener sieht. Ich habe natürlich in Hannover eine ganze Reihe interessanter Menschen verfolgen können – Gerhard Schröder, Sigmar Gabriel, Christian Wulff. Aber mit der Zeit relativiert sich alles. Die große Aura des Politischen ist so ein bisschen vorbei.

Lisa Neugebauer: Für mich im Volontariat war es sehr spannend, Michael und die anderen Landespolitik-Kollegen zu beobachten. Man hat eine Frage, und irgendeiner von denen kommt mit der Handynummer von jemandem, der sie beantworten kann. Oder zu erleben, dass wie Michael bei einem Termin im Landtag einen Text schreibt, während da vorne noch jemand spricht. Ich muss erstmal in Ruhe zuhören, mir dann Gedanken machen – und dann schreibe ich einen Text. Bei Michael ist das alles ein Fluss. Das fand ich schon sehr beeindruckend.

Stefan Arndt:Was ich an der Zeitung ja mag, ist, dass sie immer mal wieder einen Moment der Überraschung bietet. Etwas Abseitiges. Ich habe mal in einer Zeitung eine ganze Seite über den Wels gelesen. Das war eine der besten Geschichten, die ich je gelesen habe. Dabei ging es einfach um einen Fisch. Und der hatte keine Probleme, der stirbt nicht aus, nichts. Es war einfach eine tolle Geschichte, und ich habe etwas gelernt, obwohl ich das gar nicht wollte. Diesen Gemischtwarencharakter finde ich toll – und ich hoffe, dass der im digitalen Zeitalter erhalten bleibt, obwohl vielleicht niemand den Wels bei Google sucht. Wenn alle nur noch das lesen, was sie ohnehin interessiert, könnte es langweilig werden.

Lisa Neugebauer: Ich habe eben bei der Zeitung das Gefühl, mir legt jemand eine Auswahl vor, die für wichtig und interessant erachtet wird. Das geht im Netz sicher auch – aber nicht immer wird das beherzigt.

Michael B. Berger: Die Zeitung ist eben ein Statement: Das ist heute wichtig!

Von Felix Harbart

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