Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Hannovers ältestes Bauernhaus verfällt
Nachrichten Hannover Hannovers ältestes Bauernhaus verfällt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 31.05.2019
Das alte Bauernhaus an der Pinkenburger Straße 11 verschwindet hinter Efeu und anderem Grünzeug. Quelle: Samantha Franson
Anzeige
Hannover, Hannover

Der Vorgarten ist verwildert, es liegen Rattenköder aus. Das alte Bauernhaus verschwindet hinter Efeu, Bäumen und Hecken. Im völlig verrotteten Briefkasten liegen neben Spinnweben alte Werbebroschüren. Auf einem verwitterten Schild stehen die Namen Köritz, Selig und Klinge. Dass hier in dem Anbau des 1619 errichteten Köritz-Hofes bis 2013 noch jemand gewohnt haben soll, ist schwer vorstellbar. Ein Blick durch die halb vernagelten alten Fenster erzählt aber noch von der letzten Bewohnerin: Schrankwand und Sessel sind an ihrem Platz, auf einem alten Fernsehgerät stehen eine halbe Flasche Kirschwasser und eine Sprühsahne, in den Fenstern traurige Plastikgeranien.

Baudenkmal wird vernachlässigt

Mit viel Wohlwollen könnte das Areal an der Pinkenburger Straße in Groß-Buchholz als verwunschen oder immerhin noch gruselig bezeichnet werden. Aber eigentlich ist es eine Katastrophe. Das älteste Fachwerkhaus der Stadt verkommt seit mehr als drei Jahrzehnten inmitten des hübsch aufpolierten Ortskerns. Und keiner kümmert sich, wie es scheint. Friedrich-Wilhelm Busse, Gründer des Pinkenburger Kreises und Buchholzer Lokalpatriot, kämpft seit mehr als drei Jahrzehnten für den Erhalt der stattlichen Hofstätte. „Der Eigentümer vernachlässigt das Baudenkmal ganz offensichtlich.“ Für Busse ist eine Rettung nur noch möglich, wenn alle zuständigen Behörden zusammenarbeiten. „Das Land als Obere Denkmalschutzbehörde trägt hier Verantwortung, aber auch die Kommune ist gefragt.“

Der Einsatz der Stadt ist bislang begrenzt. „Anwohner beschweren sich über unsichere Zäune, Abfall, Ratten oder ungeschnittene Hecken“, sagt Bezirksbürgermeister Henning Hofmann (SPD). Wir geben das weiter an die Stadt, diese kontaktiert den Eigentümer, und der veranlasst das Allernötigste. Das war’s.“ Eigentümer ist eine Erbengemeinschaft, die – wie so oft – nicht die gleichen Ziele verfolgt. Dieter Köritz gehört dazu, ein hochbetagter Bauingenieur, der im Hessischen lebt. Busse hatte wiederholt freundlichen Kontakt zu dem alten Herrn. „Er sagt, er hänge an dem Familienanwesen und möchte daher nicht verkaufen.“ Interessenten hat es schon jede Menge gegeben, schließlich ist die Lage attraktiv, und mit viel Fantasie kann man sich auf dem Grundstück mit dem vergammelten Wohnwagen vor der Hoftür wieder ein stattliches Bauernhaus vorstellen.

„Für den Erhalt von Baudenkmalen sind Eigentümer zuständig und gesetzlich verpflichtet“, betont Stadtsprecherin Michaela Steigerwald. Die Denkmalschutzbehörde ordne die notwendigen Maßnahmen an und setze gegebenenfalls auch Zwangsmittel ein. „Ein Schadensgutachten hat keine Gefährdung der Standsicherheit des Köritz-Hofes ergeben. Durchaus aber Handlungsbedarf“, betont die Sprecherin. Die Stadt verfolge daher sowohl die Durchsetzung von Sicherheitsmaßnahmen als auch eine denkmalgerechte Nutzung und Sanierung des Objekts – sobald die entsprechenden Voraussetzungen seitens der Eigentümer erfüllt seien.

Lose Dachziegel und ein Rattenproblem

Warum Köritz nicht sanieren will, ist schleierhaft. Es gibt noch eine Nichte, die den Willen des Onkels respektiert, andere Familienmitglieder wären zum Verkauf bereit. Da das Hin und Her aber bereits seit Jahren währt, glauben vor allem die Anwohner in Groß-Buchholz längst nicht mehr an eine schnelle Lösung. Rund um die verwahrloste Hofstelle stehen schmucke Bauernhäuser, ebenfalls Hunderte Jahr alt, alle liebevoll restauriert. Der Schandfleck ist Sicherheitsrisiko und Dorn im Auge gleichermaßen. „Die Dachziegel sind lose, die Zäune notdürftig zusammengehalten, Ratten laufen über das Grundstück“, klagt ein älteres Ehepaar aus der Nachbarschaft. Hin und wieder würde die Hecke zurückgeschnitten, „auf die Brut- und Setzzeit muss hier aber offenbar niemand achten.“ Viele sind froh, wenn überhaupt etwas passiert, das den drohenden Totalschaden zumindest ansatzweise aufhält. Ein Anlieger, Stadtbaurat in einer Nachbargemeinde, beklagt Stillstand und Desinteresse sowie den traurigen Anblick.

Das Landesamt für Denkmalpflege bekräftigt, seit Jahren um einen Konsens mit den Eigentümern bemüht zu sein. Die Rechtslage sei komplex, die Möglichkeiten bei Privateigentum zudem begrenzt – solange ein Gebäude kein akutes Sicherheitsrisiko darstellt. „Die genannten Bauernhöfe befinden sich im Besitz einer Erbengemeinschaft, deren Interessenlage heterogen ist“, erläutert Sprecher Tobias Wulf. Sowohl die Landes- als auch die kommunale Denkmalpflege setzten sich mit jeweils ihren Möglichkeiten seit Jahren für die Erhaltung und eine sinnvolle Nutzung des Köritz-Hofes in Hannover ein – „mit dem Ergebnis, dass ein Teil der Erbengemeinschaft mittlerweile zum Verkauf des Objekts bereit ist“.

Einigung nur im Miteinander

Dass der Zustand der Hofstelle in hohem Maße unbefriedigend ist, sieht auch die Landesbehörde. „Grundsätzlich kann unser Einsatz aber nur gemeinsam mit gegenwärtigen oder zukünftigen Eigentümern gelingen“, betont Wulf. Schuldzuweisungen für einen zweifellos unbefriedigenden Zustand seien kein Mittel, tragbare Erhaltungslösungen zu erreichen. „Nach allen Erfahrungen in der Denkmalpflege lassen sich wirkliche Erfolge nicht im Gegeneinander, sondern nur im Miteinander erreichen.“

Da es mit dem Miteinander seit drei Jahrzehnten ganz offensichtlich nicht so recht klappen will, steht es schlecht um den historischen Hof. „Der Standpunkt des alten Eigentümers ist rational nicht nachvollziehbar“, meint Busse. Hier gehe es nicht um Geld, sondern um die Rechtslage. „Wir haben in Groß-Buchholz die Sorge, dass das Haus nicht mehr lange steht.“ Ein dem Eigentümer auferlegtes Gutachten vor rund drei Jahren habe zwar ergeben, dass das Haus im Bestand nicht gefährdet sei. „Ein paar dringliche Erhaltungsmaßnahmen wurden durchgeführt. Aber es fehlen Fenster, das Dach ist undicht, und Teile der Wände sind so beschädigt, dass man ins Innere schauen kann“, so Heimatforscher Busse.

Viel Zeit für Verhandlungen dürfte es daher nicht mehr geben. Der Bezirksrat Buchholz-Kleefeld verfolgt das Thema seit Monaten mit Nachdruck. „Wir haben Vertreter des Landesamtes für Denkmalschutz in unsere Sitzung eingeladen. Keiner ist gekommen“, sagt Bezirksbürgermeister Henning Hofmann. Die Präsidentin habe sich zwar schriftlich für das „Interesse an für Hannover wichtigen Kulturdenkmalen“ bedankt, weiter passiert sei nichts. „Ich finde, das ist ein schnoddriges Verhalten“, sagt Hofmann. Kein Wunder, dass die Bürger vor allem den Denkmalschutz für das Versagen rund um den Verfall des Köritz-Hofes verantwortlich machen. Hofmann befürchtet, dass Dach und Schornstein einstürzen könnten. „Die Verkehrssicherheit muss hier dringend überprüft werden.“ Gefahr im Verzug als Druckmittel für Verkauf oder Restaurierung – das sei vielleicht ein Ansatz.

Nachgefragt

Sid Auffarth ist Bauhistoriker und verfolgt den Verfall des Baudenkmals Köritz-Hof mit großer Sorge.

Herr Auffarth, wie kann das historische Ensemble gerettet werden?

Seit mehr als 30 Jahren ist dort nichts mehr passiert, nur hin und wieder wurde etwas ausgebessert. Die Verwahrlosung nimmt überhand. Nicht nur das Erscheinungsbild ist gefährdet, auch die Sicherheit. Wenn sich der Besitzer nicht kümmert, muss er enteignet werden.

Wer ist außer dem Eigentümer Ihrer Ansicht nach in der Pflicht?

Die Kommune muss handeln. Das Ensemble muss vom Eigentümer verkauft werden, mit Auflagen auch unter Zwang.

Wer stellt die Mittel für eine Sanierung zur Verfügung?

Meines Erachtens ist das hier kein finanzielles, sondern ein rechtliches Problem. Geld ist genug da, ich bin sicher, auch die Stiftung Denkmalschutz würde das Projekt unterstützen. Die Stadt muss Verantwortung übernehmen und handeln. Dafür braucht sie auch keine Zustimmung des Landes. Aber die breite Diskussion über den Köritz-Hof trägt hoffentlich dazu bei, dass Bewegung in die Sache kommt.

Eigentümer hat Erhaltungspflicht

Der Köritz-Hof ist eine mehrteilige frühere Hofstelle, Kern ist ein im Jahr 1619 als Wohnwirtschaftsgebäude errichtetes Hallenhaus, das als das älteste datierte Bauernhaus in Hannover gilt. Zum Gebäudebestand des Köritz-Hofes gehört neben dem allein stehenden Hallenhaus ein Atelierhaus in Fachwerkbauweise mit einem verputzten Anbau. Die beiden Nebengebäude stammen vermutlich aus dem 19. Jahrhundert. Das Ensemble steht unter Denkmalschutz. Die Denkmalpflege fordert von den Eigentümern, einer Erbengemeinschaft mit einem Nachfahren des Erbauers, dass sie der Erhaltungspflicht für das Baudenkmal nachkommen. Die Eigentümer äußerten dazu, dass nach dem Denkmalschutzgesetz die wirtschaftliche Zumutbarkeit nicht gegeben sei und sie keine finanzielle Unterstützung erhielten. Gleichwohl wollen sie die Hofstelle in Familienbesitz behalten. Es entstand ein Verwaltungsgerichtsstreit, in dem die Eigentümer 2017 vom Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht wegen der Verweigerung eines Schadensgutachtens zur Zahlung eines Zwangsgeldes verurteilt wurden.

Das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz richtet sich vor allem an die Eigentümer. Diese sind verpflichtet, ihr Kulturdenkmal zu erhalten und pfleglich zu behandeln. Allerdings gibt es Grenzen dieser Erhaltungspflicht: Sie muss wirtschaftlich zumutbar sein. Übersteigt der denkmalpflegerische Mehraufwand – also der Aufwand, ein Denkmal zu er- oder unterhalten – die zumutbaren Möglichkeiten des Eigentümers, kann das mit Zuwendungen aus öffentlichen oder privaten Mitteln ausgeglichen werden. Ist auch das nicht möglich, reagiert der Staat auf zweierlei Weise: Er erlaubt dem Eigentümer, das Denkmal aufzugeben, oder enteignet das Denkmal gegen eine angemessene Entschädigung in Geld.

Von Susanna Bauch

Zwei Männer haben Ende März einen 30-Jährigen am Vahrenwalder Platz in Hannover überfallen. Die Räuber bedrohten ihr Opfer mit einer Schusswaffe und einem Messer. Sie ließen nur deshalb von ihm ab, weil der Mann keine Wertsachen bei sich hatte. Die Polizei sucht mit Phantombildern nach ihnen.

28.05.2019

Ein Mann ist am Dienstag in Hannover von einer Stadtbahn schwer verletzt worden. Laut Polizei erfasste der Zug den Fußgänger, als er in die Haltestelle Kerstingstraße einfuhr. Die Üstra richtete für knapp eineinhalb Stunden einen Schienenersatzverkehr ein.

28.05.2019

Kaulitz, Kreischalarm, Campen vor der Konzerthalle: Als Tokio Hotel im Mai 2007 in die Tui-Arena kam, erlebte Hannover eine bizarre Teenie-Hysterie. Das Konzert war dann viel normaler als das Drumherum. Und gut. Noch mal im Schnelldurchlauf: Die Bilder ...

31.05.2019