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Hannover Wo Zeit Geld ist: Ein Tag in der ambulanten Pflege
Nachrichten Hannover Wo Zeit Geld ist: Ein Tag in der ambulanten Pflege
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00:15 27.03.2019
Diakovere: Unterwegs mit Jessica Volker in der ambulanten Pflege. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Ihren Arbeitstag könnte Jessica Volker in Haustüren einteilen. Die Pflegefachkraft fährt von einem Haus zum nächsten, von einem Stadtteil in den anderen, um Patienten daheim zu versorgen. Seit elf Jahren arbeitet sie bei Diakovere in der ambulanten Pflege. „Der Umgang mit Menschen macht Spaß, und alles Medizinische interessiert mich“, sagt die 31-Jährige, während sie ihren kleinen VW up in der Südstadt parkt. Vor einer Garageneinfahrt.

Hinter der ersten Haustür des Tages steht das an, was im Jargon der Gesundheitsbranche „grundpflegerische Versorgung“ heißt. Zügig erklimmt Jessica Volker die Stufen, es ist genau 9.19 Uhr. Noch auf der Treppe drückt sie auf ihr Handy. Die Mobile Datenerfassung (MDA) ist die Stechuhr, die sie vor und nach jedem Besuch betätigt. Die MDA zeichnet ihre Zeiten auf, erfasst ihre Fahrten und ihre Tätigkeiten minutiös. Die MDA gibt ihr den Arbeitstakt vor, und wenn sie zu lange braucht, kann es schon mal eine kritische Rückfrage ihrer Pflegedienstleistung geben.

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Als die Tür sich öffnet, prallen zwei Geschwindigkeiten aufeinander. Schwester Jessica hat es eilig, das gehört zu ihrem Beruf. Die freundlichen älteren Herrschaften, die hier wohnen, haben Zeit, das Leben läuft langsamer im Alter. Elegische Klaviermusik perlt aus einem Lautsprecher. Die Pflegerin lässt alle Hektik an der Türschwelle zurück. Geduldig und mit routinierten Griffen hebt sie die 82-jährige Dame aus dem Bett in den Rollstuhl.

Zeit ist Geld in der Branche

„Für Gespräche bleibt oft wenig Zeit“, sagt Schwester Jessica, „dabei bin ich für viele Patienten der einzige Mensch, den sie an diesem Tag sehen.“ Sie kann Geschichten erzählen wie die von der Frau, die dafür bezahlen wollte, dass die Pflegekräfte mit ihr frühstücken. Geschichten von Einsamkeit und von Eile.

Auf dem Tisch des alten Ehepaars liegt die „Anlage zum Pflegevertrag“, eine Art Stundenplan, der für jeden Wochentag akribisch festlegt, ob gerade Lippenpflege oder „Spezielles Lagern II“ ansteht. Für „Umfangreiche Hilfe bei Ausscheidungen“ bekommt Diakovere von der Pflegekasse 9,88 Euro, an 31 Kalendertagen im Monat März. In wenigen Branchen treffen menschliche Dramen und bürokratische Penibilität so unvermittelt aufeinander wie in der ambulanten Pflege. Und in wenigen Branchen tritt ein betriebswirtschaftlicher Grundsatz so klar zutage: Zeit ist Geld.

„Die Pflegezeiten sind schon sehr kurz gefasst“, sagt der Mann der pflegebedürftigen Frau, während Schwester Jessica noch Pflaster wechselt und Häkchen in der Pflegemappe macht. Dann geht es weiter. Sie drückt aufs Handy, es ist 9.54 Uhr. Sie liegt gut in der Zeit.

Zweite Haustür. Herr K. ist Krebspatient, er wird über einen Port mit Flüssignahrung versorgt. Auf einem Tisch in seiner Wohnung stapelt sich ein Berg Medikamente, wie bei vielen von Jessica Volkers Patienten. „Das ist unsere Apotheke“, sagt der 67-Jährige schmunzelnd. Die Schwester spült den Port mit einer Spritze durch. „So etwas könnten wir Laien nicht selbst machen, da braucht man medizintechnische Kenntnisse“, sagt Herr K. „Die Pflegekräfte werden oft viel zu schlecht bezahlt für das, was sie leisten – es ist unverschämt, wie knauserig die Kassen sind.“

„Wir müssen noch Geld mitbringen“

Viele Patienten treibt dieses Thema derzeit um. Arbeiterwohlfahrt und Diakonie haben jüngst mit dem Ausstieg aus dem System häuslicher Pflege gedroht. „Wir wollen mit ambulanter Pflege nicht reich werden, aber unsere Kosten müssen von Pflege- und Krankenversicherungen schon finanziert werden“, sagt Anke Reichwald, Geschäftsführerin bei Diakovere. „Derzeit gibt es Fälle, in denen wir für die Behandlung von Patienten noch Geld mitbringen müssen.“

Diakovere betreut einen besonders großen Anteil von Schwerkranken, die Patienten wechseln häufig – dies erhöhe den Aufwand, sagt Anke Reichwald. Vor allem aber müssten die Kassen endlich berücksichtigen, dass ihr Unternehmen Tariflöhne zahlt. Und Sie müssten die Fahrzeiten zu den Patienten angemessen vergüten.

Die Fahrt zur dritten Haustür kostet Jessica Volkers rund neun Minuten. Die Kasse bezahlt dafür 3,69 Euro. Die Arbeitszeit von Jessica Volker veranschlagt Diakovere mit etwa einem Euro pro Minute. Ein Verlustgeschäft. Von unterwegs ruft sie bei ihrem Patienten an: „Ich bin schon auf dem Weg“, sagt sie. Diesmal hat sie Glück; direkt vor der Tür ist ein Parkplatz frei. Hans-Jürgen Demandt hat eine Wunde, die schlecht verheilt. Der 76-Jährige liegt im Bett, während Schwester Jessica die Stelle reinigt und mit einer Pinzette die Wundauflage erneuert. Nebenbei plaudert sie mit ihm über eine geplante Kur, dann folgt der obligatorische Eintrag im Pflegeplan. Besuchsdauer: 10.23 Uhr bis 10.34, genau elf Minuten. Weiter geht’s.

„Wenn wir uns um ärztliche Verordnungen kümmern oder Verbandsmaterial besorgen müssen, kostet das auch Zeit, doch dafür bezahlen die Kassen nicht“, sagt die Pflegerin, während sie Richtung Nordstadt fährt. In anderen Bundesländern würden die Pflegedienste deutlich mehr Geld bekommen als in Niedersachsen, moniert Jessica Volker. Sie hofft, dass die Kassen in dem Streit bald einlenken – und dass sie selbst bei Diakovere bleiben kann: „Wir stehen zwar oft unter Stress“, sagt sie, „aber ich werde hier nach Tarif bezahlt, wir haben Fortbildungsmöglichkeiten, und das Klima ist gut.“ Dann klingelt sie bei Herrn T.

Bis zum letzten Tropfen

Herr T. dauert sieben Minuten. Obwohl es etwas braucht, bis der alte Herr die Tür geöffnet hat. Er ist 80 Jahre alt. Bei ihm muss Jessica Volker Blutzucker messen – vergütet von der Krankenkasse mit 2,65 Euro – und eine Insulinspritze setzen (4,36 Euro). Begrüßung, Verabschiedung und Dokumentation sind da schon inklusive. „Manche Arbeiten übernehmen auch Pflegehilfskräfte“, sagt Schwester Jessica, „die sind wirklich Gold wert.“ Pflegehilfskräfte bekommen weniger Geld, sie sind billiger als Fachkräfte. Dafür dürfen sie manche Arbeiten aber nicht machen – etwa die Insulinspritze bei Herrn T. setzen.

Rasch geht die Fahrt weiter. Hinter jeder Haustür wartet ein anderes Schicksal auf Jessica Volkers. Sie arbeitet unter den Bücherwänden bildungsbürgerlicher Wohnzimmern ebenso wie auf dem Linoleum in heruntergekommenen Schlichtwohnungen. Alter und Krankheit treffen alle Menschen gleich, nur dass manche sich bessere Behandlungen leisten können als andere.

Ursula Kaminski hatte einen Schlaganfall, vor fünf Jahren. Seither kommt der Pflegedienst jeden Tag zu der bettlägerigen Frau. „Alleine würde ich es nie schaffen“, sagt ihr Mann. Schwester Jessica wäscht die 79-Jährige, zieht sie an, erneuert ihre Wundpflaster und kämmt ihr die Haare. Grundpflege und Wundversorgung, insgesamt 73 Minuten.

Am Ende gibt sie der alten Dame zu trinken. „Ich bleibe, bis der Becher leer ist“, verspricht sie. Frau Kaminski trinkt tropfenweise. Sie kann nur noch am Becher nippen. Mit langen Pausen. Jessica Volker nimmt sich die Zeit, die Frau Kaminski braucht. Dann verabschiedet sie sich. Im Treppenhaus greift sie zum Handy. Eine Minute Verzug.

Von Simon Benne

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