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Hannover Ausstellung zeigt Cartoons von Manfred Deix
Nachrichten Hannover Ausstellung zeigt Cartoons von Manfred Deix
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14:16 24.11.2019
Finstere Gestalten: Deix’ hatte ein Faible für die Abgründe menschlicher Physiognomie – so auch beim undatierten Porträt dieses Paares. Quelle: Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst
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Hannover

Es ist, als wären alle Abgründe menschlicher Existenz Fleisch geworden. Die Figuren, die aus diesen Bildern schauen, sind allesamt wabbelbäuchig und knollennasig, glubschäugig, wurstfingerig und prallärschig. Der im Jahr 2016 verstorbene Cartoonist Manfred Deix schuf bevorzugt widerwärtige Gestalten, verachtenswert in ihrer selbstgefälligen, kleinbürgerlichen Bigotterie. Ein Bestiarium der Hässlichkeiten.

Wenn Deix’ Figuren Lächeln, entblößen sie nur ihre wild wuchernden Gebisse. Wenn sie zärtlich werden, befummeln sie würdelos ihre adipösen, blassrosafarbenen Körper. Und wenn sie einmal fröhlich sind, diese Vollpfosten in ihren Feinrippunterhemden und Haiwaiihemden und Lederhosen, offenbart sich ihre ganze Dummheit. Fast drängt sich der Verdacht auf, dass Manfred Deix Menschen einfach nicht mochte.

Lauter echte Deixfiguren

„Er mochte Menschen schon, aber in seiner Umgebung hat man auch gefährlich gelebt“, sagt seine Witwe Marietta Deix lächelnd. Sie ist nach Hannover gekommen, weil das Wilhelm-Busch-Museum ihrem Gatten nach 1991 und 2007 zum dritten Mal eine große Sonderausstellung widmet. Zu sehen sind mehr als 200 Werke von Deix, darunter unbekannte Cartoons, aber auch großformatige Aquarelle und Kohlezeichnungen. Deix, der bis zur Selbstvernichtung rauchte und soff, schuf diese in den Jahren vor seinem Tod, als er schon von Krankheit gezeichnet war.

„Junge fröhliche Menschen“: Deix-Karikatur von 1994. Quelle: Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst

Der Begriff „Deixfigur“ schaffte es sogar bis in den Duden, als „ins Lächerliche verzerrte Darstellung eines Menschen“. Im Busch-Museum wimmelt es nur so von Deixfiguren: Da sind Jäger, die sich gegenseitig totschießen, und Bischöfe, die miteinander knutschen („Fideles Treiben im Vatikan“). Und da ist der Lustmolch, der einer Frau in den Ausschnitt blickt: „Respekt, gnä Frau, Ihre Brüste sind vom Feinsten!“ Lauter Bilder, die sich im Kopf festkrallen. „Man vergisst einen Deix nicht“, sagt Museumsdirektorin Gisela Vetter-Liebenow.

Chaotischer Bürgerschreck

Seinen Lieblingsfeind, den Rechtspolitiker Jörg Haider, zeichnete Deix als Kampfhund. Zum Kanzlerwechsel 1998 porträtierte er Helmut Kohl als ausgemergelte Mumie mit bösem Blick und seinen Nachfolger Gerhard Schröder als aufgedunsenen Fettwanst. Auch Angela Merkel macht im Bikini nicht unbedingt Bella figura, wenn Deix sie zeichnet. Ein Selbstporträt zeigt immerhin, dass dieser mit sich selbst auch nicht besser umging als mit dem Rest der Welt.

Böse: Deix-Karikatur „Elvis lebt“. Quelle: Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst

Deix, geboren 1949 im österreichischen St. Pölten, hatte im Wirtshaus seiner Eltern reichlich Gelegenheit, seine Landsleute zu studieren, die dort im Bierdunst schwadronierten. Im zarten Alter von elf Jahren hatte er bereits seine eigene wöchentliche Comic-Strip-Serie, ausgerechnet in der „Niederösterreichischen Kirchenzeitung“. In den Siebzigern avancierte er mit Karikaturen in „Stern“, „Spiegel“ und „Titanic“ dann zu einem der bekanntesten Cartoonisten überhaupt. Und er pflegte sein Image als chaotischer Bürgerschreck, der mit seiner Frau und Dutzenden von Katzen in einem Haus bei Wien lebte, rauchte und trank.

„Eine Jahrhunderterscheinung“

„Er war der unangepassteste, undisziplinierteste Mensch, den ich je getroffen habe“, sagte der Künstlerkollege Gottfried Helnwein, Deix’ Freund seit Jugendtagen, jetzt im Busch-Museum. Deix sei „eine Jahrhunderterscheinung“ gewesen, „ein Genie“ gar, befindet Helnwein: „Für die Erbärmlichkeit menschlicher Existenz hatte er ein scharfes Auge.“ Allerdings seien gerade Menschen, die selbst wie Deixfiguren waren, scharenweise in seine Ausstellungen gepilgert. Weil sie ihre eigene Gewöhnlichkeit durch seine Bilder geadelt sahen. „Er nahm sie ernst und gab ihnen Gelegenheit, über sich selbst zu lachen“, sagt Helnwein. So gesehen lag in Deix’ Gnadenlosigkeit ein aufklärerischer Humanismus.

„Die Periode der Freiheit ist mit seinem Tod zu Ende gegangen“: Gottfried Helnwein, Künstler und Freund von Deix Quelle: Moritz Frankenberg

Heute fehle ein Tabubrecher wie Deix, sagt Helnwein: „Wir sind im Zeitalter der politischen Correctness. Die kurze Periode der Freiheit, die mit den Achtundsechzigern begann, ist mit seinem Tod zu Ende gegangen.“ Satire sei ein Indikator für gesellschaftliche Freiheit, und diese sei bedroht, argwöhnt Helnwein: So gebe es in Israel ein „Apartheidsgesetz“ und einen „rechtsradikalen Ministerpräsidenten“ – doch ein Zeichner sei nach einer Karikatur von Benjamin Netanjahus bei der „Süddeutschen Zeitung“ gefeuert worden. Die Zensur, sagt Helnwein, komme im „Mantel des Gutmenschentums“ um die Ecke. Gern wüsste man, was Deix dazu sagen würde.

„Deix“ ist im „Wilhelm Busch Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst“ im Georgengarten bis zum 22. März zu sehen. Infos gibt es unter (05 11) 16 99 99 11.

Von Simon Benne

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