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Hannover Diskussionsreihe ÜberMorgen: Im Gesundheitssystem läuft nicht alles rund
Nachrichten Hannover Diskussionsreihe ÜberMorgen: Im Gesundheitssystem läuft nicht alles rund
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11:32 20.09.2019
Wie sieht das Gesundheitswesen der Zukunft vor dem Hintergrund der Probleme von heute aus? Moderator Jan Sedelies, Dr. Martin Memming, Sandra Mehmecke, Sinja Münzberg, Gerald Neitzke und Prof. Julian Mall diskutieren auf dem Podium. Quelle: Foto: Katrin Kutter
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Hannover

„Versuchen Sie, ein gutes Leben zu leben, ein gutes Leben für sich.“ Es war dieser vermeintlich so einfach klingende Satz, eine Art Fazit des Chefarztes für Chirurgie, Viszeral- und Gefäßchirurgie im Regionsklinikum Gehrden, Dr. Martin Memming, der am Ende viele Zuhörer ins Nachdenken brachte. Denn die Frage, die er aufwarf, war: Was bedeutet ein gutes Leben für jeden Einzelnen? Welche Gesundheitsvorsorge bringt wen am meisten weiter? Für den einen sei es ein Leben ohne großen Stress, für den anderen sei Arbeit lebenswichtig, sagte Memming. Für manchen sei Sport unabdingbar, um gesund zu bleiben. Wer Sport überhaupt nicht möge, für den sei er wiederum nichts.

Krebsvorsorge ist wichtig

Drei medizinische Untersuchungen allerdings empfahl Memming für die individuelle Gesundheitsvorsorge: Alle drei dienen der Früherkennung von Krebs. Frauen sollten regelmäßig zum Gynäkologen gehen, Männer den PSA-Wert zur Prostatakrebs-Früherkennung messen, jeder solle alle acht Jahre zudem dringend eine Darmspiegelung machen lassen, empfahl Memming.

Umfrage: Die Besucher des Forums „ÜberMorgen“ von HAZ und Sparkasse Hannover im Clinical Research Center haben ganz unterschiedliche Strategien, um gesund zu bleiben.

Wie viel Gesundheit können wir uns übermorgen noch leisten? war ein Abend in der Reihe ÜberMorgen im CRC Clinical Research Center in Hannover überschrieben. Eine Frage, die – so HAZ-Moderator Jan Sedelies – in einer Art Dreiklang beantwortet werden sollte: mit Blick auf die Zukunft der Pflege, mit Blick auf die Infrastruktur in den Krankenhäusern und mit Blick auf Selbstversorgung, Eigenverantwortung, Prävention. Am Ende waren es aber gar nicht so sehr die Fragen der Zukunft, sondern die Probleme der Gegenwart, die die Diskutanten auf dem Podium beschäftigten. Davon gibt es, so ein Ergebnis des Abends, derzeit wahrlich genug.

Notfallambulanzen sind überfüllt

Prof. Dr. Julian Mall, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Adipositaschirurgie im KRH Klinikum Nordstadt, beispielsweise betonte gleich zu Beginn, dass in Deutschland derzeit viele Patienten wegen jedem Schnupfen das Krankenhaus bemühten. In Großbritannien würden mittlerweile in den Notfallambulanzen der Kliniken Schilder aufgestellt: „Überlegen Sie, ob Sie hier wirklich gerettet werden müssen!“ Der inflationäre Besuch von Notfallambulanzen nehme nicht nur denen Zeit, die es wirklich nötig hätten. Er treibe auch die Gesundheitskosten in die Höhe.

Kostenexplosion im Gesundheitswesen

Das ist umso bedenklicher, als diese Kosten Jahr für Jahr steigen. Experten sprechen sogar von einer Kostenexplosion: Die Gesundheitsausgaben in Deutschland beliefen sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2017 auf 375,6 Milliarden Euro oder 4544 Euro je Einwohner. Die hohen Kosten bringen Deutschland im weltweiten Vergleich nicht einmal ganz nach vorne: Einer amerikanischen Studie zufolge landete das deutsche Gesundheitswesen im weltweiten Vergleich auf dem 20. Platz, unter anderem hinter der Schweiz, Griechenland und Slowenien.

Dabei seien die Kliniken seit Jahren unter großem Spardruck, führten die Ärzte Memming und Mall aus. Personalkosten würden reduziert, gleichzeitig stiegen die Anforderungen an die Dokumentation der Behandlung. Ein neues bundesweites Gesetz, das in bestimmten Bereichen der Patientenversorgung Personaluntergrenzen vorsieht, verschärfe die Situation noch. Es sorge dafür, dass auf den Stationen Betten abgebaut würden, weil man die Personalschlüssel nicht einhalten könne. Denn: „Man kann kein Personal einstellen, wenn es keines gibt“, sagte Memming mit Blick auf den eklatanten Mangel in der Pflege.

Großer Frust in der Pflege

Sandra Mehmecke, Präsidentin der Pflegekammer Niedersachsen, hielt dem entgegen, dass Pflegepersonaluntergrenzen unabdingbar seien, um die Pflegekräfte überhaupt noch in ihrem Job zu halten. Einer Erhebung von 2015 zufolge überlegten fast 40 Prozent der Pflegenden, ihre Arbeit zu schmeißen. Frust und Überforderung seien einfach zu groß. Sinja Münzberg bestätigte als gelernte Krankenpflegerin, sie habe in zehn Berufsjahren erlebt, wie sich die Belegschaft auf der Station halbiert habe. Tage, an denen man über Stunden nichts trinke, ja nicht einmal auf die Toilette gehe, seien Alltag in der Pflege. Da gebe es ein massives Defizit. Den Mangel zu verwalten – vor diesem Problem stünden Pflegeheime, Kliniken und Behörden gleichermaßen, sagte die Grünen-Politikerin und Gesundheitswissenschaftlerin, die die Hebammenzentrale in der Region mit aufgebaut hat. Münzberg setzte sich vehement dafür ein, vom jetzigen Preiswettbewerb der Kliniken und Pflegeeinrichtungen zu einem Qualitätswettstreit zu wechseln.

Krankenkasse als Solidarsystem

Aber was macht Qualität im Gesundheitswesen aus? Was ist medizinisch machbar, was ist ethisch und was möglicherweise sogar aus Kostengründen nicht mehr vertretbar? Medizinethiker Gerald Neitzke, Vorsitzender des Klinischen Ethikkomitees der Medizinischen Hochschule Hannover plädierte leidenschaftlich dafür, dass die Krankenkassen trotz allen Kostendrucks ein Solidarsystem blieben. Selbst Abhängigkeiten von Alkohol oder Nikotin seien zum Teil sozial oder sogar genetisch bedingt. „Wir alle haben Gesundheitsschutz verdient“, sagte Neitzke und schlug den Bogen zum Thema. „Solidarität mit den Kranken sollten wir uns auch übermorgen noch leisten.“

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