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Hannover Gericht stellt Verfahren gegen Stadtbahnfahrer ein
Nachrichten Hannover Gericht stellt Verfahren gegen Stadtbahnfahrer ein
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09:33 15.03.2018
Verteidiger Martin Berkemeier (l.) hatte die Einstellung des Verfahrens angeregt.  Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

  Zu einem schweren Unfall war es am 1. Juni 2017 auf der Podbielskistraße gekommen. Eine Stadtbahn der Üstra, von Noltemeyer Richtung Altwarmbüchen unterwegs, prallte seitlich in einen Audi A6, der von der Pasteurallee nach links auf die Podbi abbiegen wollte und auf den Gleisen stand. Ein Rentner-Ehepaar, das in der silbernen Limousine saß, wurde dabei schwer verletzt. Am Montag musste sich der Stadtbahnfahrer, der den Silberpfeil gesteuert hatte, vor dem Amtsgericht wegen fahrlässiger Körperverletzung verantworten.

 Auf Vorschlag von Verteidiger Martin Berkemeier und in Absprache mit der Staatsanwaltschaft stellte Richterin Alena Fischer das Verfahren schließlich unter Verhängung mehrerer Auflagen ein – auch, weil der 45-jährige Angeklagte schon genug gestraft ist. Wie er aussagte, hatte ihn die Üstra nur einen Tag nach dem Unfall suspendiert und zum 30. September gekündigt. Er ist immer noch krankgeschrieben und lebt vom Krankengeld.

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Leidtragende auf beiden Seiten

Auch in anderer Hinsicht gibt es Leidtragende auf beiden Seiten. Den ehemaligen Üstra-Fahrer hat der Unfall nach eigenem Bekunden „enorm mitgenommen“, er befindet sich bis heute in psychologischer Behandlung. Auch die 63-jährige Rentnerin, die auf dem Beifahrersitz des Audi saß und durch den Zusammenprall Prellungen am ganzen Körper erlitt, hat unverändert „jede Nacht Alpträume“. Ihr 74 Jahre alter Ehemann wurde noch heftiger verletzt, er erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, Riss-Quetsch-Wunden und Prellungen. Der Rentner musste aus dem Audi, bei dem offenbar kein einziger Airbag ausgelöst hatte, herausgeschnitten werden und lag zwei Tage auf der Intensivstation der MHH. Inzwischen hat er die Folgeschäden des Unfalls überwunden, kann sich aber in keiner Weise an das Geschehen an jenem Donnerstag um 14.13 Uhr erinnern.

Unstreitig ist, dass der Audi auf die Podbi abbiegen wollte. Unklar bleibt aber auch nach der Gerichtsverhandlung, ob der Fahrer aufgrund eines kleinen Rückstaus der Linksabbieger schon länger auf den Gleisen stand. Der Stadtbahnfahrer sagte aus, zunächst habe das Auto vor dem A6 die Gleise geräumt. Er habe sich mit seinem TW 2000 der Kreuzung mit Tempo 50 genähert, habe geklingelt und sei davon ausgegangen, dass ihn der Audi-Fahrer bemerkt habe und neben den Schienen stehenbleiben würde – doch dann sei dieser überraschenderweise wieder angefahren. Er habe zunächst nur eine Gefahrenbremsung der Stufe 2 eingeleitet, erklärte der 45-Jährige, und erst zwei bis drei Sekunden später mit Maximalkraft gebremst. Die entsprechende Sandspur auf den Schienen war 15,3 Meter lang – ein zu kurzer Bremsweg, um den Aufprall zu verhindern. „Ich bedauere meinen Irrtum zutiefst“, sagte der ehemalige Üstra-Angestellte vor Gericht.

Üstra-Fahrer war erst kurz dabei

Der gelernte Kaufmann, der viele Jahre selbstständig war und später ein Jahrzehnt im Bürobedarfs- und Lederwarengeschäft der Eltern mitgearbeitet hatte, begann erst im Oktober 2016 mit seiner Ausbildung bei der Üstra. Seine erste alleinverantwortliche Fahrt auf einer Stadtbahn absolvierte er im Januar 2017 – viereinhalb Monate vor dem Unglück. Unabhängig von der Kündigung wolle und könne er jetzt aber keine Bahn mehr steuern, erklärte der 45-Jährige. Die Rentner fahren inzwischen wieder Auto, aber „keine langen Strecken mehr“. 

Offensichtlich war, dass das Paar keinen Groll gegen den Stadtbahnfahrer hegt, schließlich hatte es auch keinen Strafantrag gestellt. Der Vorschlag von Richterin Fischer, sich im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs beim Mediationszentrum „Waage“ zu einem Gespräch zusammenzufinden, fiel bei beiden Seiten auf fruchtbaren Boden. Außerdem muss der ehemalige Üstra-Fahrer eine Geldbuße von 600 Euro zahlen – eben an diesen Verein „Waage“. 

Von Michael Zgoll

12.03.2018
12.03.2018