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Hannover Buch erzählt vom letzten Welfenherzog
Nachrichten Hannover Buch erzählt vom letzten Welfenherzog
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00:16 25.04.2019
Die Welfenfamilie auf Schloss Blankenburg 1945: Welf Heinrich, Ernst August, Ernst August sen., Victoria Luise, Georg Wilhelm und Christian (v.l.). Quelle: MatrixMedia
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Hannover

 Nach seinem Tod wurde Ernst August von Hannover öffentlich aufgebahrt; zunächst im Braunschweiger Dom, dann in der Marktkirche. Bei einem mehrtägigen Defilee zogen in Hannover im Februar 1953 mehr als 100 000 Menschen an dem Sarg vorbei, der mit Königsfahne, Husarenmütze und Degen geschmückt war. Insignien einer längst vergangenen Ära. Mit dem Tod des Welfenchefs ging auch ein Stück Geschichte zu Ende.

Der versierte Historiker Peter Steckhan hat in dem kenntnisreich geschriebenen Buch „Herzog und Kaisertochter“ (MatrixMedia, 150 Seiten, 24,90 Euro) jetzt eine gut lesbare Biografie von Ernst August und seiner Frau Victoria Luise (1892-1980) vorgelegt. Der Band ist reich mit Fotos aus dem Familienarchiv der Welfen illustriert; Verleger Heinrich Prinz von Hannover ist selbst ein Enkel des illustren Paares.

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„Liebe auf den ersten Blick“

Dass Ernst August einmal regierender Fürst werden würde, war ihm nicht an der Wiege gesungen worden. Geboren wurde er 1887 im österreichischen Exil; Welfen und Preußen waren seit dem Krieg von 1866 verfeindet. Als dann jedoch bei einem Verkehrsunfall in Brandenburg 1912 Ernst Augusts älterer Bruder, der eigentliche Erbprinz Georg Wilhelm, tödlich verunglückte, kondolierte der Kaiser so rührend, dass der neue Erbprinz zum Dankbesuch nach Potsdam reiste – und Kaisertochter Victoria Luise kennen lernte. „Bei mir war es Liebe auf den ersten Blick“, schrieb diese im Nachhinein. „Ich war Feuer und Flamme.“

Die glanzvolle Hochzeit der beiden besiegelte 1913 die Versöhnung der Adelshäuser – und führte am Vorabend des Ersten Weltkriegs ein letztes Mal Europas Hochadel zusammen. Ernst August wurde (letzter) regierender Herzog von Braunschweig, bereits fünf Jahre darauf fegte die Revolution ihn aus dem Amt. Unter abenteuerlichen Bedingungen floh das Paar nach Österreich – wo die Familie bald in finanziell schwieriges Fahrwasser geriet.

Geschäfte in der NS-Zeit

Ausführlich beschäftigt sich das Buch mit der Beteiligung Ernst Augusts an „arisierten“ österreichischen Firmen in der NS-Zeit. Erst vor wenigen Jahren hat dessen Urenkel, der heutige Erbprinz Ernst August, das Familienarchiv dazu für unabhängige Historiker geöffnet.

Im Widerstand waren die Welfen nicht. Hitler selbst suchte den Kontakt zu Ernst August, weil er sich davon Kontakte zum britischen Königshaus versprach. „Hitler zeigte sich außerordentlich höflich, betont freundlich und sehr korrekt“, schwärmte Victoria Luise noch Jahre später.

Nach dem Krieg prangerte die kommunistische „Österreichische Volksstimme“ die Arisierungsgeschäfte des Welfenchefs detailliert an („Darf der Naziprinz die Beute behalten?“). Wortreich rechtfertige sich Ernst Augusts im Entnazifizierungsverfahren. Langwierige Prozesse mit jüdischen Familien zogen sich bis weit in die Fünfzigerjahre hin; in der Regel endeten sie mit Vergleichen, Restitutionen oder Entschädigungen. In den bürgerlichen Kreisen der Nachkriegszeit schmälerte all das die Beliebtheit des Welfenchefs nicht. Und so huldigte man bei seiner Beisetzung 1953 noch einmal einer vermeintlich glanzvollen Vergangenheit.

Von Simon Benne