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Hannover Ausstellung über Hannovers Katholiken
Nachrichten Hannover Ausstellung über Hannovers Katholiken
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00:33 27.05.2018
Mit Zweirad vom Papstbesuch: Propst Martin Tenge, Charlotte Jarosch von Schweder, die das 300. Jubiläum der Clemenskirche organisiert, und Kulturdezernent Harald Härke in der Ausstellung „Katholisch in Hannover“. Quelle: Foto: Heidrich
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Hannover

Milden Blickes empfängt sie die Besucher. Gütig und auch etwas traurig sieht die Heilige Hedwig aus, die am Eingang der Ausstellung „Katholisch in Hannover“ im Historischen Museum steht. Die lebensgroße Lindenholzfigur zeigt die Schutzpatronin Schlesiens, und in der Nachkriegszeit bot die Skulptur vielen Vertriebenen aus dem Osten ein Stück Heimat in der Fremde.

Über Jahrhunderte waren Katholiken im protestantischen Hannover vor allem Zugezogene. Als vor 300 Jahren die Clemenskirche als erstes katholisches Gotteshaus der Stadt nach der Reformation geweiht wurde, bildeten in erster Linie französische und italienische Höflinge den Kernbestand der Gemeinde. Die Industrialisierung führte im 19. Jahrhundert dann Arbeiter vom Eichsfeld nach Hannover, es folgten katholische Gastarbeiter. „St. Clemens war immer eine Kirche für Migranten“, sagt Hannovers oberster Katholik, Propst Martin Tenge. Aus seinem Munde hört sich das wie ein Bekenntnis zu Internationalität und Weltoffenheit auch für die Zukunft an.

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Der Fußball-Heilige

Mit mehr als 100 teils hochkarätigen Exponaten zeigt die Ausstellung, wie Katholiken in Hannover lebten – und wie sie die Stadt teils bis heute prägen. Reliquiare, Monstranzen und eine unscheinbar aussehende Ablass-Urkunde von 1369 illustrieren die Glaubenspraxis des Mittelalters. Eine Art Neustart nach der Reformation gab es, als sich 1665 um den zum Katholizismus konvertierten Herzog Johann Friedrich eine kleine katholische Gemeinde bildete. In einer Vitrine liegt die Urkunde, mit welcher der evangelische Herzog Ernst August sich dann 1692 verpflichtete, eine katholische Kirche in Hannover zu bauen – gewissermaßen als Gegenleistung für seine Beförderung zum Kurfürsten.

Krippenfiguren und Kruzifixe, Baldachin und Beichtstuhl sind in der Ausstellung zu sehen. Hinter Glas liegen Weihrauchfässer und hölzerne Karfreitagsklappern, deren Klänge in den katholischen Gottesdiensten vor Ostern die Hammerschläge der Kreuzigung Christi andeuten. Da bietet die Schau eine kurzweilige Lektion in Sachen Katholizismus für Anfänger. Dazu kommen kuriose Exponate wie eine Statue des heiligen Luigi – er ist ganz offiziell der Schutzpatron des Fußballs. Daneben liegen die Handschuhe von Robert Enke. Bei der Trauerfeier für den Hannover-96-Torwart fand der katholische Pfarrer Heinrich Plochg 2009 im Stadion bewegende Worte.

Urkunde des Papstes

Neben kostbaren Handschriften aus der Vergangenheit – etwa jener Urkunde, mit der Papst Leo XII. Hannover anno 1815 dem Bistum Hildesheim zuordnete – gibt es auch ziemlich modern anmutende Exponate. Beispielsweise ein Motorrad des Malteserhilfsdienstes, das beim Besuch von Papst Johannes Paul II. 1987 in Augsburg im Sanitätsdienst zum Einsatz kam. Die Schau stellt auch das Leben heutiger Ordensleute vor, ebenso wie Hannovers katholische Schulen und das Engagement der Caritas, die in Pflegediensten oder Kitas rund 650 Mitarbeiter zählt. Die „Schwarzen“, das ist die Quintessenz der Schau, sind eine ziemlich bunte Truppe.

Es ist eine wohlwollende Ausstellung. Der Missbrauchsskandal, der 2010 auch Hannovers Katholiken erschütterte, kommt eher am Rande vor. Bei allem Respekt vor Glaubensfragen kommt die Schau jedoch an den Problemen der Kirche nicht vorbei: Man habe „kritische Fragen keinesfalls gescheut“, sagte Kulturdezernent Harald Härke, selbst einst Messdiener im Hildesheimer Dom, bei der Präsentation der Ausstellung. Durch Zuzüge bleibt die Zahl der Gläubigen in der Kirchenregion mit etwa 151 000 Seelen zwar relativ konstant, doch Zölibat und Priestermangel machen den Katholiken auch in Hannover zu schaffen. Die ehemals 59 Pfarrgemeinden wurden längst zu 23 Großgemeinden fusioniert, im nächsten Schritt werden diese jetzt in acht riesigen Pastoralbereichen zusammengefasst.

In eine Box können Besucher der Ausstellung Zettel mit kritischen Fragen werfen; am 18. September soll es dann eine Podiumsdiskussion dazu geben. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass da einiges zusammenkommen könnte.

Führungen, Vorträge und Debatten

Die Ausstellung „Katholisch in Hannover“ wird am Donnerstag um 18 Uhr von der Integrationsbeauftragten Doris Schröder-Köpf eröffnet. Sie ist im Historischen Museum bis zum 30. September zu sehen. Führungen gibt es unter anderem am 27. Mai und am 10. Juni jeweils um 15 Uhr. Am 17. Juni führen Propst Martin Tenge und Museumsdirektor Thomas Schwarz bei einer Tandemführung durch die Schau.

Die literarische Komponistin Marie Dettmer stellt am 5. Mai und am 15. September jeweils um 14 Uhr in einem Rundgang Texte zum 300-jährigen Bestehen der Clemenskirche vor.

Der Historiker Hans Georg Aschoff eröffnet am 7. Juni, 18 Uhr, eine Vortragsreihe, in der es um Hannovers Katholiken geht. Er spricht über den Politiker Ludwig Windthorst (1812 bis 1891).

In einer Podiumsdiskussion geht es am 18. September, 18 Uhr, um das Thema „Den katholischen Glauben aktiv leben – Herausforderungen und Aufgaben“.

Von Simon Benne

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