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Hannover Als die Trecker nach Hannover kamen
Nachrichten Hannover Als die Trecker nach Hannover kamen
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00:21 28.03.2019
Ende März 1979 zogen die Atomkraftgegner mit Treckern und anderen Fahrzeugen nach Hannover ein. Quelle: Stoletzki, Gerhard, HMH
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Hannover

Die Trecker-Tour zählt zu den wärmenden Mythen der Protestbewegung. Das, was im März 1979 geschah, bildet im Lagerfeuer der Erinnerung bis heute einen besonders heißen Glutkern. Vor genau 40 Jahren formierte sich im niedersächsischen Nirgendwo eine machtvolle Bewegung, die das Land veränderte – und die in die Geschichte eingehen sollte.

Mit Traktoren, Fahrrädern und zu Fuß zogen damals Männer und Frauen in einem langen Marsch aus dem Wendland nach Hannover, um gegen die Pläne für die Nuklearanlage in Gorleben zu protestieren. Unter dem Motto „Albrecht, wir kommen!“ startete der Treck am 25. März in Gedelitz. Immer mehr Sympathisanten schlossen sich unterwegs an, der Treck wuchs permanent. Als die Demonstranten am 31. März von Burgdorf aus triumphal in Hannover einzogen, säumten Tausende die Straßen. Rund 100 000 Menschen kamen zur Großkundgebung auf dem Klagesmarkt – es war die bis dato größte Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik.

Buttons sind museumsreif

Mit Transparenten, Ansteckern und Aufklebern kultivierten die Protestler seinerzeit eine eigene, alternative Bildsprache. Inzwischen sind die Relikte von damals zu Museumsstücken gereift: Im Historischen Museum wird am Dienstag die Ausstellung „Trecker nach HannoverGorleben und die Bewegung zum Atomausstieg“ eröffnet, in der auch „Atomkraft? Nein Danke“-Buttons und „Gorleben soll leben“-Plakate zu sehen sind, ebenso wie Gitarren, Liederbücher und Schlafsäcke, die damals dabei waren.

Was in Gorleben geplant war – und was daraus wurde

Es waren hochfliegende Pläne, geboren aus einem ungetrübten Fortschrittsglauben, der heute kaum noch nachvollziehbar ist. Niedersachsens Landesregierung wollte 1979 im Wendland ein nukleares Entsorgungszentrum gigantischen Ausmaßes errichten. Auf mehr als 15 Quadratkilometern sollten unter anderem ein Eingangslager für abgebrannte Brennelemente, eine Wiederaufbereitungsanlage, eine Brennelementefabrik und ein Endlager unter der Erdoberfläche entstehen. Angesichts der Proteste ruderte Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) zumindest ein Stück weit zurück; er räumte ein, dass die Wiederaufbereitungsanlage politisch nicht durchzusetzen war und rückte von den Plänen für den großen nuklearen Entsorgungspark ab. Für die Protestler war dies aber nur ein Teilerfolg, denn am Plan für ein Atommüll-Lager im Kreis Lüchow-Dannenberg hielt die Landesregierung fest. Seit 1986 wurde in einem „Erkundungsbergwerk“ die Eignung des Salzstocks Gorleben als Endlagerstätte geprüft. Insgesamt 113 Castor-Behälter mit radioaktivem Material wurden bis 2011 in das Zwischenlager transportiert – begleitet von ständigen Protesten.

„Bis 1979 war die Atomenergie ein Heilsversprechen für die Zukunft gewesen“, sagt Museumsdirektor Thomas Schwark. Dies änderte sich auch mit diesen Protesten schlagartig. Zwei Jahre zuvor hatte die niedersächsische Landesregierung unter Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) den Plan aufgenommen, im Zonenrandgebiet im Wendland eine gewaltige Atomanlage einzurichten. Im Frühjahr 1979 sollte es in Hannover ein internationales Experten-Hearing zur Sicherheit des Salzstocks in Gorleben geben – aus Sicht der Kritiker eine Alibi-Veranstaltung.

Auftrieb erhielt die Anti-Atombewegung durch die Kernschmelze im Kernkraftwerk Harrisburg in Pennsylvania am 28. März 1979. Rund 200 000 Menschen mussten nach dem Atomunfall evakuiert werden. Ähnlich wie später die Katastrophe in Fukushima öffnete der beängstigende Zwischenfall vielen die Augen dafür, wie unkontrollierbar die Atomkraft war.

Gorleben soll leben“

In der Ausstellung ist eine WG-Küche aus den Siebzigern (inklusive Büchern von Günter Wallraff und Peter Brückner im Regal) ebenso nachgebaut wie eine Dorfkneipe im Wendland – und es gibt eine Sitzbank aus dem Landtag zu sehen. Protestplakate sind liebevoll um quittegelbe Fässer mit Atomwarnzeichen gruppiert, und Parolen wie „Gorleben soll leben“ erwecken den Geist der damaligen Zeit neu zum Leben. Viele Exponate stammen aus dem Gorleben-Archiv Lüneburg, das Relikte der Bewegung sorgsam verwahrt. Studierende der Leibniz-Uni haben den Fundus gesichtet und die Ausstellung mitgestaltet.

Zu sehen sind auch Filmbeiträge aus der Tagesschau, und an einer Station sind Tonaufnahmen von der Räumung des legendären Hüttendorfes 1980 zu hören. Hunderte Siedler hatten sich häuslich im Wald eingerichtet, bei Solidaritätsbesuchen schauten Prominente wie Liedermacher Wolf Biermann und der aufstrebende Jungpolitiker Gerhard Schröder vorbei – bis 3000 Beamte das Dorf in der kurzzeitig ausgerufenen „Republik freies Wendland“ schließlich räumten. Einen Teilerfolg erzielten die Demonstranten trotzdem, denn Ernst Albrecht rückte am Ende zumindest von einem Teil seiner Pläne für den gigantischen Atomentsorgungspark ab.

Der Charme wohliger Nostalgie umflort die Ausstellung, die gleichwohl aktuelle Bezüge bieten will – nicht nur, indem sie jungen Besuchern eine eigene App für interaktive Rundgänge bietet. „Damals wurde die klassische parlamentarische Demokratie durch andere Mechanismen ergänzt“, sagt der Detlef Schmiechen-Ackermann vom Institut für Didaktik der Demokratie an der Leibniz-Uni, der die Schau mit konzipiert hat. Es entstanden neue Formen von Bürgerbeteiligung und politischer Partizipation auch außerhalb von Wahlen. Die aktuellen Freitagsdemos von Schülern gegen den Klimawandel etwa sieht der Historiker ganz in der Tradition des großen Gorleben-Trecks. „Die Proteste gegen die Atompolitik“, sagt er, „haben das Land verändert.“

Kino, Debatten und ein Gottesdienst

Die Ausstellung „Trecker nach Hannover“ ist im Historischen Museum, Pferdestraße 6, bis zum 28. Juli zu sehen. Führungen gibt es am 31. März, 14. April, 19. Mai, 16. Juni und 14. Juli jeweils um 15 Uhr. Literarische Führungen präsentiert Marie Dettmer am 27. April und 26. Mai jeweils um 14 Uhr. Einen Gottesdienst zum Thema „Freude an der Schöpfung“ feiert Pastorin Hanna Kreisel-Liebermann am kommenden Sonntag, 31. März, um 18 Uhr.

Im umfangreichen Begleitprogramm spricht unter anderem Sozialwissenschaftler Wolf Schünemann am 7. Mai, 18 Uhr, zum Thema „Internet und Digitalisierung als Gefahren für die Demokratie?“. Eine Podiumsdiskussion beschäftigt sich am 16. Mai, 18 Uhr, mit der Tradition der Kulturellen Landpartien im Wendland; dabei sind unter anderem Politikerin Rebecca Harms und Zeichner Wolf-Rüdiger Marunde zu Gast. Das Kino im Künstlerhaus startet am 2. April, 19.30 Uhr, eine Filmreihe zum Thema; zum Auftakt ist „Die Herren machen das selber, dass ihnen der arme Mann feyndt wird“ von 1979 zu sehen. Und eine Fachtagung widmet sich am 21. und 22. Juni mit dem Gorleben-Treck. Infos dazu unter (0511) 76 24 698.

Von Simon Benne

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