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Hannover Warum ein 96-Jähriger aus Hannover das Abitur bekommt
Nachrichten Hannover Warum ein 96-Jähriger aus Hannover das Abitur bekommt
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06:00 06.06.2019
„Man kann alles verlieren – nur nicht das, was man im Kopf hat“: Salomon Finkelstein. Quelle: Benne
Hannover

Er war ein Bücherwurm. „Schuld und Sühne“ von Dostojewski las er schon als Jugendlicher. Und er ging gerne in die Schule. Dann kamen die Nazis. Salomon Finkelstein war gerade 17 Jahre alt, als die Deutschen seine Heimatstadt Lodz in Polen besetzten. Seine Familie wurde in das Getto verschleppt, später kam er ins KZ. In einem Alter, in dem andere Jugendliche den Schulabschluss machen, kämpfte der junge Jude in Auschwitz ums Überleben. „Ich habe es immer bedauert, dass ich nie das Abitur machen konnte, aber die Nazis haben es nicht zugelassen“, sagt der 96-Jährige, der heute in der Südstadt lebt.

Jetzt, mehr als 74 Jahre nach seiner Befreiung, bekommt Salomon Finkelstein doch noch das Abitur. Die Albert-Einstein-Schule in Laatzen hat entschieden, ihm das Reifezeugnis ehrenhalber auszustellen. Ohne Noten, doch mit Stempel und Unterschriften.

Rund 36.000 Abiturienten bekommen in Niedersachsen in diesem Jahr ihr Reifezeugnis – Salomon Finkelstein, der am 1. Juli seinen 97. Geburtstag feiert, dürfte der älteste von ihnen sein. Am Freitag soll es ihm in einer Feierstunde überreicht werden. Die Idee dazu habe ein Zehntklässler gehabt, sagt Geschichtslehrer Wilhelm Paetzmann: „Wir können Unrecht nicht ungeschehen machen, aber wir wollen doch ein Zeichen setzen.“

Am Freitag ist Abi-Feier

Der hochbetagte Salomon Finkelstein hat in den vergangenen Jahren immer wieder in Schulen von seinem Schicksal berichtet. Er sprach darüber, wie die Menschen im Getto verhungerten und wie er in Auschwitz am SS-Arzt Josef Mengele vorbeigehen musste, der in der Höhe von 1,56 Meter einen Strich an die Wand gezogen hatte: „Kinder, die nicht an diesen Strich heranreichten, waren zum Tode verurteilt, wurden abtransportiert zum Vergasen.“ Wenn er davon sprach, wurden auch die lebhaftesten Schüler sehr, sehr still.

Am Freitag soll nun eine Schulband Swingmusik bei seiner Abi-Feier spielen. Es gibt offizielle Reden, auch Laatzens Bürgermeister Jürgen Köhne hat sich angesagt. Finkelstein ist seit langem Ehrenbürger der Stadt. Vor allem aber werden rund 450 Schüler dabei sein. „Die meisten davon haben ihn persönlich erlebt, unsere Schule hat ihm viel zu verdanken“, sagt Geschichtslehrer Paetzmann.

Tochter hält Rede bei Feierstunde

„Damit hätte ich nie im Leben gerechnet – nur schade, dass meine alten Lehrer das nicht mehr miterleben können“, sagte Salomon Finkelstein der HAZ. „Dass ich die Schule nicht länger besuchen konnte, war ein großes Unglück für mich.“ Der kultivierte alte Herr legte zeitlebens großen Wert auf Bildung, seine drei Töchter machten allesamt das Abitur. „Man kann im Leben alles verlieren“, sagte er ihnen immer wieder, „nur nicht das, was man im Kopf hat.“

Bei der Feierstunde wird seine Tochter Daniela Finkelstein stellvertretend für den betagten Abiturienten sprechen. Sie will in ihrer Rede daran erinnern, dass Menschen auch heute noch in vielen Teilen der Welt der Zugang zu Bildung verwehrt wird. Für ihren Vater kommt die Anerkennung spät – aber nicht so spät, dass er sich nicht darüber freuen könnte. Nein, an ein Studium ist nicht zu denken. „Es ist aber schön“, sagt er lächelnd, „dass sie an der Albert-Einstein-Schule auf den kleinen Finkelstein gekommen sind.“

Von Simon Benne

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