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Hannover Holocaust-Überlebender Salomon Finkelstein gestorben
Nachrichten Hannover Holocaust-Überlebender Salomon Finkelstein gestorben
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00:16 30.06.2019
„Vergesst den kleinen Finkelstein nicht“: Salomon Finkelstein war einer der letzten Überlebenden des Holocaust – am Mittwochabendist er nun in Hannover gestorben. Quelle: Christian Burkert
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Hannover

Er sagte den Satz oft: „Fragt uns, wir sind die letzten!“ Dabei hatte er selbst erst spät, als alter Mann schon, begonnen, seine Geschichte auch Fremden zu erzählen. Vor Tausenden von Schülern berichtete Salomon Finkelstein dann über mehrere Jahre hinweg von der NS-Zeit. Er berichtete vom Leben im KZ. Vom Hunger und von den Schlägen und davon, wie die Nazis in Auschwitz sagten: „Ihr wollt die Freiheit? Nur über den Schornstein!“

Wenn er davon sprach, herrschte in den überfüllten Schulsälen eine fast physisch greifbare Stille. Und am Ende applaudierten die Schüler aufgewühlt, im Bewusstsein, dass sie als letzte Generation ein Stück Geschichte aus erster Hand bekommen hatten. Als der schon sichtlich geschwächte alte Herr vor wenigen Wochen das Ehrenabitur an der Laatzener Albert-Einstein-Schule bekam, erhoben sich Hunderte Jugendliche von ihren Plätzen.

Es war nicht leicht für ihn, die Erinnerungen mit jedem Bericht wieder zu durchleben. Doch zugleich war die Anerkennung für ihn eine späte Genugtuung. Und er stellte sich seiner Aufgabe mit bemerkenswerter Energie: „Die Leute sollen nicht weggehen, als wäre nichts gewesen“, sagte er einmal. „Ich habe den Ehrgeiz, dass meine Geschichte in Erinnerung bleibt.“

„Ich war eine Nummer“

Jetzt ist Salomon Finkelstein in der MHH wenige Tage vor seinem 97. Geburtstag gestorben, den er noch in der Villa Seligmann hatte feiern wollen, dem Haus der jüdischen Musik. Die Stadt verliert damit eine ihrer beeindruckendsten Persönlichkeiten.

Finkelstein stammte aus einer Welt, die es nicht mehr gibt. Er wuchs auf im multikulturellen Lodz, das von Polen, Deutschen und Juden bevölkert war. Nach dem Einmarsch der Nazis wurden der 17-Jährige und seine Familie mit anderen Juden im Getto der Stadt zusammengepfercht. Dort herrschte blanker Hunger: „Die Menschen mussten sich an den Wänden festhalten, so schwach waren sie“, sagte er.

Später musste er als Zwangsarbeiter beim Autobahnbau schuften – und 1943 kam er nach Auschwitz. „Auschwitz ist nicht darstellbar“ – das war noch so ein Satz, den er oft sagte, wenn er vor Schülern, bei Gedenkveranstaltungen oder einem freundschaftlichen Treffen mit Vertretern der Palästinensischen Gemeinde sprach. Er versuchte es trotzdem. Er erzählte vom KZ-Arzt Josef Mengele, der einen Strich an die Wand malte und jene Kinder in den Tod schickte, die an diesen Strich nicht heranreichten. Und von KZ-Schergen, die abends mit ihren Kindern spielten, während sie tagsüber töteten. „Ich kann das nicht verstehen“, sagte er dann. Ein ehrlicher, ratloser Satz angesichts eines Themas, über das große Gelehrte ihre komplexen Theorien aufstellen. Der Satz eines Mannes, der aus eigenem, leidvollen Erleben wusste, was er da nicht verstehen konnte und wollte.

„Zwei Jahre war ich kein Mensch, nur eine Nummer“, bemerkte er in seinen Erinnerungen, welche die Autorin Renate Müller de Paoli im Auftrag von Stadt und Region als Buch veröffentlichte. Vor Kriegsende schafften die Nazis ihn mit anderen Häftlingen ins KZ Dora-Mittelbau, wo die „Vergeltungswaffe“ V2 gebaut wurde. Schließlich wurde er auf einem Todesmarsch befreit. Aber was heißt schon frei, angesichts der Bilder, die er zeitlebens im Kopf behalten sollte.

In Deutschland angekommen

Finkelstein blieb in Deutschland. Er unterschied sehr genau zwischen den Deutschen und den Nazis. Das hatte er schon in Auschwitz gelernt. Als er dort einmal von „den Deutschen“ sprach, so berichtete er 2010 in einer bewegenden Rede vorm Landtag, hätten ihn andere Häftlinge korrigiert: „Das ist nicht unser Deutschland, das wir gekannt haben.“

Pauschalurteile über „die Deutschen“ oder „die Juden“ mochte er ohnehin nicht. Angesichts der Wucht des von ihm erlebten Leids muss dieser Sinn für Differenzierung besonders beeindrucken. Ebenso wie der Umstand, dass er Menschen mochte. Trotz allem. Wenn er mit seinem 2018 verstorbenen Freund Henry Korman, einem Schicksalsgefährten, in der „Holländischen Kakaostube“ das Weltgeschehen besprach, oft umlagert von einer Traube von Freunden, spiegelte sich diese Menschenfreundlichkeit in seinem Mienenspiel, ebenso wie seine schelmische Weisheit und seine melancholische Traurigkeit.

„Ein beeindruckender Mensch“

Auf den Tod von Salomon Finkelstein haben viele Menschen mit Trauer und Anteilnahme reagiert. „Dies ist ein trauriger Tag für die jüdische Gemeinde. Salomon Finkelstein war der letzte Auschwitz-Überlebende in Hannover. Mit ihm ist ein wertvoller Zeitzeuge für immer verstummt“, sagt Michael Fürst, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde.

Regionspräsident Hauke Jagau würdigte Finkelstein als beeindruckende Persönlichkeit: „Trotz seiner Erfahrungen im Nationalsozialismus ist Deutschland seine Heimat geworden. Er war bereit zur Versöhnung mit den Deutschen und hat sich sein Leben lang für die Verständigung eingesetzt. Ich habe Salomon Finkelstein als sehr feinen und höflichen Menschen erlebt.“

Ministerpräsident Stephan Weil zeigte sich ebenfalls tief betroffen: „Ich habe Salomon Finkelstein bei zahlreichen persönlichen Begegnungen als herausragende Persönlichkeit kennen und schätzen gelernt. Niedersachsen verliert einen beeindruckenden Menschen.“

Nach dem Krieg umgab er sich lieber mit jungen Leuten: „Die Älteren waren mir verdächtig“, sagte er. Wer konnte schon so genau wissen, was sie vor 1945 gemacht hatten. Innerlich saß er lange auf gepackten Koffern. Das blieb so, bis die Stadt Laatzen den Vater von drei Töchtern 2013 zum Ehrenbürger ernannte: „Ich bin in diesem Lande gern gesehen. Ich bin angekommen“, sagte der in der Südstadt lebende Salomon Finkelstein damals.

Viele Ehrungen wurden ihm zuteil, als er alt war. Vom Ministerpräsidenten bis zum Oberbürgermeister waren Honoratioren stolz darauf, ihn zu kennen. Nicht umgekehrt. Ihnen allen sagte er dasselbe wie den Schülern: „Helft mit, dass so etwas nie wieder geschieht.“ Aus seinem Mund war das keine politische Floskel. Er sagte es mit der authentischen Autorität des Überlebenden. Und als wäre das sein persönliches Vermächtnis, fügte er manchmal noch hinzu: „Vergesst den kleinen Finkelstein nicht.“

Von Simon Benne

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