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Hannover Kältebusse helfen Obdachlosen
Nachrichten Hannover Kältebusse helfen Obdachlosen
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00:18 27.01.2019
„Das es so etwas gibt, ist wirklich ein Segen“: Helfer der Malteser verteilen mit dem Kältebus Suppe und Tee an Obdachlose. Quelle: Villegas
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Hannover

Bedächtig legt er die Finger um seinen Plastikteller mit Tomatensuppe. Ein kalter Wind weht über den Raschplatz, es sind zwei Grad unter null. „Das tut gut, wenn man sich von innen aufwärmen kann“, sagt der Mann, den hier alle nur Delle nennen. Der 55-Jährige ist einer der Obdachlosen, die zum Kältebus der Malteser gekommen sind. An jedem Donnerstag macht dieser hier Station; ein halbes Dutzend ehrenamtliche Helfer verteilt Suppe und Tee. „Dass es so etwas gibt, ist wirklich ein Segen“, sagt Delle dankbar.

Viele der Gäste, die sich an diesem Abend am Kältebus drängen, können Geschichten von verlorenen Jobs erzählen, von zerbrochenen Träumen, von Drogen, Knast und dem Leben auf der Straße. Delle schläft momentan unter der Rolltreppe am Kröpcke. Nicht weit davon ist Anfang der Woche ein 54 Jahre alter Mann erfroren. Delle hat ihn gekannt. „Das kann schnell passieren, wenn man Alkohol getrunken hat“, sagt er, während er seine Suppe löffelt.

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Das Leben auf der Straße ist in diesen Zeiten ein ständiger Kampf gegen den kalten Tod, und dass einer von ihnen diesen Kampf verloren hat, beschäftigt die Obdachlosen am Kältebus. „Dass ein Mensch auf der Straße erfriert, das dürfte es in Deutschland nicht geben“, sagt ein 58-Jähriger mit Strickmütze. „Das Interconti steht doch gerade leer – warum öffnet die Stadt das nicht nachts?“ Ein anderer murmelt beifällig: „Man fragt sich schon, wer wohl der nächste ist.“

„Wir behandeln nur Symptome“

Die Malteser haben mehr als 50 Liter kochend heiße Suppe in ihrem Bus, dazu kiloweise Brot, und bei Bedarf bekommen Obdachlose hier auch Decken, einen Schlafsack oder warme Socken. „An jedem Abend kommen etwa 80 Gäste zu uns auf den Raschplatz oder zum Kröpcke – und wir werden alles los“, sagt Projektleiter Markus Stottut. Der Bedarf sei groß. „Wir können Probleme allerdings nur lindern, wir schaffen sie nicht aus der Welt. Das ist reine Symptombehandlung“, sagt der 29-Jährige.

Im Wechsel schicken Johanniter, Caritas und Malteser derzeit täglich von montags bis freitags Kältebusse durch die Stadt. Allein bei den Maltesern engagieren sich 25 ehrenamtliche Helfer. Einer von ihnen ist Thomas Mohrbacher. Seit der 59-Jährige Frührentner ist, hat er Zeit für soziales Engagement. „Unsere Gäste sind ausgesprochen freundlich, es gibt nie Gedränge“, sagt er und schenkt Karsten einen Kaffee ein. Karsten ist Dauergast bei den Kältebussen; er unterhält sich gerne mit den Helfern: „Das sind echt korrekte Menschen – und so was Zwischenmenschliches baut Stress ab“, sagt er.

Schlafsäcke in der Marktkirche

Die Marktkirche hat in dieser Nacht ihre Türen für Obdachlose geöffnet. Ein Dutzend Männer und Frauen hat Schlafsäcke unter der Orgelempore ausgerollt, es gibt heißen Tee und Kekse. „Natürlich ist das keine Lösung, sondern nur eine Notfallmaßnahme“, sagt Pastorin Hanna Kreisel-Liebermann. Im Mittelgang schläft Schäferhündin Leica. „Mit ihr darf ich nicht in die städtischen Unterkünfte“, sagt ihr Besitzer Johnny, „aber dort wird man sowieso krank, und man wird beklaut.“

Die Diakonie schätzt, dass mehr als 400 Menschen in Hannover auf der Straße leben – Tendenz steigend. Viele kommen aus Osteuropa. Rund 2700-mal wurden Obdachlose im Kontaktladen Mecki im vergangenen Jahr medizinisch versorgt, sagt Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes: „Seit der Ordnungsdienst unterwegs ist, sieht man zwar weniger Obdachlose in der City“, sagt er. „Sie werden aber nur an die Ränder gedrängt – und sind nach wie vor da.“

Die Marktkirche wird auch in der Nacht zum Sonntag wieder für Obdachlose geöffnet sein. Das DRK hat die Öffnungszeiten der Notschlafplätze im früheren Möbelmarkt an der Straße Alter Flughafen ausgeweitet. Dort finden Obdachlose von 17 bis 9 Uhr 150 Schlafplätze vor.

Hilfe für Obdachlose

Caritas und Malteser bitten um Geld- und Sachspenden für ihre Kältebusse. Gesucht werden unter anderem Schlafsäcke, Isomatten, Rettungsdecken aus Verbandskästen, Handschuhe, Mützen, neuwertige Unterwäsche oder Thermoskannen. Diese können im Haus der Caritas, Leibnizufer 13-15 abgegeben werden. Geöffnet ist dieses Montag, Dienstag, Donnerstag von 8 bis 16 Uhr sowie mittwochs von 9 bis 18 Uhr und freitags von 8 bis 13 Uhr. Mehr Informationen unter (0511) 12600-1044.

Von Simon Benne