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Hannover Romakinder in Notunterkunft erhalten Frühförderung
Nachrichten Hannover Romakinder in Notunterkunft erhalten Frühförderung
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13:30 12.07.2019
In der Notunterkunft an der Podbi hat die AWO mit der Niedergerke-Stiftung einen Spielkreis für Vorschulkinder eingerichtet: Ricarda und Udo Niedergerke (Bild von links nach rechts), Gabriele Schuppe (AWO) und Anja Becker ( Erzieherin) freuen sich. Quelle: Samantha Franson
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List

„Grün. Das ist der grüne Stift. Schau, grün“. Kinderbetreuerin Sevgi Gürbüz hält dem kleinen Isaac geduldig einen Buntstift hin. Die 40-Jährige sitzt an einem Kindertisch in einem holzgetäfelten Raum in der Notunterkunft Podbielskistraße 115 in der List. Selbst gemachte Sonnenblumenbilder hängen an den Wänden, ein bunter Kinderteppich ziert den Boden. Der vierjährige Isaac bemalt mit dicken Strichen eine Malvorlage mit einem Auto. Er guckt, lacht, zeigt auf den Stift, aber er bleibt stumm. Gürbüz gibt nicht auf: „Und das ist ein blauer Buntstift. Schau, blau“, sagt sie und zeigt ihm den nächsten Stift. „Blau“, wiederholt Isaac irgendwann unbeholfen. Er ist kaum zu verstehen.

Isaac ist eines von 75 Romakindern in der Unterkunft in der List. Seit Januar 2019 sind viele obdachlose Familien dort eingezogen, zunächst aus der Notunterkunft an der Alten Peiner Heerstraße in Lahe, später kamen Familien aus dem Burgweg dazu. 30 der Kinder sind im Krippen- beziehungsweise Kindergartenalter. Aber sie finden keinen Platz. Die meisten Einrichtungen in der Gegend seien überfüllt, Bemühungen um Plätze bislang erfolglos geblieben, sagt Erzieherin Michelle Brandt, die 30 Stunden pro Woche für die Kinderbetreuung in der von Living Quarter betriebenen Notunterkunft zuständig ist. Um den Kindern dennoch grundlegende Fertigkeiten wie Malen, Schneiden und Kleben für einen Kindergarten- oder später den Schulbesuch zu vermitteln, gibt es jetzt das Programm „Fit für den Kindergarten“ beziehungsweise „Fit für die Schule“.

Förderung auf breitere Füße stellen

Die AWO-Region Hannover hat es zusammen mit der Niedergerke-Stiftung aufgelegt. „Wir freuen uns, dass wir durch unsere Initiative dazu beitragen, die Förderung der Kinder in der Unterkunft auf breitere Füße zu stellen“, betont Udo Niedergerke. „Es ist uns ein dringendes Anliegen, auch die Kleinsten an das Bildungssystem heranzuführen“, ergänzt Ehefrau Ricarda.

1500 Euro gibt die Stiftung, die Stadt noch einmal 4000 Euro dazu, sodass das Programm bis zum Jahresende gesichert ist. Immer dienstags und donnerstags jeweils zwei Stunden lang werden höchstens acht Kinder zwischen null und sechs Jahren betreut. „Wir wollen ihnen einen guten Start in die Kita und in die Schule vermitteln“, sagt Beate Kopmann, Leiterin der Familienbildung bei der AWO. Die Förderung von Grob- und Feinmotorik, der Umgang mit Schere, Stift, Klebstoff und Papier stehen im Vordergrund. Das Hauptproblem aber, das ist unübersehbar, ist erst einmal: Deutsch. Keines der Kinder, die an diesem Tag in dem Raum malen und basteln, kann sich auf Deutsch verständigen. Die meisten sprechen Romanes, die Sprache der Roma. Eine 14-jährige Bewohnerin der Notunterkunft sitzt mit am Tisch und übersetzt. „Mit solchen Sprachkenntnissen bei den Kleinen sind Probleme in der Schule vorprogrammiert“, sagt AWO-Fachbereichsleiterin Gabriele Schuppe.

Fortschritte schon nach kurzer Dauer

Das neue Projekt von Stadt und AWO setzt auch da an: „Wir sprechen nur Deutsch mit den Kindern“, betont Anja Becker, Ergotherapeutin und Teil des Teams in dem kleinen Projekt. „Wir wiederholen immer wieder dieselben Worte, die Namen von Farben, Zahlen“, sagt die 54-Jährige. „Und wir merken schon jetzt, nach dieser kurzen Projektdauer, dass es Fortschritte gibt.“

Kommentar: Fit für das Leben

Wer sich schon immer fragte, was wohl das Wort „niedrigschwellig“ bedeutet, der werfe einen Blick auf die beiden Programme „Fit für den Kindergarten“ und „Fit für die Schule“. Die Projekte versuchen, Kindern, die in einer Parallelgesellschaft aufwachsen, einen Weg in unsere Welt zu zeigen. Es geht darum, Grundlagen für ein Zusammenleben zu schaffen.

Teilhabe beginnt mit dem Elementarsten – allem voran mit Sprache, aber auch mit motorischen Fertigkeiten. Zum Beispiel der richtigen Haltung eines Stifts. Wenn es sogar an solch fundamentalen Fertigkeiten hapert, muss die Vermittlung von Werten und Normen scheitern.

Die AWO-Region Hannover hat die Programme gemeinsam mit der Niedergerke-Stiftung aufgelegt. Die Finanzmittel dafür sind sicherlich gut investiert. Denn je später man damit beginnt, Kinder für die Herausforderungen vorzubereiten, die hierzulande auf sie zukommen, desto größer ist der Nachholbedarf.

Und eine Gesellschaft, die dauerhaft in Kauf nimmt, dass ein Teil ihrer Bürger außen vor bleibt, zahlt am Ende drauf.

Von Jutta Rinas

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